1 ...8 9 10 12 13 14 ...40 »Bis heute Abend haben wir das Ergebnis der Obduktion. Wenn die nichts an unserem bisherigen Ermittlungsstand verändert, geben wir die Leiche frei. Auf Wunsch der Familie findet dann am Samstag um 11 Uhr die Trauerfeier statt.«
Katharina verabschiedete sich in Gedanken vom gemütlichen Samstag mit Svenja.
Nina Obermann fuhr fort: »Wenn Sie mich am Samstag nicht dort sehen, haben wir den Fall ad acta gelegt. Sie können mich trotzdem gern kontaktieren, falls Sie noch etwas brauchen. Würde mich freuen, Sie persönlich kennenzulernen. Ausgezeichnete journalistische Arbeit ist man heutzutage nicht mehr gewöhnt.«
»Danke, Frau Obermann.« Wieder konnte Katharina nicht glauben, wie bekannt sie durch die Medell-Geschichte geworden war. Fans bei der Polizei zu haben, konnte jedenfalls nicht schaden. »Eine Frage hätte ich noch. Wer ist der Freund, der Ihnen den Hinweis auf die Scheune gegeben hat?«
»Das darf ich Ihnen leider wirklich nicht sagen, verstehen Sie sicher, Frau Langenfels. Ich kann ihn fragen, ob ich seine Kontaktdaten rausgeben darf. Rufen Sie mich einfach nach der Beerdigung noch mal an, falls wir uns nicht sehen. Ich muss, Servus, Frau Langenfels.«
Katharina legte mit dem guten Gefühl auf, dass sie mit Frau Obermann eine verlässliche Ansprechpartnerin hatte.
Weniger gute Gefühle holten sie sofort bei dem Gedanken an das ein, was sie als Nächstes vor sich hatte. Ihr Alter Ego tauchte in ihrem Kopf auf und meckerte oberlehrerinnenhaft: »Du bist Mutter, Katharina Langenfels, vergessen? Du bist nicht die Zwischenstation in Svenjas Leben, wo sie übernachtet und morgens ein hektisches Müsli zusammengerührt bekommt. Wie stellst du dir das vor? Findest du, dass du eine gute Mutter bist?«
Katharina nahm trotzig den Hörer in die Hand, fand, dass sie einen guten Plan hatte, und wählte Olivers Nummer.
»Hallo, wie geht’s?«
»Zu meinem Druck im Kopf kommen noch Schmerzen im Analbereich. Wenn ich morgens auf der Toilette bin, kannst du dir überhaupt nicht vorstellen, wie das …«
»Äh, Oliver, bitte keine Details …«
»Mein Gott, bist du empfindlich, jeder zweite Deutsche hat Hämorrhoiden, da wird man doch drüber reden dürfen. Wobei ich das in meinem Fall gerne checken lassen möchte, es fühlt sich nicht harmlos an. Ich habe morgen sowieso in der Uniklinik den Kernspintermin wegen meiner Nebenhöhlen. Meinst du, die könnten bei der Gelegenheit gleich untenrum auch nachschauen?«
Katharina versuchte, ruhig zu bleiben, sonst konnte sie ihren geplanten Vorstoß vergessen. »Nein, Oliver, ich vermute, das wird nicht gehen. Um den Darm anzuschauen, macht man eine Darmspiegelung, keine Kernspintomografie. Aber ehrlich gesagt, wegen Hämorrhoiden, ich weiß nicht, überleg’s dir vielleicht noch mal. Als Privatpatient kriegst du schnell eine, wenn du es wirklich willst.«
»Ich denke drüber nach. Nächste Woche geht es nämlich nicht, da bin ich montags beim Hautkrebsscreening, Mittwoch beim Osteopathen und irgendwann muss ich mich um meine Klienten kümmern.«
»Klar, Oliver, verstehe ich. Sag mal, was würdest du von einem richtig schönen Ausflug am Samstag halten? Svenja, du und ich? Es ist ewig her, dass wir das zuletzt gemacht haben. Vorschlag: Wir fahren mit meinem Auto an den Chiemsee, Fraueninsel fände ich zum Beispiel toll. Wir gehen baden, lecker essen und abends zurück. Hast du Lust?«
»Hm, gute Idee, Chiemsee, Dampferfahrt auf die Fraueninsel, Schweinsbraten im Biergarten, danach Apfelstrudel …«
Katharinas Plan schien aufzugehen. Frauenchiemsee war Olivers zweite Heimat. Vielleicht würden sie ihm irgendwann ein ambulantes OP-Zentrum dort einrichten, dachte sie und sagte: »Spitze, ich freu mich.«
»Katharina?«
»Ja?« Katharina versuchte unbedarft und entspannt zu klingen, voller Vorfreude auf den samstäglichen Ausflug.
»Wie lange kennen wir uns?«
»Unser Kennenlerntag war der 15. September, erster Schultag Grundschule. Also vor Ewigkeiten. Du mit deiner weiß-blau rautierten Schultüte neben mir in der Bank, wie könnte ich es vergessen.«
Kein Kichern am anderen Ende der Leitung, stattdessen: »Findest du nicht, dass es an der Zeit wäre, mir gleich reinen Wein einzuschenken, wenn ich auf Svenja aufpassen soll?«
Katharina spürte, wie sie rot wurde. Ertappt. Er hatte recht. »Weißt du, du musst es mir überhaupt nicht schmackhaft machen, mit Svenja Zeit zu verbringen, weil ich sie liebe wie meine Tochter. Und ich helfe dir auch gerne. Sei in Zukunft einfach ehrlich.«
Oliver sprach so ernst, dass sich in Katharinas Hals ein riesiger Kloß bildete. »Oliver, es tut mir leid. Das ist lieb von dir. Woher weißt du …«
»Dass du auf Adelhofers Beerdigung musst? Das habe ich mir gedacht. Richtig getippt?«
»Ja«, kam es kleinlaut von Katharina.
»Na, wunderbar. Wir fahren zu dritt an den Chiemsee, du gehst zwischendrin jemanden unter die Erde bringen. Solange ich nicht mit muss, alles gut. Vielleicht bin ich sowieso der Nächste, zu dessen Beerdigung du gehst. Während wir telefonieren, habe ich einen Druck in der Brustgegend.«
»Olli, wann warst du im Fitnessstudio diese Woche?«
»Vorgestern.«
»Und: Seilzug? Mit mehr Gewicht, als dir guttut?«
»Hm, sonst verliere ich kein Gramm Fett.« Jetzt war er der Kleinlaute.
»Du hast Muskelkater, Oliver Arends, nicht die Vorboten eines Herzinfarkts.«
Erleichterung am anderen Ende: »Stimmt, du hast recht – Besuch beim Kardiologen gespart. Sofern die Untersuchungsergebnisse morgen mich nicht zu einer sofortigen OP zwingen, könnt ihr mich am Samstag um 9 Uhr abholen. Ich muss auflegen. Meine neue Klientin wartet.«
»Danke, Oliver.« Katharina schmatzte einen Kuss durch den Hörer und legte lächelnd auf. Vor einiger Zeit hatte Oliver einen Freispruch für einen jungen Mann aus dem Rockermilieu erwirkt. Dessen Kumpels wollten ihm einen Mord anhängen, den sie in Wahrheit gemeinschaftlich selbst begangen hatten. Seitdem wurde Oliver von Anfragen aus dem »anderen« Milieu Münchens regelrecht überschüttet. Aktuell verteidigte er eine junge Prostituierte, die ihrem Kunden den Penis abgeschnitten hatte – weil er sie vorher mehrfach brutal geschlagen und misshandelt hatte. Bei der letzten Attacke war sie vorbereitet und im Besitz eines Messers gewesen.
Vielleicht kamen daher Olivers hypochondrische Schübe, überlegte Katharina. Bisher war zwar nichts passiert, aber die Gegenseite seiner Klienten verhielt sich vermutlich wenig zimperlich. Andererseits war Oliver schon als Kind ängstlich gewesen, in seinem Job dagegen extrem cool.
Darüber musste sie irgendwann in Ruhe nachdenken. Jetzt war Adelhofer dran. Katharina verbrachte den restlichen Tag damit, wie mit RG besprochen, den ersten Artikel über Adelhofer für die morgige Ausgabe von »Fakten« zu schreiben. Hauptinhalt: ihr exklusives Treffen mit dem Fernsehstar nach der Pressekonferenz und das abrupte Ende, weil er zu seinem toten Bruder musste. Damit würde sie die weiblichen Adelhofer-Fans für die Serie interessieren. Exklusive Gespräche mit ihrem Helden würden sie vermutlich auch gern führen. Sie kündigte weitere Hintergrundinformationen für die nächsten Folgen an und hoffte, dass sie die bekommen würde.
Donnerstagvormittag,
»Monaco TV«, München
»Richtig, die Leiche ist freigegeben … Sie dürfen fotografieren … Nein, während der Trauerrede nicht … Nein, die Gesichter der Eltern nicht groß. So viel Respekt werden sogar Sie aufbringen können, Herr Riebelgeber. Halten Sie sich an Robert, der ist das gewöhnt … Ja, der Pfarrer hat sich mit dem Begräbnis einverstanden erklärt. Nein, der Selbstmord steht dem nicht entgegen. 11 Uhr am Samstag, alles klar … ›Ich freue mich‹ finde ich unpassend, Herr Riebelgeber … Ob die Lesereise stattfindet, kann ich Ihnen derzeit noch nicht sagen. Wiederhören.« Entnervt knallte Achim Wedel den Hörer auf und reckte Robert Adelhofer das Victoryzeichen entgegen. »Geschafft, sie werden alle kommen. Die ›Abendausgabe‹, der ›Münchner Tageskurier‹, die ›Post der Frau‹, ›Szene‹, sogar die Tussi von ›Fakten‹.«
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