Im Rahmen der Ermittlungen geriet auch der Name Hasenstamm ins Visier der Kriminalpolizei. Die Beamten hatten aus der Bevölkerung anonyme Hinweise erhalten, dass ein Richard Hasenstamm und sein Sohn Wolfgang, die in der Nähe des Dorfes in einer heruntergekommenen Mühle lebten, wildern würden. Allerdings gab es keine konkreten Zeugenaussagen. Natürlich war Brunner dieser Spur nachgegangen und hatte das Umfeld der Hasenstamms gründlich durchleuchtet. Er erinnerte sich noch ganz genau, weil der Fall so frustrierend gewesen war. Vater und Sohn hatten jede Aussage verweigert. Die Mutter bestätigte, dass die beiden Männer zum Tatzeitpunkt in der Mühle waren. Eine Tante, die mit in der Mühle lebte, schwieg.
Im Umfeld ermittelten die Beamten, dass Wolfgang Hasenstamm Zimmermann gelernt hatte, dann längere Zeit auf Wanderschaft gewesen und irgendwann wieder aufgetaucht war. Er brachte einen jungen Wolfshund mit, der mit ihm in der halb verfallenen Mühle am Rande von Wiesmühl lebte und ihm praktisch nicht von der Seite wich. Die Menschen meinten, der Hund sei gefährlich. Da der tote Förster am Hals Bisswunden von einem großen Raubtier aufzeigte, bekam man eine richterliche Durchsuchungsanordnung und durchforstete die Mühle. Aber man fand weder Hinweise auf illegale Aktivitäten der beiden noch den Hund. Wolfgang Hasenstamm gab damals an, das Tier sei ihm entlaufen. Es gelang den Beamten allerdings, am Fressnapf des Hundes Genmaterial sicherzustellen. Man verglich es mit den Spuren, die man an der Wunde des Försters gefunden hatte. Sie waren übereinstimmend. Hasenstamms Wolfshund hatte also den Förster angefallen. Es war allerdings nicht feststellbar, ob das Tier auf den Förster gehetzt worden war oder aus eigenem Antrieb angegriffen hatte. Blieb nur noch zu klären, wer den Pfeil abgeschossen hatte, der für sich alleine gereicht hätte, den Förster zu töten.
Als die Beamten Wolfgang Hasenstamm festnehmen wollten, war er verschwunden. Richard, der zweite als Täter in Frage kommende Verdächtige, bekam von seiner Frau und seiner Schwester für die Tatzeit ein Alibi und musste wieder aus der Untersuchungshaft entlassen werden. Zu seinem Sohn befragt, verweigerte er die Aussage. Er blieb zwar im Fokus der Ermittler, verhielt sich aber vollständig unauffällig. Damals begann die Jagd auf Wolfgang Hasenstamm. Sie gestaltete sich allerdings äußerst schwierig. Er hatte sich offenbar mit seinem großen Wolfshund in die Wälder zurückgezogen. Immer wieder fanden Jäger und Förster Spuren, dass in den Spessartrevieren gewildert wurde. Die Pfotenabdrücke eines großen Wolfes in der Nähe eines toten Rehs oder eines Hirschkalbs sprachen dabei eine beredte Sprache. Hasenstamm und der Wolf teilten sich dabei wohl die Beute, denn Teile des Wildes zeigten Fraßspuren, andere Stücke waren mit dem Messer aus den Kadavern herausgetrennt. Man verdächtigte Hasenstamm, von den Höfen der Bauern Enten, Gänse und Hühner zu stehlen. Gelegentlich wurde auch in Kellern eingebrochen. Straftaten, die auch ihm zugeordnet wurden. Erwischt wurde er nie. Als ein Förster an einem Morgen ein frisch gerissenes Reh und bei der Beute eindeutige Wolfs- und Schuhspuren fand, verständigte er sofort die Polizei. Eberhard Brunner war eine Stunde später mit zwei Hundeführern und drei weiteren Beamten am Riss. Zunächst kam Rex, ein erfahrener Deutscher Schäferhund, zum Einsatz. Der kräftige Rüde nahm sofort die Fährte auf. Der zweite Hundeführer folgte mit seinem jungen Dobermannrüden Sascha in einigen Meter Abstand hinterher. Sascha hatte erst vor kurzem seine Ausbildung abgeschlossen und sollte erst dann zum Einsatz kommen, wenn der Erfolg der Suche abzusehen war. In Begleitung des Försters, der als ortskundiger Führer diente, ging es fast einen Kilometer über Stock und Stein, rauf und runter über die Höhenzüge des Spessarts. An Rex’ Verhalten erkannte der Beamte, dass der Rüde noch immer auf der Fährte war. Gelegentliche Schuh- und Pfotenabdrücke im weichen Waldboden gaben weitere Hinweise. Vor einer dichten Fichtenanpflanzung zog Rex plötzlich stark am Riemen. Der Förster erklärte ihnen, dass es sich um eine mehrere Hektar große Anpflanzung handele, die sehr dicht und daher nur sehr schwer zu durchdringen sei. Nach kurzer Beratung entschlossen sich die beiden Hundeführer, ihre Hunde von der Leine zu lassen, so dass sie sich frei vor ihnen bewegen konnten. Die beiden Beamten wollten ihnen so schnell wie möglich folgen. Rex und Sascha waren gleich zwischen den dicht stehenden Bäumen verschwunden. Schon nach wenigen Metern mussten die nachfolgenden Männer feststellen, dass der Forstbeamte recht hatte, das Gehölz war wirklich fast undurchdringlich. Teilweise mussten die beiden Beamten auf allen vieren kriechen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Von ihren Hunden hörten sie zunächst nichts mehr. Beide waren so abgerichtet, dass sie Laut geben würden, wenn sie auf etwas gestoßen wären.
Die beiden Männer verloren langsam jegliches Zeitgefühl. Sie verständigten sich gegenseitig durch Zurufe, da sie kaum Sichtkontakt hatten. Plötzlich hörten sie ein ganzes Stück vor ihnen wütendes Bellen, dann lautes Knurren. Kurz darauf rumpelte es laut, dabei hörte man ein wildes, fauchendes Knurren, das wenig später von heftigem Schmerzensgejaule unterbrochen wurde. Das war eindeutig Kampfeslärm! Wahrscheinlich waren die Hunde auf den Wolf gestoßen und er stellte sich seinen Verfolgern. Die beiden Beamten ließen alle Vorsicht fahren. Mit Armen und Beinen wühlten sie sich durch die Zweige in Richtung Kampfplatz. Sie mussten ihren Hunden unbedingt zu Hilfe eilen! Als sie Minuten später, völlig verschwitzt, verdreckt und mit Fichtennadeln bedeckt mit gezogenen Dienstwaffen vor ihren vierbeinigen Kameraden standen, zerriss es ihnen fast das Herz. Rex lag mit durchbissener Kehle im Dreck und zuckte nur noch schwach. Sascha blutete ebenfalls heftig aus zahlreichen Bisswunden, sein Bauch war aufgerissen und die Eingeweide hingen ihm heraus. Von dem Wolf war nichts mehr zu sehen. Den beiden Beamten war völlig klar, dass es für beide Hunde keine Rettung mehr gab. Mit Tränen in den Augen hoben sie ihre Pistolen und erlösten Rex und Sascha von ihren Leiden. Hasenstamm wurde nicht gesehen.
Später kamen die Ermittler niemals mehr so nahe an Hasenstamm und seinen Wolfshund heran.
Im Prozess kam natürlich auch der tragische Tod von Wolfgang Hasenstamms Freundin zur Sprache. Anna Drescher war eine Waise, die von der Landwirtsfamilie Karl-Heinz und Doris Lederer aus Wiesmühl mit zehn Jahren adoptiert worden war. Die Eltern des Mädchens, die als Entwicklungshelfer in Afrika gearbeitet hatten, waren bei einem Flugzeugabsturz in Kenia ums Leben gekommen. Doris Lederer war die Schwester der verunglückten Yvonne Drescher und hatte das Kind später mit ihrem Mann zu sich geholt. Anna war ein rebellisches Kind. Von Afrika her ein sehr eigenständiges, von Zwängen weitgehend freies Leben gewöhnt, ordnete sie sich nur mühsam in den Haushalt der sehr konservativen, stark religiös geprägten Adoptiveltern ein. Da sie in Afrika von ihren Eltern unterrichtet worden war, empfand sie die Schule in Deutschland als einengend und den Lehrstoff als wenig sinnvoll. Entsprechend unkooperativ verhielt sie sich. Nach einer Ehrenrunde schaffte sie mit Ach und Krach dann doch das Abitur.
Letztlich ließ sich nicht mehr genau ermitteln, wie die junge Frau und Hasenstamm zusammengekommen waren. Vermutlich verliebte sich Anna in den unabhängigen, jungen Mann, weil er ein Leben führte, das sie an ihre ungezwungene, freie Jugend in Afrika erinnerte. Es konnte damals nicht festgestellt werden, ob sie an den Straftaten Hasenstamms in irgendeiner Form beteiligt gewesen war. Hasenstamm verneinte dies, schwieg sich im Übrigen aber beharrlich aus. Jedenfalls half sie ihm auf der Flucht, wobei sie dann tödlich verunglückt war. Als dieser Punkt im Strafverfahren zur Sprache kam, konnte man bei Wolfgang Hasenstamm erstmals eine emotionale Regung erkennen. Bei der Bestätigung Kerners, dass er als Staatsanwalt den Schießbefehl auf das Fluchtauto empfohlen hatte, sprang Hasenstamm wutentbrannt auf und musste vom Justizwachtmeister mit Gewalt auf seinen Platz zurückgedrückt werden.
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