»Verliere nicht gleich den Mut, mein treuer Freund. Allein unsere Vereinigung zeigt, dass wir anders denken und handeln als unsere Vorfahren. Wir haben uns miteinander verbündet und erbitten Hilfe«, antwortete Sanduiil und wandte sich vom Späherposten ab.
Sein Blick fiel auf zwei schlummernde Personen. Die eine wirkte ziemlich klein, etwas stämmig und war von vielen Furchen und Narben im Gesicht gekennzeichnet. Sie trug eine braune Hose, ein ockerfarbenes Shirt, hatte wettergegerbte und ledrige Haut, eine kräftige Nase, dicke Füße und Hände. Auf dem Schoß lag eine doppelschneidige Axt und auf seinem Kopf thronte ein silberfarbener Helm. Der Name des Gnoms war Tulip, ein Vetter zweiten Grades des Gnomenkönigs Golatas. Der Elb lächelte, wenn er auf den kleinen Gnom herabsah, doch keineswegs belustigt. Er war immer wieder verwundert, wie viel Mut, Ausdauer und Kraft diese kleinen Geschöpfe hatten. Er begegnete ihm im Blauwald, als er sich zu weit in das Gebiet der Gnome mit ihrer Hauptstadt Gondrax vorgewagt hatte. Dort hatte Sanduiil versucht, Verbündete zu finden.
Sein Vater, der große Elbenkönig Fanras, hatte die Gabe der Voraussicht. Nicht immer ganz zutreffend und zu hundert Prozent genau, jedoch war stets etwas Wahres dran gewesen. Fanras hatte einen dunklen Schatten am Horizont des schwarzen Landes und der verfluchten Toten-Stadt War gesehen. Das Böse, das dort lauerte und von der damaligen Hohepriesterin Zerodyme gebannt worden war, durfte unter keinen Umständen wieder auferstehen, sonst würden alle in größter Gefahr sein. Der Schwarze Fürst, ein mächtiger Schwarzmagier, konnte nach einem erbitterten Kampf vor vielen Jahrhunderten endlich besiegt werden und in Larandia kehrte Frieden ein. Es hatte zu viele Opfer gegeben und das ganze Land war auseinandergerissen worden. Dies durfte unter keinen Umständen erneut passieren.
Sollte sich nun das verbannte Böse wieder erheben? Sanduiil fühlte sich eh und je Larandia und seinen Bewohnern zutiefst verpflichtet und wollte dieser Prophezeiung nachgehen, kostete es, was es wollte ...
Der Gnom Tulip hatte seinen Kopf gegen die zarte Schulter einer weiteren Person gelehnt. Sanduiil bemerkte, wie Gollnows Augen auf ihr Antlitz geheftet waren, und schmunzelte leicht. Ihr langes, schwarzes und seidiges Haar war an einigen Stellen am Kopf geflochten. Ihre Haut wirkte ebenmäßig und sehr blass. Sie trug ein rubinrotes knielanges Kleid, schwarze Leggins und braune Lederstiefel. Serenity war die Tochter der Paladinkönigin Narissa und hatte in einer Nacht- und Nebelaktion das Königreich Tar’Nerith hoch oben im Norden verlassen. Sie hatte ihr behagliches Leben im Palast von Azul aufgegeben, um sich der kleinen Gruppe anzuschließen.
Es war wahrlich keine Reise für schwache Nerven oder verwöhnte Prinzessinnen. Doch dies störte Serenity keinesfalls. Sie hatte von frühester Kindheit an die Heilung von Verwundeten und Kranken erlernt – genauso wie den Nahkampf mit Stangenwaffen und einige tödliche Zaubersprüche im Namen der Gerechtigkeit. Diese durfte sie aber nur einsetzen, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gab, denn die Macht der Magie schwächte die Körper der Paladine besonders, da sie eigentlich nicht dafür gemacht waren.
Gollnow konnte seinen Blick nur schwer von der schlafenden Schönheit abwenden. Doch in seinem Leben hatte er keinen Platz für solche Schwärmereien oder tiefere Gefühle, denn er hatte sich mit Leib und Seele ganz seinem Volk und seinem Oberhaupt Xaramas verschrieben. Manchmal war es jedoch schwierig, Herz und Verstand in Einklang zu bringen.
Der Elb hatte sich in der Zwischenzeit der fünften Person zugewandt. Die saß auf einem Felsen, schärfte ihr Schwert und blickte düster in die Runde. Seine Statur glich der eines Kämpfers, eines Gladiators. Die Arme waren muskelbepackt und seine Haut tief gebräunt von der Sonne. Die Haare kohlrabenschwarz und er hatte sie zu einem Zopf gebunden. Die Rüstung war dunkelgrau und schon ein klein wenig in Mitleidenschaft gezogen worden. Um seine Taille trug der Krieger einen Gürtel, an welchem kleinere und auch größere Dolche baumelten.
Andariel, so der Name des Mannes, war ein ehemaliger Soldat der königlichen Leibgarde des Geschlechtes Savages. Er hatte nach dem Sieg über die Beasts und den Schwarzen Fürsten neue Herausforderungen gesucht – in den Weiten des Sommerlandes wie viele andere auch. Im Königreich Elenduiel wollte niemand mehr leben. Es war zu trostlos, einsam und alles erinnerte an den Krieg. Der Königspalast in der Hauptstadt Kaladar hatte man fast komplett zerstört.
Es schmerzte Andariel zu sehr, dorthin zurückzukehren, doch er wusste ebenso wie seine Begleiter, dass sich dort ein magisches Portal zu einer ihnen fremden Welt befand. Zu einer Parallelwelt, die sich Erde nannte. Von dort waren damals in der ersten Zeitrechnung die Speziellen Menschen nach Larandia gekommen. Es hieß, man hatte sie wegen ihrer Andersartigkeit aus ihrer eigenen Heimat vertrieben und sie ließen sich in Elenduiel nieder, erkannten das Geschlecht Savage als ihre Herrscher an und kämpften von diesem Tage an für ihre neue Heimat.
Doch niemand hatte wirklich etwas für diese anderen Menschen übrig gehabt. Allein schon ihre Fähigkeiten: Gedankenlesen, Feuer mit bloßer Gedankenkontrolle entfachen und leiten, das Verwandeln in Tiere und das Bewegen oder Leiten von Gegenständen – auch mit bloßer Gedankenkontrolle. Für fast alle Bewohner Elenduiels waren sie Hexen oder böse Schwarzmagier gewesen. Böses Blut.
Die Herrscher der Savages begegneten diesen Speziellen Menschen allerdings mit Würde und Respekt, boten ihnen ein neues Leben in ihrem Königreich und, solange niemand aus ihren Reihen zu Schaden kam und sie ihre Kräfte für das Gute einsetzten oder im Kampf gegen Feinde, sollte niemand ihnen ein Haar krümmen. So war das Gesetz – bis zum heutigen Tage.
»Andariel, über was zerbrichst du dir den Kopf?«, fragte Sanduiil und setzte sich zu ihm.
»Über alles. Was gedenkt Ihr in der Neuen Welt zu finden?«
»Hilfe. Neue Verbündete. Wir müssen versuchen, unsere Völker wieder zu vereinen. Wir müssen besonders das Spezielle Volk einen und erneut einen König auf den Thron von Elenduiel setzen«, sprach der Elb und begutachtete seine Dolche.
»Wenn dies geschieht, wird der Zauberbann der großen Zerodyme gebrochen und der Schwarze Fürst aus dem Schwarzen Land entkommen! Ihr seid wahnsinnig!« Andariel schüttelte entschieden den Kopf und rammte sein Schwert in den Boden.
»Nicht, wenn wir vorher an die Klinge der Hoffnung herankommen. Sie wurde mit dem Kronprinzen Van Savage in den Eishöhlen der Skriills eingefroren. Ob sein Körper diesen Jahrhunderte langen Schlaf überlebt hat, wage ich zu bezweifeln, doch wir müssen es versuchen. Ich glaube daran. Zudem leben Nachkommen des Speziellen Volkes ebenfalls auf der Erde. Beides müssen wir hierherbringen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das Böse in War wieder erhebt. Mit jedem Jahr wird der Zauberbann von Zerodyme schwächer«, vernahmen beide eine Stimme, welche zu Serenity gehörte.
Sie hatte sich erhoben und sah mit fester Miene die beiden Männer an.
»Serenity hat Recht. Die Hohepriesterin ist mit einem langen Leben gesegnet, doch auch sie ist nicht unsterblich. Und wie ich gehört habe, neigt sich bald auch ihre Zeit dem Ende zu. Sie ist die letzte Hohepriesterin ihrer Art. Wenn Zerodyme stirbt, ist der Zauber gebrochen. Seit über fünfhundert Jahren ist der hart erkämpfte Frieden nun schon in unserem Land, aber ich sehe dies nur als eine kurze Ruhe, ehe uns der große Sturm heimsucht.« Der Gnom Tulip hatte sich mittlerweile erhoben und stützte sich auf seine doppelschneidige Axt.
»Genauso hatte es mir mein Vater vorausgesagt. Daher bin ich von Pelarion aufgebrochen und traf auf Tulip im Blauwald. Dich, mein guter Freund Andariel, haben wir vor einer Schlägerei in einem Wirtshaus am Fuße des Elmos in Bruch gerettet«, lachte Sanduiil und warf sein langes weißes Haar in den Nacken.
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