Während sich seine Majestät um die Verwaltung des Landes und die Aushebung neuer Soldaten kümmerte, frönte die große königliche Gemahlin wieder ihrer alten Leidenschaft, sich ihren Vergnügungen hinzugeben und wilde Feste zu feiern. Schließlich stand Pharaos Armee abmarschbereit. Da trafen aus dem Nildelta Kaufleute mit ihren Waren in Theben ein.
Iput ging mit ihren Dienerinnen und Wachen zum Markt, um zu schauen, welche Luxusgüter die Händler anzubieten hatten. Neben Stoffen, Wein aus Syrien, Parfüms und Schmuck, fiel ihr ein Skarabäus mit der Widmung eines Pharao Aasehre Nehesy auf. Erstaunt befragte sie die Fremden, welche Bewandtnis es damit hätte.
„Hohe Herrin, weißt du denn nicht, dass in seiner Hauptstadt Xois der Herr der beiden Ufer des Nil, Pharao Aasehre Nehesy aufgestiegen ist, um über ganz Ägypten zu herrschen. Seine Mutter ist die große Herrin Tati. Vor nicht gar zu langer Zeit war schon einmal einer seiner Vorfahren, der ebenfalls Nehesy hieß, ein Mächtiger, dem das Nildelta untertan war.“
Ohne etwas zu erwidern, kaufte die Königin den Skarabäus mit der Widmung des Pharao Nehesy und eilte damit zurück zum Palast, um ihren Mann von dem unerwarteten Ärgernis zu berichten. „Es ist eine Ungeheuerlichkeit“, eröffnete sie ihm. „Da wagt es dieser Nehesy sich ein König zu nennen. Du musst deine Kriegspläne sofort ändern und mit dem Heer aufbrechen, um den falschen König zu verjagen!“
Seine Majestät blieb gelassen. „So etwas ist lästig. Doch das soll uns nicht erschüttern. Ich werde meine Planung nicht ändern. Die Sicherung der südlichen Grenze gegen die nubischen Häuptlinge ist wichtiger. Der König im Nildelta ist für uns keine Gefahr. Er muss sehr darauf bedacht sein, die Libyer aus seinem Machtbereich fernzuhalten. Die Königsmauer nach Kanaan ist ebenfalls nicht mehr bewacht. Damit ist auch diese Grenze verwundbar. Ich werde den Wesir nach Memphis schicken und die Garnison dort verstärken. Wenn die Zeit reif ist, wird meine Armee das Delta befrieden und das Land einen.“
Die Königin stieß Flüche aus. „Nein, ich will nicht untätig bleiben. Der Elende soll leiden! Ich werde den Magiern befehlen, dass sie aus Wachs ein Krokodil fertigen sollen. Sie sollen ihm die stärksten Zauberformeln mitgeben wenn sie es in den Nil werfen. Als Ungeheuer soll es bis Auaris schwimmen und den Verruchten verschlingen.“
Irgendwann beruhigte sich die Königin wieder. Sie fand Ablenkung, als ihr Sohn Senebkay eintraf. „Dein Sohn soll auch mein Sohn sein. Es ist gut, dass er hier ist. Er soll Fürst in Abydos sein. Wir werden dort einen Palast für ihn errichten. Das festigt unsere Macht“, erklärte Pharao.
Sechem Re Seanchtaui Neferhotep fühlte sich nun stark genug, um aufbegehrende Gaufürsten und den Gegenkönig im Nildelta zu unterwerfen. Er ließ zusätzliche Soldaten ausheben und verfügte bald über eine ansehnliche Streitmacht. Pharao beratschlagte ausführlich mit seinen Generälen einen Schlachtplan, der ihm die alleinige Herrschaft in Ägypten sichern sollte. Dann weihte er die Königin in seine Pläne ein. „Ich will die Soldaten zuerst noch einmal an die Grenze zu Nubien führen, nur als Drohung an die dortigen Häuptlinge. Das wird sie schrecken und ihnen ihre Raublust nehmen. So haben wir den Rücken frei und können die Armee zum Nildelta führen und das Land einen.“ Seine Strategie war gut durchdacht und hätte sicherlich erfolgreich sein können.
Doch der Niedergang der einstigen Weltmacht ließ sich nicht aufhalten. Das Chaos hatte in Ägypten die Oberhand gewonnen. Die im östlichen Nildelta lebenden Israeliten waren aufgebrochen, um das gelobte Land zu finden. Die Grenzmauern nach Kanaan und die Festungen an der Grenze zu Nubien blieben unbemannt. Im Nildelta und in der südlichen Landeshälfte versuchten gleichzeitig mehrere Fürsten die Doppelkrone Ägyptens für sich zu gewinnen. Sie alle besaßen nur wenig Macht und durften sich immer nur für eine kurze Zeit ihrer Herrschaft erfreuen, bis ein anderer kam, um den Vorgänger zu verdrängen. Auch dem letzten Regenten, der den berühmten Namen Sobekhotep trug, blieb keine Zeit, seine großen Ziele zu verwirklichen. Er blieb im Kampf unbesiegt. Aber Malaria macht auch vor einem Sohn des Sonnengottes keinen Halt.
Nachdem sie das Schilfmeer durchquert hatten, und Pharaos Streitwagentruppe, von einer plötzlich einsetzenden Flut überrascht, verschlungen wurde, konnten die von Moses angeführten Menschen unbehelligt den Weg durch den Sinai nehmen. Da waren an den Grenzstationen keine ägyptischen Soldaten, keine Beamten mehr. Die hatten alle die unwirtliche Region verlassen. Keiner wollte in der Fremde sterben.
Die israelitischen Männer, die noch vor nicht allzu langer Zeit für den ägyptischen Staat Nilschlammziegel fertigen oder Dämme reparieren mussten, die als Wüstenpolizisten die Grenze zu bewachen hatten oder nur einfache Hirten waren, ließen es locker angehen. Mit ihren Frauen, Kindern und Herden zogen sie ungeordnet durch die für sie fremdartige Landschaft, die keinen Fehler verzieh, wollte man hier überleben.
Ihr Anführer Moses ärgerte sich sehr über den desolaten Zustand, mit dem seine Landsleute unbekümmert, immer weiter in die lebensfeindliche Welt des Sinai vorrückten. Daher rief er eines Abends die Oberhäupter der einzelnen Sippen zusammen, um ihnen Ratschläge zu erteilen, wie man den weiten Weg in das gelobte Land bewältigen könnte.
„Ich mache mir Sorgen darüber, dass es viele meiner Landsleute nicht schaffen werden, den weiten Weg, den wir noch vor uns haben, zu gehen“, eröffnete er ihnen. „Hunger, Durst und Kälte werden unsere ständigen Begleiter sein. Feindliche Stämme werden uns den Weg versperren und nach unserem Hab und Gut verlangen. Das Volk muss lernen zu kämpfen. Denn dort, wo es sich gut leben lässt, wird man uns nicht mit offenen Armen empfangen.“
„Lass ihnen doch ihre Unbekümmertheit, ihre Freude über die gewonnene Freiheit. Sieh doch, hier sind keine ägyptischen Beamten, keine Steuereintreiber. Niemand kommt, die Männer zur Fertigung der Nilschlammziegel zu holen. Da verlangst du, sie sollen lernen in Reih und Glied zu fechten? Die Kinder müssen sich vor keinem Krokodil und keinem Nilpferd fürchten. Was soll ihnen da schon geschehen?“ widersprachen ihm einige der Ältesten.
Moses ließ nicht locker. „Das versprochene Land wird euch nicht in den Schoß fallen. Ich sage es euch noch einmal, ihr werdet darum kämpfen müssen. Doch vielleicht müsst ihr euch schon zuvor wehren, wenn euch feindliche Stämme den Durchzug durch ihr Gebiet verweigern und eure Herden rauben wollen.“
Die Sippenchefs wurden bei diesen Vorhaltungen nachdenklich. Als sie gingen, bat Moses zwei hoch angesehene Männer, Jefunne und Nun, zu bleiben. „Ja Herr, hier stehen wir vor dir. Wie können wir dir zu Diensten sein?“, sagte Jefunne.
„Zuallererst, indem ihr die Anrede Herr weglasst. In meinen Adern fließt genauso das Blut der Stammväter Abraham, Isaak und Jakob. Meine leibliche Mutter war Jokebed, die Tochter Levis. Mein Vater Amram war ein Sohn Kehats. Mirjam ist meine Schwester und Aaron mein Bruder. Also nennt mich nur Moses, auch wenn das der Name ist, den mir meine Stiefmutter, die Königin Tian gegeben hat“, erklärte er ihnen.
„Aber du wurdest bei den Ägyptern aufgezogen, warst ein ägyptischer Prinz? Die Ägypter haben uns immer sehr bedrückt. Wir beide mussten sogar in ihrer Armee dienen, als du deren General warst. Du hast den Krieg gegen den Fürsten der Nordländer gewonnen“, erinnerte sich Nun.
„Du hast recht. Ich war ein ägyptischer Feldherr, der Stiefsohn des mächtigen Pharao Chaneferre Sobekhotep. Doch glaubt mir, die einfachen ägyptischen Leute sind nicht unsere Feinde. Es waren die Beamten der Pharaonen die unsere Leute zur Fronarbeit gerufen haben. Doch neben euch haben auch Ägypter, Nubier und Libyer geschuftet, und viele Vornehme waren frei von Vorurteilen. Meine Stiefmutter, die Königin Tian, war eine ganz liebe Frau. Sie hat nie schlecht oder hochmütig über unsere Landsleute geredet. Als kleiner Junge durfte ich mit den Kindern unseres Dorfes spielen. Damals wusste ich noch nicht, dass Aaron mein Bruder ist. Meine leibliche Mutter Jokebed war meine Amme. Sie hatte zur Königin ein inniges Verhältnis und wurde von ihr hochgeschätzt. Ihr habt als Fremde bei den Ägyptern gelebt und musstet ihnen gehorchen, so wie ein Diener seinem Herrn zu Diensten sein muss. Das ist nun vorbei, der Gott unserer Väter hat uns aus Ägypten geführt und wird uns in das gelobte Land bringen. Ihr habt gesehen, dass sich kein Pharao seinem Willen widersetzen kann. Es war der Wille Jahwes, dass ich bei den Ägyptern erzogen wurde. So habe ich alle die Fähigkeiten erlernt, die man braucht, um ein großes Volk zu führen, damit es in einer unwirtlichen Landschaft bestehen kann. An euch beide kann ich mich noch gut erinnern. Ihr wart dabei, als wir auf dem Golan im Krieg dem Fürsten der Nordländer gegenüber standen. Du Jefunne, du standest in der Vorhut, welche die Angreifer in die Falle gelockt hat und hast dich rechtzeitig vor deren Streitwagen in Sicherheit bringen können. Du Nun, du warst ein geschickter Speerkämpfer und hast am Ausgang des Hohlweges gefochten, um den eingekreisten Feinden den Durchbruch nach Kanaan zu verwehren“, sagte Moses.
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