General Neferhotep fasste seinen Dolch. „Wo ist er? Ich werde diesen Schuft eigenhändig in die Unterwelt schicken!“
Seine Frau schluchzte erleichtert. „Das Scheusal lebt nicht mehr. Seine Anmaßung war selbst für den Gott zu viel, der all diese Plagen über Ägypten geschickt hat. Dieser fette alte Wesir hatte auf dem Thron, auf dem nur der Herr der beiden Länder sitzen darf, Platz genommen, um sich huldigen zu lassen. Ich musste neben ihm auf einem Königinnenthron sitzen.“ Die Prinzessin hielt mit ihrer Erzählung inne und atmete tief bevor sie fortfuhr. „In der Wand des Thronsaales war ein Riss, dem niemand Beachtung schenkte. Darin hatten sich Wespen eingerichtet. Das Räucherwerk der Priester hat die Tiere wild gemacht. Sie flogen wie erregt durch den Raum. In seiner Überheblichkeit schlug der fette alte Lustgreis nach einem Insekt. Doch die Wespe war schneller, flog in seinen offenen Mund und stach ihn in den Hals. Er röchelte, es hat nicht lange gedauert, dann hatte ihn der Totengott fest gepackt. Die meisten Anwesenden gingen. Viele schienen erleichtert, waren wohl nur aus Furcht vor dem anmaßenden Wesir gekommen.“
Neferhotep nahm seine Frau in seine Arme. Beide schwiegen eine Weile, hatten die furchtbaren Geschehnisse der vergangenen Wochen verdrängt und waren einfach nur glücklich. Doch sehr bald war der General mit seinen Gedanken zurück in der Realität.
„Wie furchtbar, Ägypten wird auseinanderfallen! Ich sehe, hier können wir nicht bleiben. Die ganze Stadt stinkt. In manchen Häusern liegen noch verwesende Tote. Wer soll da die Dämme instand halten und Ziegel fertigen? Die Sippen der Israeliten, die das bisher gemacht haben, sind nicht den Horusweg gegangen. Alle Wege, die nach Kanaan führen, haben meine Soldaten kontrolliert. Hm, bleibt wohl nur der Zug durch den Sinai. Da kann nur der überleben, der einen guten Führer hat, einen der sich auskennt. Ich denke wir müssen nur warten, bis die Geflüchteten umkehren werden. Wir brauchen sie als Hirten und bei der Fertigung der Ziegel. Ich hätte sie nicht gehen lassen. Komm, wir sollten unser Gut in Buto aufsuchen. Dort lässt es sich gut aushalten“, schlug Neferhotep vor.
„Du sagst, das Land wird auseinanderfallen? Nein, das darf nicht geschehen. Ich bin Iput, die Tochter von Pharao Djedhotepre Dedumose, und du hast nun über meine Blutlinie Anrecht auf den Thron Ägyptens. Es hat bereits vor dir zwei Pharaonen gegeben, die den Namen Neferhotep trugen. Unter deinem Kommando stehen noch viele Soldaten. Niemand wird dir widerstehen können. Wir gehen nach Memphis und weiter nach Itaui. Dein Siegeszug soll dich bis Theben führen!“ rief Iput überschwänglich.
Neferhotep küsste seine Frau. „Du bist genial, meine große königliche Gemahlin. Er ging und befahl einem Offizier, mit der ersten Kompanie seiner Einheit zum großen Thronsaal zu kommen. Er trug dem Oberst auf, ihn zum Pharao Sechem Re Seanchtaui Neferhotep auszurufen, sobald sich dort alle hochrangigen Beamten eingefunden hätten.
Die Priester und Höflinge waren erleichtert, eine lähmende Ungewissheit war ihnen genommen. Ägypten hatte wieder einen Pharao. Sie huldigten freudig dem Sohn des Re, dem Herrn der beiden Ufer des Nil. Das Gleichgewicht der Maat war wiederhergestellt. Als erster wandte sich der Herr der Geheimnisse des Palastes an Pharao Neferhotep: „Große Majestät, reich an Jahren, Herr der beiden Länder, dessen Herrlichkeit Millionen Jahre dauern wird, als dein ergebenster Diener stehe ich vor dir. Alles Heil soll mit dir sein. Sieh hin, die ganze Dienerschaft huldigt dir. Ich werde dafür Sorge tragen, dass der Vorsteher der Haarschneider kommt, auch der Herr der königlichen Kleiderkammer soll erscheinen, und der Sandalenträger. Sie alle werden da sein, um dich auf den Dienst an den Göttern vorzubereiten. Die Priester werden….“
Hier unterbrach Pharao den Redeschwall des Dieners. „Das Zeremoniell kann warten. Zuerst muss ich das Land einen und meine Macht in beiden Landesteilen anzeigen. Den Dienst an den Göttern sollen stellvertretend die Priester verrichten. Ich werde zu gegebener Zeit nach Heliopolis kommen, um den Göttern ihre Opfer darzubringen. Ihr, meine treuen Diener, dürft gehen. Die Offiziere sollen bleiben.“
Es gab in ganz Ägypten kaum noch Pferde und Streitwagen, so musste das Pharaonenpaar mit ihrer Gefolgschaft auf dem Nil nach Memphis reisen. Der Hohepriester im Heiligtum des Ptah und ebenso sein Kollege des Tempels aus Hierakonpolis, beeilten sich, dem neuen Pharao zu huldigen. Doch dann passierte das Unerhörte. Angekommen vor Itaui, der Hauptstadt Ägyptens, weigerten sich die Wachen ihm die Tore der Stadt zu öffnen.
Der Bürgermeister Itauis erschien, um eine Botschaft zu überbringen, die da lautete: „Der Herr der beiden Länder, seine Majestät Pharao Ini, dem ganz Ägypten untertan ist, fordert euch auf, huldigt dem Herrn der beiden Ufer des Nils. Unterwerft euch dem kraftvollen König, dessen Herrlichkeit Millionen Jahre dauern wird.“
Mit dem Bürgermeister kam auch der Hauptmann Sobekhotep, der Kommandant der Garnison der Hauptstadt. In einem unbeobachteten Moment trat er zu Pharao Neferhotep und flüsterte ihm zu: „Mein Cousin, du bist der Herr Ägyptens und ich dein Diener. Ini hat keine Macht. Ihm fehlt es an Reichtum und an Soldaten. Halte dich mit deiner Truppe morgen in aller Frühe bereit. Dann werde ich dir das nördliche Tor öffnen, und alle Soldaten der Garnison werden dir die Treue schwören.“
Dem Bürgermeister wurde gestattet, unverrichteter Dinge nach Itaui zurückzugehen. Pharao Sechem Re Seanchtaui Neferhotep lagerte mit seinen Soldaten vor den Toren der Stadt. Wie ihm sein Cousin versprochen hatte, wurde ihm am nächsten Tag noch vor Sonnenaufgang das nördliche Stadttor geöffnet. Neferhoteps Soldaten konnten, ohne auf Widerstand zu stoßen, in die Stadt eindringen. Ini, den erst wenige Tage zuvor einige Priester zum Pharao ausgerufen hatten, konnte sein nacktes Leben retten. Ihm gelang auf einem Kahn die Flucht über den Nil und er wurde nie wieder gesehen.
„Dieser Ini ist schwach, verfügt nicht über Soldaten und auch nicht über Reichtümer, um sie zu bezahlen. Wir werden ihm nicht nachjagen. Irgendwann muss er meine Herrlichkeit anerkennen. Zuerst sollen mich die Einwohner der Hauptstadt als ihren Pharao huldigen“, entschied Neferhotep.
Hauptmann Sobekhotep, Pharaos Cousin, führte die Majestät durch die prächtigen Palastanlagen. Ini hatte Vorräte herbeischaffen lassen, um Brote und Bier an die Stadtbevölkerung verteilen zu lassen. Königin Iput schlug vor, ein großes Fest auszurichten und dazu die Stützen der Macht, die Priester aus den Tempeln, die hohen Beamten und alle Schreiber einzuladen. „Nein, das würden uns die einfachen Leute sehr übel nehmen. Die Menschen mussten zuletzt viel Leid und Hunger ertragen. Wir dürfen keinen Aufruhr riskieren. Es wird so werden, wie es verkündet wurde. Pharao wird seine Untertanen verköstigen. Die Herolde sollen es überall ausrufen, der Herr der beiden Kronen, Sechem Re Seanchtaui Neferhotep wird Brot und Bier an die Bauern und Handwerker verteilen“, befahl die Majestät.
Nun fühlte sich Pharao Neferhotep sicher, dass es niemand mehr wagen würde sein Königtum anzufechten. Ohne große Eile setzte er mit seinem Hofstaat und den Soldaten die Reise nach Theben fort, um sich auch dort huldigen zu lassen. Doch weit gefehlt. Nahe Abydos wurden zwei Männer aufgegriffen, die sich in der Dunkelheit nahe am Lager Pharao Neferhoteps aufhielten. Sie wurden von den Wachen zufällig aufgespürt, weil sich ein Hund ihrem Versteck genähert hatte und anfing zu kläffen. Hauptmann Sobekhotep führte das Verhör der Männer, die zunächst angaben, sie wären Bauern auf der Suche nach einer entlaufenen Ziege. Beide führten sie einen Dolch mit sich, untypisch für einfache Leute.
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