Sie sah mich verblüfft an.
»Schnell habe ich gesagt!«
Nun spurte sie, eilte die Treppe hinunter und kam kurze Zeit später wieder herauf.
Ohne sie eines Blickes zu würdigen, nahm ich ihr alles ab. Einen der Becher gab ich Erika. »Hör mir gut zu, sie müssen so viel wie möglich trinken – egal, ob es ihnen oben oder unten herauskommt! Wir müssen das Gift aus ihnen herausspülen. Hast du mich verstanden?«
Tränen rannen ihr über die Wangen, aber sie lehnte die kleine Ida an sich und flößte ihr das Wasser ein.
Ich drückte Hedwig den anderen Becher in die Hand. »Trink! So viel du kannst«, sagte ich zu ihr.
»Was ist denn hier los?«, donnerte plötzlich Hederichs Stimme durch den Raum.
Ich drehte mich zur Tür und sah mindestens fünf Leute hereinlugen. »Vergiftet sind sie. Herbstzeitlose.«
»Bei Escha!« Ein Raunen zog die Treppe hinunter. Hatte sich das ganze Dorf in dem kleinen Haus zusammengedrängt?
Hedwig würgte wieder. Gerade noch trat ich einen Schritt zurück, drängte mich zu den Leuten, als der nächste Schwall in der übervollen Waschschüssel landete. Tropfen spritzten über die Ränder. Grünes Erbrochenes klebte nun an meinem Rock.
»Finn, bring mir saubere Waschschüsseln und Nachttöpfe. Und der Rest von euch, geht nach Hause!«, zischte ich die Leute an. Was dachten sie sich bloß dabei? Es war eindeutig zu eng hier, für so einen Auflauf.
Murrend löste sich die Versammlung auf.
»Wie Alraune.«
»Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.«
»Dass die immer so unfreundlich sein müssen.«
»Hexen.«
Ich verzog das Gesicht. Sollten sie doch glauben, was sie wollten. Mir lief die Zeit davon. Wenn Alraune und ich erst einmal weit weg waren, geflüchtet und wieder in Sicherheit … dann konnten sie alle zusehen, wie es ihnen erging, ohne kundige Heilerinnen.
Finn stand inzwischen mit zwei sauberen Nachttöpfen da. Ich nahm sie ihm ab und tauschte die volle Waschschüssel durch einen davon aus. »Die muss ausgeleert werden.«
Er starrte mich an.
»Mach schon. Und bring Tücher mit!«
Vorsichtig nahm er die Schüssel, bemüht, ihren Inhalt nicht zu verschütten.
Ich füllte Hedwigs Becher neu an und hielt ihn ihr hin.
Matt schüttelte sie den Kopf. »Kann nicht.«
»Du musst.« Ich zog sie an den Schultern hoch. »Setz dich weiter auf und trink!«
Nach dem zweiten Schluck kam es ihr gleich wieder hoch. Diesmal war ich bereit und hielt ihr den Nachttopf vors Gesicht.
»Wie geht es Ida?«, fragte ich Erika.
»Sie erbricht nicht, hat sie noch nie getan.«
»Dann steck ihr den Finger in den Hals!«
Egal wie sehr Erika es versuchte, das Mädchen wand sich und biss fest die Zähne aufeinander.
Ob ich ihr noch helfen konnte? Die Vergiftung war schon viel zu weit fortgeschritten.
Ich musste es zumindest versuchen.
»Habt ihr Salz, Brechwurz, irgendetwas?«
Erika schüttelte den Kopf.
Finn war noch nicht zurück. Wo blieb er nur so lange?
Ich schlüpfte in meinen Mantel und hängte mir die Tasche um. »Erika, ich laufe schnell in die Heilerei. Sieh zu, dass beide weiterhin viel trinken! Bin gleich zurück.«
Es regnete immer noch, als ich unten die Haustür der Familie Freisinger öffnete.
Von draußen rammte mich jemand und schubste mich zurück ins Haus. Fria. Sie war außer Atem. Ihre nassen Haare klebten an den Wangen.
»Spinnst du? Ich hab’s eilig!«, fauchte ich sie an und versuchte, mich loszureißen.
»Sei still!«, zischte sie. »Sie werden gleich da sein.«
»Wer?«
»Hüter!« Schnell schloss sie die Tür hinter sich und sah sich um.
Hektisch schob sie mich in den Verschlag unter der Stiege. Sie zwängte sich zu mir und zog den Vorhang hinter sich zu.
Im letzten Augenblick.
Von draußen polterte jemand herein.
Wir hielten den Atem an.
»Hier drinnen ist sie, sagt ihr?«
»Ja, Herr, sie hilft oben den Freisinger Mädchen.« Das war die Stimme der Wirtin. Elende Verräterin!
Schwere Schritte kamen näher, stiegen die Treppe hinauf. Durch die Fugen zwischen den Brettern sah ich einen Schatten über uns hinweggleiten. Staub rieselte herab. Danach ein Zweiter. Ich presste mich in die Ecke. Fria griff nach meiner Hand.
Hinter den beiden stieg die Wirtin hinauf. Unter ihrem Gewicht knarzte die Treppe erst recht.
»Bei den guten Geistern, hier stinkt es! Verbena Ackerl … wo ist sie?«, rief einer.
Erika brauchte einen Moment, um zu antworten. »Nicht hier, Herr.«
»Und das soll ich dir glauben?« Oben zerschellte etwas am Boden.
Die Frauen schrien.
»Jetzt …«, hauchte Fria.
Leise schlüpften wir unter dem Vorhang hervor, huschten in die Küche. Ich duckte mich hinter den Tresen. Fria lugte durch das offene Fenster. Von draußen war nichts zu hören. Zwei Schritte später war sie bei der Hintertür und winkte mir nachzukommen.
Die Treppe knarzte wieder. Die Hüter kamen herunter.
Blindlings rannte ich Fria nach. Hinter dem Haus war niemand. Lautlos zog sie die Tür ins Schloss. Große Tropfen klatschen mir ins Gesicht. Ich holte Luft, kämpfte gegen die Panik an.
Ich packte meine Tasche eng an mich und wir rannten über die Wiese, so schnell uns unsere Beine trugen. Nur weg von hier, auf den Waldrand zu.
Hatten sie Alraune schon?
Wir tauchten zwischen die Büsche. Ich konnte kaum atmen, so sehr schnürte es mir den Brustkorb zu.
Fria zog mich hinter einen breiten Stamm, warf einen Blick zurück. »Himmel, war das knapp!« Sie wischte sich die nassen Haare aus dem Gesicht. »Verbena, du musst flüchten, jetzt sofort!«
Aber was sagte sie da? War das nicht … »Alles deine Schuld! Warum hilfst du mir überhaupt?«
»Tsss.« Sie schüttelte den Kopf. »Das frage ich mich inzwischen auch. Ich habe dir gestern schon gesagt, ich würde dich nie verraten! Aber glaub, was du willst.« Trotzdem blieb sie stehen.
Ein beißender Geruch.
»Riechst du das?«
»Was?«
»Verbrannt.«
Ich sah mich um. Der Wald war nass. Wo kam das her?
Da spürte ich, wie mein Geist in Malves Körper gesaugt wurde.
Er schreckte hoch, kroch unter meiner Decke hervor. Durch die Tür der Kammer wehte Rauch. Auch durch die Spalten zwischen den Bodendielen.
Die Heilerei brannte!
Malve fauchte. Als ob er fliegen würde, sprang er auf den Schrank, kletterte durch das Loch in den Deckenbalken. Überall rauchte es. Am Dachboden rannte er zu einer gebrochenen Schindel, zwängte sich durch den kleinen Spalt nach draußen. Er lief das Dach hinunter, doch der niedrigere Anbau stand schon in Flammen. Eine dichte Rauchsäule wirbelnder Glut zischte im Regen.
Kehr um, Malve! Auf die andere Seite des Hauses …
Er rannte über den First. Auch dort stieg Rauch auf. Er krallte sich am Rand der Schindeln fest. Hinter ihm krachte es. Es gab kein Zurück.
Malve, spring!
Er trippelte vor und zurück. Das Dach ächzte, Flammen züngelten durch die Schindeln.
»Spring!«
»Verbena? Was ist mit dir?«
Ich spürte Frias Hand an meiner Wange. Sie kniete vor mir. Mein Körper lag am Waldboden. Ich setzte mich auf. Nasse Blätter klebten an meinen Händen.
Sie hatten Alraune … und Malve.
Der Albtraum war wahr geworden.
Ich schluchzte, musste wissen, ob Malve es geschafft hatte.
»Du bist auf einmal umgekippt«, sagte Fria.
»Ich weiß, warte!«
Warum war das Band zerrissen? War Malve nicht entkommen? Ich tastete nach dem Amulett, umschloss es mit den Fingern, suchte nach der Verbindung.
Alvar, hilf mir, bitte!
Doch ich fand Malve nicht.
Hatte das Feuer ihn mitgerissen?
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