Ella Danz - Kochwut

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Was hat das mit Kochen zu tun, fragt sich der Lübecker Kommissar und Gourmet Georg Angermüller als sein neuer Fall ihn nach Gut Güldenbrook in Holstein führt. Dort produziert der geniale, aber arrogante Meisterkoch Pierre Lebouton seine beliebte Kochshow. Ein Toter im Kühlraum, ein zerstrittenes Team, sich maßlos überschätzende Showkandidaten und ein paar halbwüchsige Kochlehrlinge halten Angermüller und Kollegen auf Trab, als plötzlich der Kochstar spurlos verschwindet …

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»Glaubst du auch, dass es hier drinnen passiert ist?«, fragte Georg seinen Freund.

»Ich gehe davon aus, ja. Ich nehme an, der Täter hat ganz überraschend zugestochen, und das Opfer ist sofort hier zusammengesackt. Eventuell hat der Angreifer sogar selbst den Fall abgefangen und den Mann gestützt, als er zu Boden ging. Aber ich werde das selbstverständlich überprüfen, Hämatome, Abschürfungen, das ganze Spektrum.«

»Gut«, nickte Angermüller.

»Und jetzt wollt ihr wahrscheinlich wissen, wann ich euch mehr erzählen kann.«

»Du kennst uns doch.«

»Ich denke, spätestens morgen Vormittag«, versprach Steffen von Schmidt-Elm den Kommissaren. »Der Wagen, der ihn ins Institut bringen soll, ist schon hierher unterwegs.«

Der Rechtsmediziner erhob sich. Leiser sagte er dann zu Georg Angermüller: »Morgen Nachmittag habe ich einen wichtigen Termin am Flughafen.«

Georg musste erst einen Moment überlegen, was sein Freund damit meinte. Dann fiel ihm ein, dass David kommen würde. David war Steffens englischer Lebenspartner. Die beiden bewohnten seit Dezember ein gemeinsames Haus in Lübeck. David war als auf Kirchenmalerei spezialisierter Kunstrestaurator von internationalem Ruf viel unterwegs, weshalb die geplante offizielle Besiegelung ihrer Lebensgemeinschaft schon mehrfach verschoben worden war. Doch nun sollte das Ereignis, das den sonst so kontrollierten Steffen schon seit Monaten mit Nervosität und Spannung erfüllte, am nächsten Wochenende endlich über die Bühne gehen.

»Und vergiss nicht: morgen Abend, Schorsch!«

»20 Uhr, ich weiß!«

»Das ist vielleicht nicht gerade die richtige Inspiration dafür«, sagte Steffen leise mit einem kurzen Seitenblick auf den Toten und dann die Rinderkeulen ringsum. »Aber ich mach doch einen Tafelspitz.«

Georg war bei Steffen und David zum Essen eingeladen. Sie wollten Einzelheiten der Hochzeitsfeier besprechen, bei der Angermüller als Steffens Trauzeuge fungieren sollte.

»Da habe ich kein Problem mit«, meinte er zu seinem Freund. Im Gegenteil, bei einem guten Essen und einem Glas Wein fand der Kommissar meist seinen Seelenfrieden wieder, wenn ein Fall ihn bis in sein Privatleben verfolgte. Ein echtes Problem sah Georg darin, Astrid erklären zu müssen, warum er sich früher von der Geburtstagsfeier ihrer Schwester Sigrid würde verabschieden müssen. Doch er hatte mit David und Steffen einfach keinen anderen Termin finden können.

»Moin allerseits! Dürfen wir mal? Wir haben hier einen Kunden abzuholen.«

Das laute Auftreten des Mannes, der da die Kommissare von hinten ansprach, passte nicht so recht zu seiner gediegenen Aufmachung. Er und sein Kollege steckten in schicken grauen Jacketts und schwarzen Hosen mit akkurater Bügelfalte.

»Okay, Steffen, dann erst mal danke«, verabschiedete sich Angermüller. »Wir hören von dir.«

Rasch räumten die beiden Kommissare die Kühlzelle und machten Platz für die Mitarbeiter des Bestattungsinstituts mit ihrem Metallsarg.

Im Flur trafen sie auf die Kollegin Kruse und den Kollegen Teschner, die ziemlich durchgefroren waren.

»Ihr braucht euch nicht zu beschweren! In der Kühlzelle sind’s minus 20, sach ich nur! Kommt lieber mit in die Küche und erzählt, ob ihr weitergekommen seid«, forderte Jansen die beiden auf.

»Außer den beiden im Herrenhaus gibt es hier auf dem Gut noch sechs Wohnungen in den Nebengebäuden des Torhauses«, berichtete Teschner, als sie am großen Küchentisch Platz genommen hatten. »Wir haben mit einer jungen Mutter und einem Rentnerpaar dort gesprochen. War ziemlich unergiebig. Interessant ist vielleicht eine Beobachtung, die eine ältere Dame gemacht hat: Gestern gegen Abend soll der Sohn des Opfers hier auf dem Gut gewesen sein. Zumindest hat die Zeugin ein Auto gesehen, das seines gewesen sein könnte. Ansonsten war in den anderen Wohnungen niemand zu Hause. Und dann ist da noch das Verwalterhaus, das etwas versteckt zwischen Herrenhaus und Scheune liegt. Aber da war auch keiner.«

»Dann klärt das ab mit dem Wagen des Sohnes und findet raus, wo der sich aufhält. Das ist schon der zweite Hinweis auf den. Klingt nicht uninteressant«, meinte Angermüller.

»Im Hof hatten wir dann noch eine Begegnung der anderen Art«, grinste Anja-Lena Kruse. »Wir sind mit einem Herrn Mientau aneinandergeraten, der kam mit seinem Trecker angebrettert und hätte uns beinah umgenietet! Als er mitkriegte, dass wir von der Polizei sind, wurde er noch wütender.«

»Wenn das man nicht der Typ war, wegen dem ich vorhin schon eine Notbremsung hinlegen musste! Was macht der hier?«

»Der hat das Land gepachtet, das zum Gut gehört, und züchtet eine spezielle Rinderrasse, und zwar exklusiv für Güldenbrook, jedenfalls schien der eine Mordswut auf den Grafen zu haben. Der und Lebouton, das wären allesamt Halsabschneider und Gangster, die hätten ihn über den Tisch gezogen und so weiter und so weiter.«

»Könnte der Typ was mit der Sache zu tun haben?«, fragte Jansen. Kriminalobermeisterin Kruse zuckte unschlüssig mit den Schultern.

»Ich weiß nicht. Der ist so ein typischer Hochdruckmensch, einer von denen, die gleich laut werden. Kann natürlich sein, dass er dann auch mal so ausrastet, dass er tätlich wird. Angeblich ist er gestern den ganzen Tag nicht hier auf dem Gut gewesen. Sein Hof liegt einen knappen Kilometer von hier entfernt, im Dorf Güldenbrook. Wir haben jedenfalls seine Daten und geben die gleich an Thomas zur Inpol-Abfrage weiter. Danach sprechen wir wieder mit dem.«

»Und sonst?«

Teschner sah auf seinen kleinen Notizblock.

»Ach so, ja. Da sind noch die beiden Bedienungen im Torhaus. Kann man vergessen. Die sind erst heute Morgen gekommen, wohnen in Dörfern in der Umgebung. Das kleine Restaurant und der Laden sind außerhalb der Saison immer nur tagsüber von Freitag bis Sonntag geöffnet.«

»Na gut. Dann habt ihr ja noch einiges zu tun. Wir sehen uns spätestens heute Abend zur Kommissariatsbesprechung.«

»Wann war das noch?«

»18 Uhr.«

»Alles klar«, mit beiden Händen strich Kriminaloberkommissar Teschner über seine kalten Arme. Es klopfte.

»Jetzt könnte ich gut einen heißen Kaffee vertragen«, sagte Teschner und sah sehnsüchtig zu der glänzenden italienischen Kaffeemaschine hinüber. »War verdammt kalt da draußen!«

Der Kopf eines jungen Mannes sah um die Ecke der geöffneten Küchentür.

»Guten Tag!«

Ohne eine Antwort abzuwarten, kam er herein und ging geradewegs auf die Beamten zu.

»Guten Tag!«, sagte er noch einmal freundlich und gab allen die Hand. »Ich bin Anatol. Anatol Kerbel, wie das Kraut.«

Seine Mütze hatte er in den Gürtel der Kochjacke geschoben, und die dunklen, halblangen Haare waren glatt nach hinten gekämmt. Er trug einen sehr schmalen Bart, der in einem akkuraten Streifen rund um Wangen und Kinn lief und auch die Oberlippe zierte.

»Soll ich Ihnen vielleicht einen Kaffee machen? Ich mein nur, weil ich das gerade gehört habe … Ich weiß, wie man die Maschine bedient.«

Die Beamten sahen sich an.

»Das Angebot nehmen wir dankbar an«, sagte Angermüller dann zu dem jungen Mann, »und anschließend kannst du uns gleich noch ein paar Fragen beantworten.«

»Ja klar, deshalb bin ich ja hergekommen. Ernie und Thorsten haben mir eben gesagt, dass Sie hier sind. Wie hätten Sie Ihren Kaffee denn gern?«

»Kannst du mir bitte einen großen Milchkaffee machen?«, fragte Angermüller. »Darf ich dich überhaupt duzen?«

»Kein Problem!«, grinste Anatol. »Und was darf ich den anderen Herrschaften servieren?«

Bald duftete die ganze Küche nach frisch gemahlenem Espresso, und die Beamten genossen die aromatischen Getränke, ganz nach ihren Wünschen, stärker oder schwächer, mit oder ohne Milch, mit oder ohne Zucker. Der junge Mann gab sich Mühe, ein perfekter Gastgeber zu sein.

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