»Ja, vor allem du mit deinen sonnenhungrigen Heuschrecken!«, erwiderte Lea, jetzt wieder etwas entspannter. »Maja und ich können ja unsere Pflänzchen noch bei jedem Wetter sammeln.«
Patrick setzte sich an den Küchentisch und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. »Na ja, aber wenn die Sonne scheint, macht auch das mehr Spass.«
Pfeifend erschien jetzt auch Maja in der Küche und schnappte sich, ohne abzusitzen, vom Tisch ein Stück Käse. Sie blickte zum Fenster hinaus und rief: »Ach, ist das Leben schön! Statt im Büro zu sitzen, streifen wir durch die Bergwelt, lassen uns die Sonne auf den Pelz scheinen und sammeln nebenbei ein paar Pflanzen ein. Was könnte man noch mehr wollen? Lea, was ist dein Ziel heute?«
Widerwillig löste Lea ihren Blick von Patrick und wandte sich Maja zu. »Ich möchte gerne die trockenen Rasenhänge nordwestlich des Gagenhaupts nochmals gründlich überprüfen. Es ist ziemlich steil dort, aber bei diesem guten Wetter sollte das ungefährlich sein. Begleitest du mich, Maja?«
Maja nickte eifrig. »Ja, gerne, schon der Sicherheit wegen gehen wir besser zu zweit. Und in diesen trockenen Hängen sollte auch das eine oder andere seltene Gras für meine eigene Arbeit zu finden sein.«
Lea Bucher, Maja Oberle und Patrick Ingold verbrachten zusammen den Sommer in Zermatt, um Daten und Material für ihre Doktorarbeiten zu sammeln. Die Universität hatte ihnen im Dorf eine Vierzimmerwohnung vermittelt, in der sie nun als WG zusammenlebten. Alle drei hatten in Bern Biologie studiert und spezialisierten sich nun auf ein Fachgebiet. Lea untersuchte die Habichtskräuter und verwandte Pflanzen, Maja die Verteilung von Süss- und Sauergräsern und Patrick die Heuschrecken der Region Zermatt. Wenn es das Wetter zuliess, waren sie täglich unterwegs, um die kurze Sommersaison möglichst gut auszunützen. Den ganzen Winter über würden sie dann sehr viel Zeit haben, um in Bern die gesammelten Daten und Belege zu analysieren und zu beschreiben.
»Und du, schöner Mann, wo gehst du heute hin?«, fragte Maja mit einem Augenaufschlag.
Lea hielt es nicht mehr aus und musste ihren Blick abwenden. Patrick biss herzhaft in sein Butterbrot und liess sich Zeit zum Kauen, bevor er antwortete.
»Ich will nochmals in Richtung Trift hinaufsteigen. Ich habe immer noch die Hoffnung, dort den Myrmeleotettix maculatus zu finden.«
»Was für ein schöner Name für eine Heuschrecke«, warf Lea ein, »aber willst du wirklich an einem so heissen Tag wie heute diesen steilen Südhang hinaufkraxeln?«
»Ein wenig leiden für die Forschung muss man eben schon können«, erwiderte Patrick lachend. »Aber ihr zwei habt es ja bequem. Könnt gemütlich mit der Bahn bis Riffelberg fahren und dort botanisieren, ohne ins Schwitzen zu kommen.«
Maja streckte Patrick die Zunge heraus. »Ha, ha, du wirst ja ganz grün vor Neid…«
Lea ballte unter dem Tisch kurz die Faust und erhob sich dann ruckartig. »So, genug geschwafelt. Wir müssen den schönen Tag ausnützen. Maja, wir nehmen den acht Uhr dreissig Zug.« Lea verliess eilig die Küche.
Maja und Patrick blickten sich verdutzt an. »Mensch, ist die aber eifersüchtig…«, flüsterte Maja, »aber warum nur? Wir haben doch überhaupt nichts miteinander!«
Lea und Maja hätten eigentlich beste Freundinnen sein können, wenn nur nicht immer wieder diese Eifersuchtsgeschichte dazwischengekommen wäre. In Vielem waren sie sich sehr ähnlich. Ihre Liebe zur Pflanzenwelt und zu den Bergen, ihre natürliche, unkomplizierte Wesensart, ihr schlichtes Auftreten, was Kleidung und Schminke betraf, ihre seriöse Arbeitsauffassung, all dies teilten die beiden jungen Frauen. Aber so unkompliziert Lea im Umgang mit dem eigenen Geschlecht war, so zurückhaltend, beinahe ängstlich, gab sie sich gegenüber Männern, die ihr gefielen. Maja hingegen hatte zu jedem Mann sofort einen Draht und begann mit ihm, ganz ohne Hintergedanken, problemlos ein lockeres und lustiges Gespräch. Lea musste sich eingestehen, dass sie in diesem Punkt ausgesprochen neidisch auf ihre Kollegin war. Richtig bewusst war ihr das aber erst diesen Sommer geworden, seit sie mit Maja und Patrick im selben Haushalt lebte.
Claudia und Daniel Vontobel erschienen als erste Gäste im Frühstückssaal des Hotels Steinbock.
»Guten Morgen, Herr und Frau Vontobel! Gut geschlafen?« Wie jeden Morgen begrüsste Hotelassistentin Monika Maier die Gäste mit ihrem bezaubernden Lächeln. Die meisten Hotelgäste freuten sich an ihrem freundlichen Tiroler Dialekt und ihrem kecken Dirndl, und sie wechselten jeweils ein paar Worte mit ihr. Claudia jedoch nickte ihr heute nur kurz zu und eilte weiter in Richtung Frühstücksbuffet, während Daniel einen Augenblick zögerte.
»Wissen Sie auch, was heute für ein besonderer Tag ist?«, kam ihm die Österreicherin zu Hilfe.
Daniel blieb stehen und wandte sich um. »Natürlich, jetzt, wo Sie fragen… Das Matterhorn-Jubiläum!«
Monika Maier lachte kurz auf. »Richtig, Herr Vontobel! Genau heute vor 150 Jahren wurde das Matterhorn zum ersten Mal bestiegen. Leider nicht von Österreichern…«
Daniel grinste. »Nein, da waren die Schweizer und die Engländer schneller und mutiger. Wissen Sie, auch heute noch sind die Schweizer nicht zu unterschätzen…«
Daniel hatte sich unterdessen der hübschen Assistentin genähert und blickte wie gebannt in ihre grünen Augen.
»Kommst du endlich, Daniel?«, tönte es vom Buffet her.
»Ehm, ja, sofort…«, rief er zurück. »Sie entschuldigen mich?«, flüsterte Daniel der Assistentin mit einem Augenzwinkern zu und wandte sich um.
Kaum hatten Claudia und Daniel mit ihren gefüllten Tellern am weiss gedeckten Tisch Platz genommen, erschien Hoteldirektor Balthasar Biner im Saal.
Er blickte sich kurz um und eilte dann auf ihren Tisch zu. »Oh, Sie sind aber früh aufgestanden heute! Guten Morgen! Es steht wohl etwas Besonderes auf dem Programm?«
»In der Tat«, bestätigte Claudia Vontobel, »wir steigen heute zu Fuss zum Gornergrat hinauf und übernachten dort oben im Hotel. Wissen Sie, mein Geburtstagsgeschenk für meinen Mann.«
»Oh, ein ganz besonderes Geschenk! Und dann noch bei diesem traumhaften Wetter! Ich wünsche Ihnen jedenfalls eine unvergessliche Tour!« Biner eilte weiter, ohne im Entferntesten zu ahnen, welch besondere Wahrheit er mit seinen letzten Worten ausgesprochen hatte.
Lea und Maja waren mit der Gornergratbahn bis zur Station Riffelberg gefahren und hatten dann in einer halben Stunde Fussmarsch ihr heutiges Untersuchungsgebiet auf rund 2‘400 Metern Höhe erreicht. Mit Erleichterung hatte Lea bemerkt, dass sich ihre morgendliche aggressive Stimmung mit jedem Schritt in der klaren Bergluft mehr und mehr verflüchtigte, und dass sie schliesslich wieder ganz freundschaftlich mit Maja umgehen konnte. Die Studentinnen legten ihre Rucksäcke ab und bestaunten zunächst die phänomenale Aussicht, die sich ihnen darbot.
Unter ihnen erstreckte sich der breite, von unzähligen Spalten zerklüftete Eisstrom des Gornergletschers. Darüber flimmerte die riesige, vollkommen eisgepanzerte Nordflanke des Breithorns, rechts davon ragte, wie ein Eckzahn, der Felsgipfel des sogenannten Kleinen Matterhorns aus der Gletscherfläche, und ein Stück weiter rechts erhob sich die riesige Pyramide des echten Matterhorns in den tiefblauen Himmel. Links vom Breithorn war noch ein Teil des mächtigen Liskamms zu sehen, während der Monte Rosa, der höchste Gipfel auf Schweizer Boden, von einem Felsvorsprung verdeckt wurde. Die Pracht des Hochgebirges war einfach unbeschreiblich!
Nach gebührender Würdigung der Fernsicht packten Lea und Maja ihre wenigen Hilfsmittel aus – Bleistifte, Notizheft, Lupe und Pflanzenbücher – und begannen, jede für sich, den steilen, mit Gräsern und zahllosen Alpenblumen bewachsenen Südwesthang systematisch zu untersuchen. Sie machten sich eifrig Notizen, welche Arten von Pflanzen sie vorfanden, und immer wenn sie etwas Besonderes fanden oder etwas, das sie nicht sicher kannten, verstauten sie die Pflanze in einem Plastiksäckchen, um sie zuhause noch detaillierter anzuschauen und dann zwischen alten Zeitungsseiten für das Herbar zu trocknen.
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