1 ...8 9 10 12 13 14 ...17 Über Reichweiten und Grenzen kontrastiver Analysen wurden noch jüngst kritische Stimmen laut (vgl. NeulandNeuland, Eva 2007). Die Suche nach vergleichbaren sprachlichen Charakteristika zeigt, dass sich diese – abgesehen von sprachtypologischen Spezifika – oft nur mit den unterschiedlichen kulturspezifischen Sozialisations- und Lebensformen in den verschiedenen Gesellschaftsformen hinreichend erklären lassen. Dies dokumentieren z.B. die Wahl von AnredeformenAnredeformen in so unterschiedlichen Gesellschaften wie den westeuropäischen und den ostasiatischen, aber auch die unterschiedlichen Definitionen von Jugend in europäischen und afrikanischen Gesellschaften.3Neuland, Eva/Lie, Kwang-Sook/Watanabe, Manabu/Zhu, Jianhua
3.7 Medienanalytische Forschung
Schon seit Beginn der Jugendsprachforschung in Deutschland beschäftigte sich die Forschung mit dem Einfluss der MedienMedien auf den Sprachgebrauch Jugendlicher (RoggeRogge, Klaus I. 1985, HenneHenne, Helmut 1986, Schlobinski u.a. 1993). MedienanalytischeMedienanalysen Forschungsbeiträge wurden zum Gebrauch von Printmedien (z.B. Hess-LüttichHess-Lüttich, Ernest W.B. 1983, 2003 über Alternativpresse in Jugendsubkulturen), Hörfunk (z.B. BernsBerns, Jan 2003 über Radiosendungen für Hip Hop-Anhänger) und Fernsehen vorgelegt. Jugendliche werden dabei nicht als nur passive Nutzer, sondern als aktive Gestalter von neuen Medienformaten angesehen. Analysen des Sprachgebrauchs in sog. FanzinesFanzines, Fan-Magazinen für jugendliche SubkulturenSubkultur, gingen vor allem in die systematische der Beschreibung: Deutsche Jugendsprache von AndroutsopoulosAndroutsopoulos, Jannis/Scholz, Arnim (1998) ein. Dies demonstriert auch das folgende Beispiel einer Plattenkritik in einem Fanzine:
Was iss’n das???!! auweia – gitarren rock oder besser pop mit geigen und gesofte, irgendwie so schmusebaladen würd ich denken, was für schwer verliebte … also ihr verliebten dieser erde greift zu … (zur cd ihr säue!!!) und … so weiter und sofort, nee im ernst das ist nix für mich selbst zum einschlafen zu öde. Schnell weg damit, aber vielleicht hört ihr ja selber mal rein und bildet euch eure meinung – not me!
(Zit. n. AndroutsopoulosAndroutsopoulos, Jannis 1997, S. 16)
Der Medienentwicklung folgend haben in den letzten Jahrzehnten die Analysen des Umgangs Jugendlicher mit Neuen MedienNeue Medien zugenommen: Jugendliche als Internetnutzer bilden mittlerweile einen viel beachteten Forschungsschwerpunkt (u.a. AndroutsopoulosAndroutsopoulos, Jannis sowie ReinkeReinke, Marlies 2003, KleinbergerKleinberger Günther, Ulla/Spiegel, Carmen Günther/Spiegel sowie DürscheidDürscheid, Christa 2006, KotthoffKotthoff, Helga/Mertzlufft (Hrsg.) (2014) sowie Spiegel/Gysin (Hrsg.) (2016)). Die Analysen beziehen dabei medientypische Charakteristika neuer Formen von SchriftlichkeitSchriftlichkeit ein, z.B. WortbildungWortbildung in Form von Akronymen (z.B. lol, hdl ), InflektivkonstruktionenInflektivkonstruktion ( grins, heul, freu ), Verwendung graphostilistischer Mittel (z.B. IterationIteration von Graphemen und Satzzeichen für besondere Hervorhebungen und Betonungen) sowie der Einsatz von Symbolen wie EmoticonsEmoticons.
Analysiert werden Kommunikationen in sozialen NetzwerkenNetzwerkesoziale Jugendlicher wie schülerVZ (Hellberg sowie Gysin 2014) und WhatsApp-ChatsChat (Wyss/Hug 2016), aber auch virtuelle Inszenierungen (Voigt 2014) und SelbstinszenierungenSelbstinszenierung und sprachbezogene Reflexionen zu Schreiben und Grammatik (Wagner/KleinbergerKleinberger Günther, Ulla/Spiegel, Carmen sowie Bahlo/Becker/Steckbauer 2016).
Für die medienanalytische Jugendsprachforschung stellt sich in besonderer Weise die Frage, inwieweit nicht nur allgemeine, sondern jugendtypische Charakteristika in der digitalen Kommunikation zu identifizieren sind1.
3.8 InteraktionsforschungInteraktionsforschung
Viele Beiträge der jüngeren linguistischen Jugendsprachforschung lassen sich unter den Oberbegriff der InteraktionsforschungInteraktionsforschung Interaktionsanalysensubsummieren. Dabei steht der mündliche Sprachgebrauch, oftmals von GruppenGruppe Jugendlicher in bestimmten Kommunikationssituationen im Mittelpunkt. Es wird mit übersatz- bzw. überäußerungsmäßigen Analysekriterien v.a. der linguistischen PragmatikPragmatik (der Jugendsprache)Pragmatik gearbeitet, um kommunikative MusterMuster herauszufinden, nach denen die Interaktion der Jugendlichen untereinander funktioniert.1Neuland, Eva
Zahlreiche neuere Studien zu ausgewählten kommunikativen Handlungsmustern und -praktiken sind hier zu erwähnen, in denen strukturelle wie funktionale Aspekte des gemeinsamen sprachlichen Handelns eine Rolle spielen, u.a.:
BlödelnBlödelnBlödelnBlödeln und Frotzeln sind Formen gruppeninterner ScherzkommunikationScherzkommunikation, die interaktiv praktiziert werden und die Gruppenkohärenz gerade auch durch das gemeinsame Gelächter stärken. Das folgende Beispiel einer Blödelei von Siebtklässlern stammt aus der Studie von Walther (Walther 2015, S. 317):
[…] |
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01 |
Ru |
das spray ich dann ganz groß an die Wand*Streber |
02 |
La |
musste aber Lautschrift machen |
03 |
Ru |
oh krass |
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04 |
Lu |
Lautschrift ↑ drunter musste dann die Lautschrift machen |
05 |
Ru |
nein ich schreib [ buchstabiert ] s t r a i b e r |
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06 |
Lu |
straiber |
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07 |
Ru |
ey das klingt geil |
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08 |
Lu |
strawberry kannste glei noch dran schreiben |
09 |
Ru |
[ singend ] strawberry fields forever |
10 |
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[singend] fields forever [lacht] |
[ Mädchen schauen sich verwundert an ] |
11 |
Ru |
[ lacht und zeigt auf die Mädchen ] die Gesichter ↑ * egal |
12 13 |
Lu |
[ lauter und belehrend ] ihr kennt wohl nicht * Erdbeerfelder für immer oder was ↑ |
14 |
Ru |
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ey haste dir das jetz ma angekuckt das |
Musical↑ |
15 |
Lu |
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ne habsch ni |
16 |
Ru |
ey das is so krass |
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[…] |
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Beispiel: „Streber“
(Zit. n. Walther 2014, S. 317)
LästernLästern:Beim LästernLästern tauschen sich die Interaktanten über (vermeintliche) Schwächen und kritikwürdige Verhaltensweisen nicht anwesender Personen aus, wobei die VerständigungVerständigung über Verstöße gegen Normen und Werte sozialen Handelns sozial abgrenzend und zugleich gruppenverstärkend wirkt. Lästereien finden sowohl über Personen außerhalb der Gruppe (Erwachsene, Lehrkräfte2) wie über andere Jugendliche statt, wie das folgende Beispiel von SchubertSchubert, Daniel (2009, 205) zeigt:
Sa: |
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die hat sooo***die hat so billige |
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((gedehnt)) |
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Ve: |
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ohh |
Bx: |
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nee |
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((schmunzelnd)) |
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Si: |
du hast die noch nie gesehen, ne |
Sa: |
/**also, wir ham ja Auch so stiefel, ne, *aber die hat |
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Ve: |
(geil, eh) |
nÄ |
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Sa: |
so richtig bIllige, weisste, du kanns_ja so stiefel/, *weisse, |
Sa: |
man kann ja sowas Anziehen, sowas was eher so_n* |
Si: |
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so_n leichten tIffentouch |
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((schmunzelt)) |
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Sa: |
leichten**n_touch hat, ne, aber nich dann so aus*so scheiss |
Si: |
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ja |
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(.(Sa zustimmend) ) |
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Sa: |
materiAl is, weisse, wir ham ja Auch so stiefel, aber |
Sa: |
die sind ja aus lEder und die hat die so aus*plAstik und |
Sa: |
so**und dann hatt die noch diese komische***strEtchhose |
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((holt Luft)) |
((gedehnt)) |
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Ve: |
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((schmunzelt)) |
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Beispiel: "Tiffentouch"
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