Die alte Seggenseerin? »Wie kommst du denn darauf?«
»Na ja, wegen der Verbindung zu einem Tier … nur kein Ziegenbock, sondern ein Marder.«
Ich sah sie verdutzt an. »Woher weißt du überhaupt von der und ihrem Ziegenbock?«
»Diese Geschichte erzählen sich doch alle im Dorf.« Sie zuckte mit den Schultern und machte sich wieder ans Haareschneiden.
Taten sie das? Wie töricht von mir anzunehmen, dass Alraune mir das streng vertraulich zugesteckt hatte.
»Weiß nicht, vielleicht«, murmelte ich. Eine Begabte war sie gewesen, die alte Seggenseerin, aber mit ihr wollte ich beim besten Willen nicht verglichen werden – nach all den Schauermärchen, die Alraune mir über sie erzählt hatte. Was für ein entsetzliches Weib!
»Schon arg, dass Korvinus’ Großmutter eine Begabte war und er führt sich jetzt auf, als wäre er der Oberhüter … pffff«, plapperte Fria.
Ich wandte mich zu ihr um. Plötzlich ergab alles Sinn. Warum hatte ich diesen Schluss nie gezogen? »Vielleicht ja gerade deswegen. Die alte Seggenseerin soll seine Mutter ins Grab gebracht haben.«
Fria ließ die Schere sinken. »Wirklich? Ich dachte, sie sei an einer seltenen Krankheit verstorben.«
Gab es tatsächlich etwas, was Fria nicht wusste? Unglaublich … und umso besser! Sollten sich die Leute im Dorf doch das Maul darüber zerreißen, wie es in der Burg wirklich zuging. »Alraune hat gesagt, dass die Seggenseerin ihrem Sohn nie zugebilligt hatte, eine Nicht-Begabte zu ehelichen. Die Alte soll Roderiks Frau nach Strich und Faden fertig gemacht haben, so lange, bis sie aus Gram verstorben ist. Korvinus ist der Älteste der drei Seggensee-Kinder. Er war vermutlich alt genug, all das mitzuerleben.«
In einiger Entfernung bellten Hunde. Es war so weit.
Schnell legte ich die Hand auf Frias Arm, nur um sicherzugehen, dass sie stillhielt. Ich prüfte den Wind. Er kam von dort, wo ich das Bellen hörte – Mavanja sei Dank!
»Mach fertig, schnell!«, flüsterte ich und deutete auf meinen Kopf. Schon fielen die letzten Strähnen zu Boden. Ich fuhr mir durch die kurzen Haare. Wie seltsam leicht sich mein Kopf anfühlte.
»Die brauchen wir noch!« Fria sammelte die Strähnen auf.
Das Bellen wurde lauter.
Ich schlich durch das Gebüsch auf den Moosbach zu und lugte durch die Äste.
Bei Mavanja! Dort drüben am anderen Ufer liefen sie entlang. Die Hunde, die Hüter und halb Seggensee … mit Mistgabeln und Dreschflegeln!
Sie zogen Richtung Heilerei – dorthin, wo sie meine Fährte finden würden.
Höchste Zeit, die Brechwurz für Ida zu suchen. Ich drehte und wendete mich, hörte, wie die Hunde den Lauf des Baches aufwärts zogen. Diese Pflanzen wuchsen hier überall. Sollten sie jedenfalls.
Ich lief ein Stück weiter, sah wenige Schritte vor mir die richtigen Blätter. Schnell hockte ich mich hin, das Bellen der Hunde im Ohr. Mit dem Messer hob ich die Wurzel aus. Ich wischte die Erde ab und streckte sie Fria entgegen. »Hier!«, flüsterte ich. »Schneide eine hauchdünne Scheibe davon ab und gib sie Ida zum Kauen. Escha sei mit ihr!«
Fria steckte sie ein, hatte meine Strähnen in der Hand. Auf unserem Weg zur Uferböschung schlug sie damit wie mit einer Rute gegen die Stämme der Bäume. Da wurde mir erst klar, was sie tat.
»Wirf die in den Moosbach … wenn sie dich damit erwischen!«
Doch sie zwinkerte mir zu. »Lass das nur meine Sorge sein«, flüsterte sie. »Wohin wirst du gehen? Nach der Burg, meine ich.«
Hellenfels. Valerian suchen .
Egal, wie er sich benommen hatte, er war der Einzige, der mir helfen konnte.
»Es ist besser, wenn du das nicht weißt.«
Ihre Augen wurden glasig. »Ist er das, der Abschied?«
Ich konnte nichts erwidern, einen Kloß in der Kehle. Ich fiel ihr um den Hals und drückte sie.
Sie erwiderte meine Umarmung, hielt mich so fest, als wolle sie mich nie gehen lassen.
Dann sprang sie über die Steine, die aus dem Wasser des Moosbachs ragten. Auch am anderen Ufer rieb sie meine Strähnen an die Stämme der Bäume. Ein letztes Mal trafen sich unsere Blicke, bevor sie ins Dorf zurücklief.
Bis über die Knie reichte mir das eisige Wasser des Moosbachs. Durch die Äste der Uferböschung sah ich die Burg blitzen. Erhaben stand sie auf ihrem Felsen, schaute ins Tal herab. Die Höhle des Drachen.
Dort musste ich hinein, unbemerkt, wenn ich Alraune retten wollte.
Von jenseits des anderen Ufers hörte ich die Hunde anschlagen. Sie waren nahe, sicher schon dort, wo Fria mir die Haare geschnitten hatte.
Ich stieg aus dem Bach, kroch durch das Gebüsch, lehnte mich an die Mauer der Mühle. Keine Zeit zu verschnaufen. Aber wie konnte ich mich unerkannt durch Seggensee schlagen? Wie in die Burg hineinkommen?
Da hörte ich eine Stimme. Sie war kaum zu verstehen, klang mehr wie zahnloses Nuscheln. Das musste der alte Gerwin sein.
Vorsichtig schob ich mich zur Ecke der Hausmauer, warf einen Blick den Uferweg entlang Richtung Spelzendorf. Niemand zu sehen. Dann wagte ich, um die Ecke zu lugen. Da saß der alte Mann, auf der Bank vor dem Haus, seinen Blindenstock an die Schulter gelehnt.
»Gibt’f doch nicht … fum Henker!«, murmelte er vor sich hin.
Sprach er mit jemandem? War irgendwer im Haus? Es sah nicht so aus.
Das Bellen wurde lauter.
Mutter des Lebens, sie waren sicher schon wieder auf dieser Seite des Bachs! Wenn sie mich hier fanden … ich konnte nicht verweilen.
Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen. Ich musste an Gerwin vorbei, über die Felder, Richtung Burg. Die Tür des Nachbarhauses knarrte. Ich stand auf offener Straße, hatte kein Versteck.
»Hallo, ift da wer?«, rief der alte Gerwin.
Ohne zu überlegen, huschte ich durch die offene Tür der Mühle, kauerte mich hinter einen Schrank.
»Gerwin, alles in Ordnung?«, hörte ich eine Frau draußen sagen.
»Fieglind?«
»Ja, mein lieber Herr Nachbar, ich bin’s!«
»Fetf dich fu mir!«
Das auch noch. Die Hunde würden gleich da sein und ich war in der Mühle gefangen!
Neben mir rieben die schweren Mühlsteine gegeneinander. Feiner Mehlstaub bedeckte alles im Raum. Alles, bis auf die Spuren meiner nassen Schuhe …
Was, wenn Sieglind hereinschaute?
Ich bewegte die klammen Zehen, sah hinunter auf die Lache, die sich rund um meine Füße bildete.
»Wahnfinn, daf mit Alraune«, sagte Gerwin draußen und ich horchte auf, bemüht, das Gespräch der beiden über das stetige Schaben der Mühlsteine hinweg zu verstehen.
»Ach was, höchste Zeit! Vor allem bei der Kleinen habe ich mir das schon immer gedacht.«
»Verbena meinft du?«
»Ja, widerliches Findelkind dieses.«
Ich schnappte nach Luft.
»Hat fich nie geklärt, wo die herkam, oder?«
»Wie ein Kuckuck ins Nest gesetzt hat sich die. Kein Wunder, dass dann herauskommt, dass sie eine Begabte ist. Ihrer Mutter war das wohl von Anfang an klar, sonst hätte sie sie nicht weggegeben. Alraune hätte sie nie aufnehmen dürfen. Das hat sie jetzt davon. Na ja, gleich und gleich gesellt sich gern, vermute ich mal.«
Ich ballte die Fäuste. Was bildete sich dieses Weib ein?
»Meinft du, Alraune auch?« Wenigstens in Gerwins Stimme vernahm ich einen gewissen Unglauben.
»Auf jeden Fall. Wie die mich angesehen hat damals, dieser durchdringende Blick, als ob sie durch mich hindurchschauen könnte. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich nur daran denke! Gut, dass Korvinus sich darum kümmert.«
Woher kam diese Bosheit?
In meiner Tasche grummelte es.
Oh, nein … Malve, bitte nicht!
Hatten sie das gehört? Ich hielt still, hoffte inständig, dass es vom Lärm der Mühlräder überdeckt worden war.
Читать дальше