Inzwischen war auch die Majestät erschienen, um dem Verhör beizuwohnen. Die Verdächtigen blieben selbst bei Androhung der Folter bei ihrer Geschichte, sie wären nur harmlose Bauern. „Zeigt mir eure Hände. Ich werde daran erkennen, ob ihr die Wahrheit sprecht. Dann wird euch nichts geschehen, und ihr dürft zurück zu euren Familien gehen“, sprach Hauptmann Sobekhotep.
Zögernd streckten sie ihm ihre Hände entgegen. Sobekhotep ergriff sie und begutachtete sie sorgfältig. „Henker, schlag diesem da den kleinen Finger ab. Wir wollen sehen, wie lange er bei seiner Lüge bleibt. Das wollen einfache Bauern sein? Nein, Bauern haben keine gepflegten Fingernägel, ihre Hände sind schmutzig!“ rief er und wies auf den rechts neben ihm knienden Mann, den er für den Anführer der beiden hielt.
Der so verstümmelte schrie laut auf. Sein Blut tropfte auf den Boden. Sein Begleiter zuckte zusammen. „Pharaos Macht reicht vom Meer bis zu den Quellen des Nil. Alle Völker leisten ihm Tribut! Auch in Theben leben treue Untertanen seiner Majestät. Wir wissen, wer euch geschickt hat und kennen euren Auftrag. Doch aus eurem Mund wollen wir das Ungeheuerliche hören, dann bleibt euch die qualvolle Folter bis zum Tod erspart! Demjenigen von euch, der als erster alles gesteht, sei sein Leben geschenkt, und nur der andere soll sterben“, bluffte der Hauptmann und blickte zum zweiten der Gefangenen, der auf ihn einen labileren Eindruck machte.
Der beeilte sich sein Leben zu retten und begann ein ausführliches Geständnis abzulegen. „Uns hat seine Majestät, Pharao Menchaure Senaaib, er lebe, sei heil und gesund, geschickt. Wir haben von ihm den Befehl bekommen, seinen Feind aus dem Norden zu töten oder wenigstens Informationen bezüglich der Anzahl der Soldaten, die mit ihm sind, zu bringen. Unser Herr hat mit seinen Soldaten unterhalb Abydos Stellung bezogen, um den, der sich König nennt, aufzuhalten und zu vernichten.“
Pharao Neferhotep fiel es schwer bei solch frevlerischen Worten ruhig zu bleiben. Ein Soldat schlug den Gefangenen mit dem Schaft seines Spießes auf den Rücken, und dieser fiel auf sein Gesicht, sodass seine Nase zu bluten anfing.
„Komm, erhebe dich auf deine Knie und sieh auf! Du bist ein Glückspilz, dir gegenüber sitzt seine Majestät, der Herr der beiden Länder, Pharao Sechem Re Seanchtaui Neferhotep, er lebe, sei heil und gesund. Er hat dir dein Leben geschenkt, also erwähne nie wieder den Namen des Elenden, der dich geschickt hat, dessen Hochmut bald ein Ende haben wird“, rief Hauptmann Sobekhotep, und die Wachen hoben den Gefangenen auf seine Knie. Auf ein Zeichen des Hauptmanns wurde dem anderen Mitgefangenen die Kehle durchgeschnitten, und man warf ihn auf eine Feuerschale. So war ihm ein Weiterleben in der Unterwelt auf ewig verwehrt.
Pharao Neferhotep war sehr zufrieden. „Du sollst zukünftig ein General sein und der Vorsteher der südlichen Grenze. Senaaib ist nicht mächtiger als es Ini war, aber genauso lästig. Wir wissen nun, was dieser Elende vorhat, der es wagt sich meiner Herrlichkeit zu widersetzen. Ich will ihn überraschen. Übermorgen werden wir seine Sperren erreicht haben. Schickt nach einem geeigneten Mann, der sich hier gut auskennt, damit ein Teil meiner Truppen den Hinterhalt umgehen kann“, befahl Pharao.
„Du hast mich sehr erhöht. Ich werde dich nicht enttäuschen und deine Soldaten an vorderster Front in den Kampf führen. Kein Feind soll es jemals wieder wagen sich deiner Herrlichkeit zu widersetzen“, sagte General Sobekhotep.
Der begnadigte Gefangene witterte seine Chance. „Herr, ich habe die große Herrlichkeit deiner Majestät zu sehen bekommen und werde darüber noch meinen Enkeln erzählen können. Ich stamme von hier und kenne einen Weg, auf dem es möglich ist, die Sperren des falschen Gottes unbemerkt zu umgehen. Man kann ihn sogar in der Nacht gehen. Gib mir die Ehre, die Soldaten führen zu dürfen“, wandte er sich an General Sobekhotep.
„Nehmt dem Gefangenen seine Fesseln ab. Er wird den Soldaten den Weg zeigen. Eine Kompanie Bogenschützen und eine Kompanie Speerträger sollen sofort losgehen. Morgen in aller Frühe sollen sie wie ein Sturmwind den Aufrührern in den Rücken fallen. Führe die Truppe gut, denn noch einmal wird dir seine Majestät einen Verrat nicht vergeben“, entschied der General.
Pharao Neferhoteps Hauptheer griff zwei Tage später die Verteidigungslinie des Senaaib, der ebenfalls den Titel Pharao beanspruchte, an. Dessen Soldaten fühlten sich hinter ihren Schanzen sicher und dachten nicht daran zu weichen. Senaaib erschien auf einem Lehmziegelturm im Königsornat, um die Angreifer zu verhöhnen. Plötzlich schwirrten Pfeile auf die Soldaten hernieder, die seine äußere Flanke bildeten. Die so unvermittelt angegriffenen räumten ihre Stellung und wandten sich zur Flucht. Die Angreifer rückten weiter vor, und einzelne Pfeile trafen die Lehmwand des Turmes, auf dem sich Pharao Menchaure Senaaib eben noch so stolz gezeigt hatte. Er verließ den Turm und wandte sich zur Flucht, obwohl der Kampf noch nicht entschieden war. Seine Soldaten taten es ihm gleich oder ließen sich gefangen setzen, als sie mitbekamen, wie ihr Herr Reißaus nahm.
Pharao Neferhotep hatte einen entscheidenden Sieg errungen und konnte seinen Marsch auf Theben unbehelligt fortführen. Der Hohepriester des Amun im Karnaktempel und die ganze weitere Priesterschaft huldigten ihm als Herrn der beiden Ufer des Nil, der die beiden Länder befriedet hatte.
Pharao beschloss eine Weile in Theben zu bleiben und eine ihm ergebene Verwaltung in Ägypten aufzubauen. Sein Arbeitstag begann früh am Morgen und dauerte bis in die Abendstunden. Da war der Besuch der Tempel, und die Bevölkerung verlangte die Majestät bei verschiedenen Götterprozessionen zu sehen. Aber noch wichtiger war das Einsammeln von Informationen bezüglich der angespannten Lage an den Grenzen und in den verschiedenen Landesteilen. Dazu hörte er täglich die Berichte, die ihm Beamte, Priester und Händler zutrugen. So erfuhr er von dem Vorrücken der Nubier ganz im Süden des Landes.
Pharao Neferhotep übertrug seinem Cousin Sobekhotep das Wesirat Oberägyptens. „Du hast bewiesen, dass du meine tapferen Soldaten gut führen kannst. Um die Feinde an unserer südlichen Grenze zurückzudrängen, sind Diplomatie und militärische Stärke notwendig. Vermeide risikoreiche Schlachten. Meine Armee muss ihre Kampfkraft behalten. Ich traue nicht allen Gaufürsten. Falls es zu einem Aufruhr kommt, muss ich ihn schnell beenden können. Beherzige meine Worte gut“, trug ihm die Majestät auf.
„Das Amt ist mir Ehre und Bürde zugleich. Ich will es immer zu deiner Zufriedenheit ausüben. Ich bitte dich, führe mir noch mehr Soldaten zu, denn die Feinde aus Nubien sind sehr hartnäckig. Bisher hatten sie große Furcht vor den ägyptischen Streitwagen. Aber dieses Streitwagenheer gibt es nicht mehr. Da sind nur noch drei Gespanne im Amuntempel. Und ich weiß von noch einer weiteren Gefahr. Informanten haben mir berichtet, unser Feind Senaaib, den deine Stärke besiegt hat, hält sich weiterhin in Theben versteckt“, erklärte ihm der Wesir.
„Den elenden Senaaib fürchte ich nicht. Viel wichtiger ist die Sicherung der Grenze im Süden. Du sollst für den Feldzug gegen die frechen Nubier gut gerüstet sein. Wir holen die Streitwagen des Tempels. Die Priester werden verstehen, dass wir auch ihren Reichtum verteidigen. Lasse die Streitwagen voranfahren, um den Feind zu schrecken. Nutze den Überraschungseffekt“, sagte Pharao.
Wesir Sobekhotep benötigte nur wenige Tage Vorbereitung, um mit seiner Armee den Vorstoß zur südlichen Landesgrenze anzutreten. Er hatte einige Kundschafter vorangeschickt, die den Aufenthaltsort und die Stärke der nubischen Krieger ausspähen sollten. So bekam er sichere Informationen über deren Vormarsch bis vor die Königsstadt Nechen. Die Ägypter rückten in Eilmärschen vor. Der Wesir wusste, ein Gegner, der mit Plündern beschäftigt ist, kann einem plötzlichen Angriff keinen organisierten Widerstand entgegenbringen. Die Überraschung gelang. Ein Trupp nubischer Krieger, die dabei waren, ein Gut zu plündern, konnte überrumpelt werden, und am Abend standen Pharaos Soldaten vor Nechen.
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