»So sei es. Ich werde dir den Weg zu Mylady Muerte weisen, auch wenn es unnütz sein wird. Niemals lässt sie gehen, was zu ihr gekommen ist. Nie.«
Stella dachte, dass man niemals nie sagen sollte.
Der Kaminkönig fuhr fort. »Aber du wirst keine Leistung von mir umsonst erhalten. Ich bin der Kaminkönig. Ich handle.«
Stella nickte.
»Ich werde dir erst sagen, was der Preis ist, wenn du eingewilligt hast. Dann gibt es kein Zurück mehr. Weder für dich, noch für mich.«
Stella nickte wieder. Reichte dem Kaminkönig die Hand. Der Handel wurde beschlossen. McWhistle wimmerte leise und angsterfüllt.
Der Kaminkönig lächelte erneut. Dann griff er in seine Tasche, aus der er eine Streichholzschachtel hervorholte. Er öffnete sie und sah hinein. Dann nickte er zufrieden und gab sie Stella.
»Diese drei Streichhölzer will ich dir geben. Das erste zeigt dir, wo Mylady Muerte ihren Sitz hat. Wo sie ist, sind die Nebelkinder, in denen die Seelen wohnen. Das zweite öffnet dir die Tür der Kamine. Durch die Kamine reist man am schnellsten, denn die Kamine führen überall hin, über die Grenzen der Häuser hinaus.«
Einen Moment zögerte er. »Das dritte bringt dich zurück, sollte es ein Zurück geben.«
Er sah sie an. »Nimm jemanden mit. Es ist nicht gut, allein zu gehen. Und kein Elfenwesen wird Mylady Muerte beehren können.«
Stella nahm die Schachtel und bedankte sich. Dann sah sie den Kaminkönig erwartungsvoll an. Er griff sich mit einer Hand an das Kinn und dachte nach, neigte den Kopf mal nach links und mal nach rechts.
»Du magst Lieder«, stellte er fest.
Stella dachte darüber nach. Als Mary noch da gewesen war, hatte sie immer gesungen. Doch mit Marys Verschwinden waren auch die Lieder fort.
»Ich habe sie gemocht«, sagte sie schließlich, aber der Kaminkönig schüttelte den Kopf.
»Du magst sie immer noch. Sie schweigen nur.« Er atmete tief durch, dann sagte er: »Sie sollen mein Lohn sein.«
Stella nickte und fragte sich, was das bedeuten würde. Sie wusste es, sobald sich der Kaminkönig mit einer Verbeugung von ihr verabschiedete und in der dichten Rauchwolke verschwand, die sich bald darauf auflöste.
McWhistle sah sie fragend an, und Stella wollte ihm sagen, dass alles in Ordnung sei, aber sie konnte nicht.
Der Kaminkönig hatte ihre Stimme genommen.
Erschrocken barg sie das Gesicht in den Händen und schluchzte lautlos, denn zum Weinen braucht man keine Stimme.
»Wir können Mary retten«, sagte McWhistle nach einer Weile tröstend, auch wenn seine Stimme von Traurigkeit erstickt wurde, und Stella folgte ihm hinab in die Straßen von London.
Sie musste jemanden finden, der mit ihr gehen würde.
Little Eric. Niemand sonst.
Sie fand den Schornsteinfeger am Ufer der Themse, nahe der Tower Bridge. Dort trafen sie sich immer.
Unterwegs hatte Stella darüber nachgedacht, wie sie ihm sagen sollte, dass Mary im Reich von Mylady Muerte gefangen wäre. Sie hatte keine Stimme, und selbst wenn sie eine gehabt hätte — zu seltsam würde klingen, was sie erzählen würde.
Nicht einmal Mary hatte sie etwas vom Kuss des Koboldkönigs erzählt. McWhistle war es, der ihr half, zumindest die Stimme wiederzufinden. Wenn auch auf ganz andere Weise. Er wühlte in einem Mülleimer und reichte ihr eine zerknitterte Ausgabe der Times. »Was immer du sagen willst, zeig es anhand der Buchstaben. Schreibe die Worte mit deinen Fingern.« Stella hatte ihm einen Kuss auf die kleine Nasenspitze gegeben und der Brownie war rot angelaufen.
Jetzt saß sie neben Little Eric auf einer Bank und erklärte ihm, was sie ihm erklären musste. Er sah sie ungläubig an, aber am Ende nickte er.
»Ich habe gespürt, dass etwas nicht stimmt«, meinte er. »Ich wusste nur nicht, was es war.«
»Du liebst sie«, baute Stella die Worte auf dem Zeitungspapier, indem ihr Zeigefinger von Buchstabe zu Buchstabe flog.
McWhistle saß auf ihrer Schulter. Unsichtbar. Er ging erst, als Little Eric sagte: »Zünde das erste Streichholz an. Wir müssen herausfinden, wo Mary ist.«
Hoffnungsvoll fragte Stella: »Du kommst mit?« Ihre Finger huschten immer sicherer über den Artikel, als hätten sie die Position der Buchstaben auswendig gelernt.
Little Eric nickte. »Ich liebe sie«, sagte er und Stella entzündete das erste Streichholz. Im Schein der flackernden Flamme erschien ein Bild.
»Dort also müssen wir hin«, dachte sie.
Der Kaminkönig hatte gesagt, das zweite Streichholz würde ihnen den Weg durch die Schornsteine eröffnen. Also mussten sie zurück auf die Dächer. Mit flinken Fingern sagte sie es Little Eric. Der lächelte, denn nichts war leichter für einen Schornsteinfeger, als einen Kamin zu finden.
Stella entzündete das zweite Streichholz auf den Dächern der Stadt. Neben ihr ragte St. Paul’s Kuppel in den Himmel. Sie hatte nach Little Erics Hand gegriffen, und als die zweite Flamme die Dunkelheit der Nacht wie ein kurzes Aufblitzen erhellte, war plötzlich alles anders und sie fühlte, wie sie von dem Dach hinfort gerissen wurde, in den Kamin hinein, neben dem sie gestanden hatten. Wie Rauch flogen sie durch Schwärze, nur ab und zu blitzen Lichter vorbei, ehe sie wieder verschwanden. Es ging hinauf, hinab, geradeaus und querbeet, und dann standen sie mit einem Male im Herzen des Ortes, den die Welt den Tower von London nannte.
Hier, so hatte das Zündholzflammenbild ihnen verraten, sollte Mylady Muerte zu finden sein.
Fast erwartete Stella, eine der Wachen in ihren schwarzroten Uniformen zu sehen, oder wenigstens einen der Kolkraben, die an diesem Ort seit langer Zeit gehalten wurden. Verließen die Raben den White Tower, so hieß es, würde das Königreich untergehen.
Doch nichts und niemand war zu sehen, nicht Rabe, nicht Wächter. Wie ausgestorben lag der Tower da.
Nur Little Eric stand neben ihr.
Und die Nebel waren plötzlich da. Graue Dunstschleier, aus denen sich hier und da ein Schemen zu bilden schien. Stimmen begannen zu flüstern, schienen von überall zu kommen. Stella und Little Eric sahen sich nervös um. Mit einem Male stellte Stella fest, dass selbst die Pixies fort waren. Was hieß, dass sie im Reich der Mylady Muerte sein mussten, weil die Pixies ihr dorthin nicht folgen konnten.
Stella sah sich um. Auch das Licht, das in den Innenhof des Towers fiel, war kein herkömmliches. Viel matter war es, als ob auch die Sonne vom Nebel verschleiert wäre, und fliederfarben.
Sie deutete Little Eric darauf hin. Der Schornsteinfeger sah blass aus. Und genauso ängstlich, wie auch Stella sich fühlte.
»Für mich ist der Himmel grün«, sagte er.
»Für jeden ist der Himmel hier so, wie man es sich wünscht«, erklang auf einmal eine Stimme hinter ihnen.
Erschrocken fuhren sie herum.
Die Frau, die dort stand, umgeben von eben jenen Kolkraben, die Stella schon vermisst hatte, konnte nur Mylady Muerte sein. Die Nebel, die eben noch gewispert hatten, schwiegen und verwandelten sich in schemenhafte Gestalten, die sie umringten. Stella sah Gesichter. Sie erkannte keines. Little Eric barg die Augen in den Händen. Er war es nicht gewohnt Dinge zu sehen, die es nach normalem Ermessen nicht geben konnte. Stella blickte Mylady Muerte entgegen. Wunderschön war sie. Schwarze Locken umrahmten ein blasses, ovales Gesicht, das denen von Porzellanpuppen glich, nur dass nichts ihre Wangen rötete. Ihre Augen waren durch und durch dunkelblau, sie hatte keine Iris, es tanzten nur goldene Punkte durch das Blau, als wären sie die Sterne in einer ewig währenden Nacht. Unwillkürlich verbeugte sich Stella. Die Frau, die ein schwarzes, hochgeschlossenes Kleid trug, das an der Taille von einer Korsage geschnürt war und am Rock durch einen Reif weit von ihrem Körper fiel, nickte leicht und trat dann einen Schritt zur Seite, woraufhin sie den Blick auf die Person freigab, die bislang hinter ihr verborgen war: Mary. Ohne weiter auf Mylady Muerte zu achten, stürzte Stella mit einem stummen Schrei auf den Lippen zu ihrer Freundin. Die beiden Mädchen umarmten sich mit Tränen in den Augen. Marys Stimme, die sie freudig begrüßt hatte, verstummte, als sie begriff, welches Opfer es der Freundin gekostet hatte, hierher zu kommen und sie erklang erneut, als sie Little Eric erkannte, der immer noch mit den Händen vor dem Gesicht da stand. Sie legte eine Hand auf seine Schulter und griff dann mit der anderen Hand nach der seinen, als er sie hatte sinken lassen und auch sie sich in die Arme gefallen waren. So standen sie zu dritt da, umwoben von den Nebelgestalten, die immer wieder ihre Form verloren. Stella begriff, dass sie dafür den Rauch der Schornsteine brauchten. »Noch nie kam jemand zu mir, um die Seele eines anderen zu befreien«, sagte Mylady Muerte. Auf ihren Lippen lag ein leises Lächeln. »Aber es wurde auch nicht jeder vom König der Kobolde geküsst.« Mary und Little Eric sahen Stella fragend an, aber sie blickte nur auf die Frau in Schwarz mit den Augen der Nacht.
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