»Und wer wird mir den Tipp mit der Sendung geben?« Robert Adelhofer fläzte in dem roten Ledersessel, den ihm die Mitarbeiter seiner Produktionsfirma zur 200. Sendung geschenkt hatten. Ihm gegenüber saß Wedel an Roberts riesigem Schreibtisch und bewachte Telefon und iPhone. Robert war »in Trauer«, er konnte keinerlei Anrufe persönlich entgegennehmen.
Wedel grinste breit. »Das mache ich mit der Tränendrüsentante von ›Szene‹. Die weiß Bescheid. Sie wird dich am Samstag nach der Beisetzung darauf ansprechen. Dann sind alle Mikrofone und Kameras an. Schließlich wollen die Leute Roberts Tränen haben.«
»Gut, und wann senden wir?«
»Nächste Woche, schließlich trauern wir weiter, nur halt im Fernsehen.« Wedel senkte seine Stimme und fragte betont einfühlsam: »Schaffst du das, Robert? Oder brauchst du noch mehr Zeit?«
Adelhofer zeigte ihm einen Stinkefinger und Wedel grinste.
»Wie sieht unser Zeitplan nach der Beerdigung aus? Ich sollte noch exklusiv mit der Langenfels reden, das ist Publicity für eine neue Klientel, Besseres kann mir nicht passieren.«
»Du sagst deinen Eltern, dass sie eine große, schöne Geschichte über euch zwei Brüder machen will und dass du deshalb nach der Beerdigung noch eine Stunde Zeit brauchst. Danach trinkst du mit Mama und Papa einen Kaffee auf den toten Lukas, wir fahren zurück und du bleibst schön unter Verschluss. Zu viel ›Robert nach der Trauerfeier‹-Bilder können wir nicht gebrauchen.«
»Und die Lesereise?«
Wedels Grinsen wurde breiter. »Verschoben. Wir verkaufen erst mal deine Biografie und aus Trauer um deinen Bruder entfällt die Lesereise. Die machen wir für die zweite Auflage mit der Aktualisierung zu Lukas’ Tod. Sie werden uns garantiert die Bude einrennen.«
Adelhofer nickte zustimmend. »Und wer schreibt die Aktualisierung? Ich bin für ein neues Vorwort, exklusiv von mir verfasst.«
Wedel war begeistert. »Super, Robert, ich sehe, wir verstehen uns.«
Donnerstagvormittag,
Redaktion »Fakten«, München
Als Katharina Adelhofers Nummer auf ihrem Display sah, beschloss sie, erst abzuwarten, und hörte sich die Nachricht auf ihrer Mailbox an:
»Guten Tag, Frau Langenfels, Achim Wedel hier von Herrn Adelhofers Management. Im Auftrag von Herrn Adelhofer, der sich verständlicherweise derzeit außerstande sieht, selbst Termine zu vereinbaren, folgende Anfrage: Es ist von großem Interesse für die gesamte Familie Adelhofer, einem herausragenden Printmedium ein Exklusivinterview zu den traurigen Ereignissen dieser Woche zu geben. Herr Adelhofer würde sich freuen, wenn ›Fakten‹ das wäre. Sagen Sie mir bitte baldmöglichst Bescheid, ob Ihre Zeitschrift Interesse hat. Schönen Tag noch.«
Herr Wedel konnte auch seriös, stellte Katharina trocken fest. Tatsächlich schien sie die bereits in »Fakten« angekündigten Exklusivinformationen zu bekommen, perfekt.
Katharina griff zum Telefonhörer. Obwohl ihr Chef nur zwei Büros weiter saß, zog sie es grundsätzlich vor, ihn anzurufen.
»Frau Langenfels«, kam RGs Stimme aus dem Hörer. »Was macht happy Robert?«
»Oh, happy ist er vielleicht gerade nicht, Herr Riesche-Geppenhorst, ›beautiful Robert‹ nennen ihn die Kollegen eigentlich.«
Das Schweigen am anderen Ende der Leitung bedeutete nichts Gutes. Daher redete Katharina einfach schnell weiter: »Äh, es geht um Folgendes: Achim Wedel, der Manager von Adelhofer, will uns das Exklusivinterview nach der Beerdigung geben. Machen wir das?«
»Frau Langenfels«, tönte es vom anderen Ende, »Herr Wedel fragt direkt bei ›Fakten‹ an. Das heißt, die wollen seriöse Berichterstattung und keinen erfundenen Schwachsinn. Klar machen wir das.«
»Okay, Herr Riesche-Geppenhorst, das sehe ich genauso.«
»Falls sie nach Geld fragen, werden wir eine Lösung finden. Glaube ich aber eigentlich nicht. Die wollen an die Guten ran und Adelhofer und sein Manager werden auch ohne unser Geld in St. Moritz wedeln gehen. Viel Erfolg, Frau Langenfels.« Kichernd wegen seiner gelungenen Pointe legte RG auf.
Im gleichen Moment hörte Katharina ein leises Klingeln und es klopfte an ihre Bürotür. Birgit betrat mit ihren Klingglöckchen-Schuhen das Büro ihrer Freundin.
»Frag mich bitte, wie geil das ist, was ich herausgefunden habe.«
»Birgit, was hast du Geiles herausgefunden?«, fragte Katharina weisungsgemäß.
Wenige Sekunden später starrte sie auf die Fotos, die ihre Freundin ihr auf den Schreibtisch geknallt hatte.
Samstagvormittag,
Breitbrunn am Chiemsee
»Ziemliche Silikon- und Botoxdichte, würde ich sagen.« Die geschmacklose Bemerkung, die Horst Riebelgeber Katharina am Grab von Lukas Adelhofer meinte, ins Ohr flüstern zu müssen, wurde begleitet von dem feinen Schweißaroma, das Riebelgeber stets umgab. Seine persönliche Note wurde noch durch eine kräftige Knoblauchfahne unterstützt, die dafür sorgte, dass Katharina nach einem knappen »hm« angewidert den Kopf wegdrehte.
Inhaltlich hatte Riebelgeber allerdings vollkommen recht.
Nach Einheimischen sah es hier nicht aus. Und immerhin standen nach Katharinas Schätzung rund 200 Menschen in einer riesigen Traube um das offene Grab von Lukas Adelhofer – weibliche Menschen zumeist. Bei der Trauerfeier in der Kirche war Katharina bereits aufgefallen, dass viele der Anwesenden weiblich und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht wegen des Toten gekommen waren – sondern, um mit beautiful Robert zu weinen und sich nach der Beerdigung vielleicht in Trauer mit ihm zu vereinen.
Die Auswahl an bizarren Begräbnis-Outfits legte solche Gedanken nahe. Tief dekolletierte schwarze Korsagen, engste schwarze Miniröcke über Netzstrumpfhosen, Stöckelschuhe, in denen die Füße der Trägerinnen fast senkrecht standen.
Birgit passte bestens dazu. Sie hatte sich unter die anderen Fans gemischt und trug ein kleines Schwarzes, bei dem das Adjektiv »klein« wörtlich zu nehmen war. Dazu schwarze Lack-Stilettos mit einer grünen Spitze aus Krokodilimitat und eine Strumpfhose mit schwarzen Kreuzen – wohl eine Referenz auf die Beerdigung.
Zumindest eine Frau auf dieser Beerdigung war nicht aufreizend gekleidet.
Es musste Roberts und Lukas’ Mutter, Rosa Adelhofer, sein. Katharina hatte sie auf Fotos in Homestorys der verschiedenen Klatschblätter gesehen. Sie schaute traurig in die Kamera und versuchte freundlich zu lächeln, was aber missglückte. Im Moment stand sie – den Kopf tief nach unten gebeugt – vor dem offenen Grab und klammerte sich an die Rose, die sie ihrem Sohn gleich als letzten Gruß auf den Sarg werfen würde. Ihr Gesicht konnte Katharina nur von der Seite sehen. Insgesamt wirkte die komplett in Schwarz gekleidete Gestalt gefasst. Kein Schluchzen war von ihr zu hören, kein Beben der Schultern zu sehen. Sie schien die ganze Trauer mit der Rose zu teilen, die sie in den Händen hielt – und anscheinend nicht ins Grab werfen wollte.
Die Grabrede des Pfarrers war gerade zu Ende. Jetzt würden Angehörige und Trauergäste vor den Sarg treten und sich von dem Toten verabschieden. Offenbar sollte Rosa Adelhofer die Erste sein. Sowohl Robert, der links von ihr stand, als auch Roberts und Lukas’ Vater Max rechts von ihr versuchten, sie mit kleinen Stupsern dazu zu bewegen, die Zeremonie zu beginnen. Rosa schien das nicht zu bemerken. Sie war offenbar völlig in sich versunken.
Irgendwann entschloss sich Robert, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Er trat vor und warf seine Rose auf den Sarg. Anschließend erwies er seinem toten Bruder durch eine kurze Verbeugung die letzte Ehre und gab seinem Vater ein Zeichen, das Gleiche zu tun.
Anschließend unternahmen beide einen letzten Versuch, Rosa Adelhofer vom Grab wegzuholen – vergeblich. Sie zeigte keinerlei Reaktion auf das, was ihr Mann und Sohn ins Ohr flüsterten, blieb vor dem Sarg stehen, den Kopf gesenkt, die Rose fest in der Hand.
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