Alle konnten mit – eine weitere Erfahrung. In unserer Klasse gab es begabte und schwache Schülerinnen und Schüler. Es war selbstverständlich, dass beim Diktat schwache Schüler zu begabten Schülern gesetzt wurden und „abschreiben“ konnten. So machten sie statt 60 Fehlern nur noch 25!
Unterschiedliche Gaben wurden gefördert und „belohnt“. Wer z. B. in der Tageszeitung einen Artikel entdeckte, der einen Bezug zum derzeitigen Unterrichtsstoff hatte, oder eine neu erblühte Pflanze mitbrachte, bekam einen „Pluspunkt“. So wurde unsere Aufmerksamkeit geweckt und geschult.
Wir lernten Disziplin und Präsenz: alle in einem Raum! Während den einen ein wichtiger Unterrichtsstoff beigebracht wurde, hatten die anderen Stillarbeit. Selbst von uns Schülerinnen und Schülern wurde pädagogisches Geschick gebraucht, wenn zum Beispiel bei Krankheit der Lehrerin in den Unterklassen jemand aus den oberen Schuljahren die Aufsicht übernehmen musste.
Unser Lehrer war gleichzeitig Organist in der kleinen Dorfkirche. So kam es, dass wir als Schülerinnen und Schüler bei jeder Hochzeit oder Beerdigung mit in der Kirche waren. Gottesdienst, Schule und Freizeit, Freude und Leid gehörten zum Leben.
Wichtig war auch der Blick über den Tellerrand hinaus. Kultur und Geschichte wurden erlebt. So kann ich noch heute meinen Neffen die nicht sichtbaren Grundmauern des römischen Gutshofes oder eines Limesturmes zeigen, indem wir die Färbung des Grases an den entsprechenden Stellen beachten. Wir machten herrliche Schulausflüge, erlebten Musik und Theater, Landschaft und Kunst und mussten das Gesehene in einem Bericht festhalten mit dem je eigenen Layout, ohne die digitalen Hilfsmittel von heute.
In einem großen Sandkasten in der Eingangshalle entstanden Landschaften, die uns visuell unsere Heimat nahebrachten. Noch heute kann ich mit Streichhölzern den Verlauf von Flüssen maßstabsgerecht legen.
Wir übten gesellschaftliche Regeln ein mit Vorstellungsrunden, Esssitten, aber auch demokratisches Verhalten bei der Durchführung von Wahlen des Klassensprechers. Dazu wurde von der Gemeinde die Wahlurne geholt, ein Wahlausschuss gebildet und so die kleinsten Schritte der verantwortlichen Mitbestimmung grundgelegt.
Als dann die Nachbarschaftsschulen eingeführt wurden und die oberen Klassen in den Nachbardörfern gemeinsam wichtige Fächer erhielten, wurde eine Verkehrsprüfung eingeführt: Sind die Fahrräder in Ordnung? Wie verhalten wir uns beim Linksabbiegen auf die angrenzende Bundesstraße? Beim Überholen und beim Fahren in der Gruppe? Solche Praktiken brachten uns weiter.
Wegbegleitung als Kunst in einer kleinen Volksschule auf dem Dorf in den 50er/60er Jahren:
– Der/die Einzelne wird gesehen, Gemeinschaft erlebt und eingeübt.
– Gaben und Fähigkeiten werden gefördert und in gemeinsamen Aufgaben zusammengefügt, so dass Grenzen auch angenommen werden können.
Und alles geschieht einfach, gehört zum Alltag, zur Wirklichkeit des Lebens. Wegbegleitung zum Leben, zu einem ganzheitlichen Leben, nicht einseitig und nicht parteiisch, sondern demütig, vertrauend.
Es hat mich neugierig gemacht auf das Leben und gestärkt für das Wagnis.
Begleitung über eine gewisse Zeit, begrenzt, aber eindeutig: Eine Spur wurde gelegt, Erfahrungen gesammelt, eine Weite aufgezeigt, wo Gottes Schöpfung und seine Geschichte mit uns Wirklichkeit sind.
1. Begleitung kennt viele Formen
Der Mensch ist zu allen Zeiten in Begleitung, ob er es weiß oder nicht. – Religion, Riten und Gebräuche bringen Werte ins Spiel. – Die Familie, der Freundeskreis, die Gesellschaft, die Kirche stützen, fördern, hindern. – Manchmal ist ein konkretes Suchen nach Begleitung notwendig und hilfreich. Oft jedoch wird Begleitung nicht ausgesucht, sondern ist unbeachtet einfach da. Sie geschieht alltäglich und braucht nicht kompliziert zu sein. Die Formen von Weg-Begleitung sind vielfältig!
Gemeinschaft als Begleitung
Ein Blick in die Heilige Schrift zeigt auf, wie in der ganzen Menschheitsgeschichte – von Anfang an – Begleitung in Gemeinschaft geschieht und dass sie notwendig ist.
Die Bibel beginnt mit dem Schöpfungsbericht. Gott erschafft den Menschen als sein Ebenbild. Interessanterweise spricht Gott in Gen 1,26 in der Mehrzahl: Lasst uns den Menschen machen als ein Bild, ein Gleichnis von uns. Von Anfang an sind wir Menschen auf Gott bezogen und unsere Sehnsucht bleibt, mit Gott eins zu sein. Gott bleibt in Verbindung mit seinen Geschöpfen und lädt uns ein, diese Beziehung zu leben. Mir scheint, dass die schöpferische Liebe Gottes zu uns, zu jedem einzelnen Menschen eine gute Grundlage ist, das Ja zum eigenen Dasein anzunehmen. Da ist jemand, der mich sieht, mich will, gegenwärtig sein will auch durch mich. Im Erkennen, dass Gott mir in jedem Menschen sein Bild zeigt, wird deutlich, wie sehr wir Menschen auch aufeinander verwiesen sind. Wir erleben Gott im Raum von intensiven Beziehungen. Das ist die Erfahrung des Volkes Israel durch seine Geschichte bis hin zum Volk Gottes im Neuen Testament und in die Gemeinschaft der Kirche und Religionen.
Gott ist treu, sich und den Menschen. So beruft er Mose, um sein Volk aus der Sklaverei herauszuführen in die Freiheit. Mose erfährt auf Nachfrage, wer der ist, der ihn ruft und ihm einen Auftrag gibt: Ich bin der Ich-bin-da! Martin Buber übersetzt den Namen Jahwes so: Ich bin, wo du bist! Wenn das kein Begleitgeschehen Gottes ist! Gott ist da, als Begleiter für den Einzelnen wie für das Volk. Seine Präsenz ist mehr als eine Zusage, sie ist Wirklichkeit. Das Volk, die Gemeinschaft ist immer wieder versucht, diese Begleitung durch Gott zu vergessen. Gott will Gemeinschaft und der Mensch braucht Gemeinschaft, um Mensch zu sein. Die Gemeinschaft ist der Ort der Zugehörigkeit, der Liebe, des Sich-Annehmens, der Sorge um die anderen und das eigene Wachsen und Reifen. Individualismus und Materialismus führen zu Konkurrenzdenken, Wettstreit und Ablehnung des Schwachen. Viele Menschen suchen heute nach Orten der Ermutigung und Unterstützung, nach Orten des Dialogs und der Offenheit, nach Mitgefühl und Heilung. Die Gemeinschaft ist der Ort, an dem unsere Grenzen, Ängste und Egoismen offenbar werden. Wir entdecken die eigene Armut und die eigenen Schwächen, die Unfähigkeit, sich mit einigen zu verstehen, die Blockaden, gestörten Gefühle und sexuellen Empfindungen, die Frustration und die Eifersucht, den Hass und die Zerstörungswut. Die Gemeinschaft ist ein Lernort. Sie ist ein lebendiger Leib. Der heilige Paulus spricht von der Gemeinschaft als einem Leib, die einzelnen Glieder haben ihre Aufgabe, aber alle gehören zusammen (vgl. Röm 12,4). Doch braucht die Gemeinschaft immer wieder Anführer und Propheten, die nicht Gesetze und Verhaltensmaßstäbe predigen, sondern die Zeichen der Zeit erkennen und deuten, die Zeugen sind für Gott und die Würde der Menschen.
Gottes Begleitung für den Menschen und die Menschheitsfamilie gipfelt in der Menschwerdung Jesu. Gott schätzt und liebt den Menschen so sehr, dass er sich in Menschengestalt offenbart, sich mit Menschen, mit jedem, gerade auch mit den Ärmsten und Verachteten, identifiziert, wie Jesus in der Gerichtsrede bei Mt 25,31–46 für viele provozierend feststellt. Jesus redet nicht von Solidarität, er lebt sie, ohne großes Aufheben. Gott ist da. Seine Menschenfreundlichkeit wird verletzlich wie ein kleines Kind, verletzlich wie die Liebe. Gleichzeitig beruft Jesus Menschen, die er bei sich haben will. Ihm ist die erlebte Wegbegleitung in Gemeinschaft wichtig. Die Jüngerinnen und Jünger sollen erleben, was es heißt, zu ihm zu gehören. Sie erleben Erfolg und Ablehnung, Höhen und Tiefen. Jesus selbst wünscht und braucht die Begleitung seiner Freunde in der Todesangst vor seiner Auslieferung.
Für Franziskus und Klara von Assisi spielt die Gemeinschaft eine große Rolle. Beide orientieren sich am Evangelium. Es ist Leben und Regel für ihre persönliche Lebensgestaltung wie auch für ihre Gemeinschaften. Die franziskanische Schwestern- und Brudergemeinschaft ist so sehr durch das Hören konstituiert, dass im Verständnis von Franziskus einer, der ohne Wissen und Einverständnis der Schwestern oder Brüder etwas tut, „außerhalb des Gehorsams“ steht. Die Gemeinschaft ist für das franziskanische Ideal wesentlich. Sie ist der notwendige Lebensraum des Einzelnen, indem sie ihm ermöglicht zu hören. Ebenso wenig wie die Gemeinschaft sind Gefährten und Begleiterinnen ersetzbar. Selbst wenn einen Bruder die Sehnsucht zu Franziskus treibt, wird er von ihm dann gerügt, wenn er den Weg allein gegangen ist. Darum befiehlt Franziskus den Brüdern, dass sie immer mindestens zu zweit gehen, gemäß dem Evangelium (vgl. Lk 10,1). Auch in den Einsiedeleien wünschte er nie allein zu sein. Immer muss einer da sein, mit dem er beten kann, dem er zuhören darf, der ihm den Willen Gottes und der Gemeinschaft vermittelt. Klara, so berichten die Schwestern im Heiligsprechungsprozess, war von ihrem Weg überzeugt und sah ihn auch als Möglichkeit für andere Frauen. Ob eine Frau für diesen Weg geeignet ist oder nicht, entscheidet nicht sie allein, sondern mit ihr die Gemeinschaft. Klara selbst war eine mutige Begleiterin. Sie konnte sanft ermutigen, aber auch zurechtweisen. Für sie erfordert das Leben in einer geistlichen Gemeinschaft Klarheit und das Leben nach dem Evangelium eine konsequente Entschiedenheit.
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