Claus Ehrhardt - Sprachliche Höflichkeit
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Allerdings dauerte es, so Scharloth (2015, 217), bis in die 1980er Jahre, bis der Kommunikationsstil des AlternativmilieusAlternativmilieu seinen Einfluss auf den Sprachgebrauch der Mehrheitsgesellschaft entfaltete. Dazu trug der Einzug der Grünen in den Bundestag 1983 zweifellos bei, ebenso die Übernahme von Elementen des alternativen Sprachstils in Presseorganen wie der TAZ (vgl. Schwitalla/Betz 2006 zu den verstärkten AusgleichsprozessenAusgleichsprozess von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in öffentlichen Textsorten).
Ein weiterer Bereich, in dem sich die genannten Tendenzen zeigen, sind AnzeigentexteAnzeigentexte. Wie Linke (2000) sowie SteinStein (2015) nachweisen, haben sich die Textsortenstile selbst im Rahmen einer Distanzkommunikation in den letzten Jahrzehnten deutlich zugunsten informellerer und persönlicherer Formulierungen, einschließlich der Kundgabe von Emotionen, verändert. Während noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Familienvater – oft unter Angabe seines Berufsstandes – die Geburt eines Kindes anzeigte, wird dies im 20. Jahrhundert zunehmend gemeinsam von den gleichberechtigten Eltern und zuletzt durch das Neugeborene selbst bekannt gegeben:
Die am 26sten d.M. erfolgte glückliche Entbindung meiner Frau von einem gesunden Sohne, habe ich die Ehre, hierdurch meinen Freunden anzuzeigen. Stettin den 28sten Januar 1800.
Friedrich Koch, Direktor des Lyceums. (nach Linke 2009, 47)
Heute sehen Geburtsanzeigen natürlich ganz anders aus. Man findet beispielsweise Texte, in denen neugeborene Kinder sich mit Worten wie „Hallo, hier bin ich“ selbst in die Welt einführen, in denen umgangssprachliche Ausdrücke oder lustige Bilder verwendet werden und ähnliche Ausprägungen. Aus Gründen des Datenschutzes können wir das hier nicht dokumentieren, aber ein Blick in eine beliebige Tageszeitung reicht, um eine ganze Reihe von Unterschieden zu Texten wie dem hier zitierten zu realisieren.
Als letztes Beispiel sei hier auf den Internetgebrauch verwiesen, bei dem eine Verschiebung des Verhältnisses von Öffentlichkeit und Privatheit zu erkennen ist. Elektronische PostElektronische Post wird heute bewusst informell, konzeptionell mündlich formuliert. Die Anrede Guten Morgen! und der Abschiedsgruß Liebe Grüße ist in heutigen studentischen Mails an ihre ProfessorInnen üblich geworden, auch wenn diese Personen gerade nicht miteinander vertraut sind.
3.4.2 Generationelle Einflüsse
Jugendliche galten zu allen Zeiten als „Noch-Nicht-Erwachsene“, als noch nicht angepasste Objekte von Sozialisation und Erziehung. Erst mit der Entdeckung von Kindheit und Jugend als eigenständige Entwicklungsphasen wurde der Blick auf das abweichende, auch deviante Verhalten von Kindern und Jugendlichen gewechselt und die neuen und innovativen Entwicklungen in Verhalten und Habitus in den Blick genommen. Dieser Perspektivwechsel auf Jugendliche als „Neuerer“ und als „Akteure im kulturellen Prozess“ (vgl. ZinneckerZinnecker 1981, NeulandNeuland 2011) hat in den letzten Jahrzehnten zu einer bedeutsamen Aufwertung der Jugend und einem besonderen Sozialprestige des Phänomens JugendlichkeitJugendlichkeit geführt.
Dies betrifft auch den Sprachgebrauch von Jugendlichen, der von einem Objekt bloßer Sprachkritik zu einem Objekt öffentlichen Interesses wurde, wie der hohe Absatz von Jugend- und Szenewörterbüchern zeigte (vgl. NeulandNeuland 2018a). Der unkonventionelle, lockere Charakter jugendlicher Ausdrucksweisen fand mit dem Schwinden der GenerationsdifferenzenGenerationsdifferenz vermehrt Eingang in den Sprachgebrauch von Erwachsenen und trug damit zum ständigen Wandel von Jugendsprache bei.
Wie aktuelle Studien vom Umgang Jugendlicher mit sprachlicher Höflichkeit zeigen, bevorzugen Jugendliche informellere Formen des sprachlichen Umgangs und jugendtypische Ausdrucksformen von Höflichkeit jenseits von Konventionen und Etikette, was später noch genauer ausgeführt wird (vgl. Kapitel 8, Ausblick). Es steht zu erwarten, dass solche generationellen Einflüsse die angesprochenen Informalisierungstendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch verstärken werden, wie es sich im Wandel von Gruß- und Abschiedsformaten schon ankündigt.
4 Ausdrucksformen sprachlicher Höflichkeit im Deutschen
4.1 Höflichkeit und Sprache
Höflichkeit wird in vielen Fällen auch oder vor allem sprachlich realisiert. Man kann wortlos einer Dame die Tür aufhalten, sich wortlos vor jemandem verbeugen oder jemandem im Bus Platz machen und ihn oder sie dabei anlächeln. Das alles ist sicherlich höflich. In sehr vielen prototypischen Beispielen für Höflichkeit gehört aber eine sprachliche Äußerung dazu; eine Begrüßung wird normalerweise verbal vollzogen, ein Dank oder eine Entschuldigung sind ohne die Verwendung einer rituellen Formel oder eines performativen Verbs zumindest umständlich und vielleicht mehrdeutig.
Hier stellt sich die Frage, wie die Höflichkeit einer bestimmten Äußerung mit den von den SprecherInnen verwendeten Wörtern, PhrasemenPhrasem, grammatischen Strukturen, Satztypen, Betonungen oder sonstigen sprachlichen Mitteln zusammenhängt. Konkreter gefragt: Muss man, wenn man GesprächspartnerInnen höflich kritisieren möchte, eine Formel wie mit Verlaub verwenden? Muss man eine Bitte in einen Fragesatz verpacken, die höfliche Anrede wählen, den Konjunktiv verwenden oder Lexeme wie bitte , wenn man höflich sein möchte? Es ist keineswegs klar, ob diese und andere sprachlichen Strukturen einen notwendigen oder sogar hinreichenden Grund dafür darstellen, dass eine Äußerung als höflich angesehen werden kann.
So gut wie alle neueren Beiträge über Höflichkeit verweisen auf die Einsicht „[…] no linguistic structure can be taken to be inherently polite“ (WattsWatts 2003, 168); sie gehen davon aus, dass Höflichkeit nicht eine Eigenschaft von Wörtern und Sätzen, sondern von Ausdrücken und Äußerungen, also Wörtern und Sätzen im Kontext, ist. Ähnlich formulieren es KádárKádár/HaughHaugh: „[…] politeness does not reside in particular behaviours or linguistic forms, but rather in evaluations of behaviours and linguistic forms“ (Kádár/Haugh 2013, 57). Die Verwendung des Konjunktivs in einer Bitte ( Könntest du mir die Zeitung vorlesen? ) wäre damit weder notwendig noch hinreichend, um diese Sprechhandlung als höflich zu qualifizieren. Die Höflichkeit oder der Grad an Höflichkeit hängt vielmehr entscheidend davon ab, wer wo wann zu wem so etwas in welcher Umgebung sagt und wie die Äußerung von den AdressatInnen oder auch von BeobachterInnen bewertet wird.
Das ist einleuchtend, sollte aber nicht dazu führen, dass der sprachliche Aspekt unterschätzt wird. Die Annahme, dass die Höflichkeit einer Äußerung auch davon abhängt, ob bestimmte sprachliche (grammatische, lexikalische, phraseologische usw., aber auch phonetische/prosodische) Strukturen verwendet wurden, ist gut begründet. „Zum Ausdruck der Höflichkeit gibt es viele sprachliche und außersprachliche Formen“ (WeinrichWeinrich 1993, 102). Schon Kindern wird beigebracht, dass die Verwendung von Wörtern wie bitte oder danke in vielen Situationen einen entscheidenden Unterschied ausmacht. Es gibt im Deutschen wie in allen anderen Sprachen ganz offensichtlich sprachliche Formen, die auch oder vor allem die Funktion haben, eine Äußerung so zu konturieren, dass die AdressatInnen eine Botschaft auf der Beziehungsebene rezipieren, die dann dazu führen kann, dass sie die SprecherInnen oder zumindest deren Äußerungen als höflich klassifizieren.
Leech bringt diese Intuition in die Form einer Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen Typen von Höflichkeit. In einer älteren Arbeit (Leech 1983) spricht er von absoluter versus relativer Höflichkeit, in einem späteren Werk (LeechLeech 2014, 15ff.) von pragmalinguistischer versus soziopragmatischer Höflichkeitsoziopragmatische Höflichkeit. Mit dem ersten Teil der Begriffspaare ist gemeint, dass manche Sätze auch ohne Kenntnis des Kontexts als höflich angesehen werden können: „Pragmalinguistic politeness is assessed on the basis of the meaning of the utterance out of context […]“ (Leech 2014, 16). In diesem Sinne kann eine Äußerung mehr oder weniger höflich sein, das Gegenteil von höflich wäre nicht-höflich. Vielen Dank wirkt in der Regel höflicher als Danke , die Abwesenheit jeglicher Dankesformel in Kontexten, in denen sie erwartbar wäre, betrachtet Leech als nicht-höflich. Der zweite Terminus der Begriffspaare bezieht sich dann auf die kontextsensitiven Formen von Höflichkeit, in denen die sprachliche Form nicht als wichtigste Erklärungsgrundlage für die Evaluation der Äußerung herangezogen werden kann: „[…] social judgements of politeness depend not just on the words used and their meanings but also on the context in which they are used […]“ (Leech 2014, 17). In diesem Sinne gibt es ein situationsangemessenes Ausmaß an Höflichkeit und – als Alternative – ein höheres oder ein zu niedriges Ausmaß. Wenn SprecherInnen höflicher sind als es in der Situation erforderlich ist, werden sie als höflich empfunden, tun sie weniger, dann sind sie nicht nicht-höflich, sondern unhöflich. Die Unterscheidung mag im Einzelnen schwer nachvollziehbar und diskussionswürdig sein – angefangen bei der Frage, ob es sinnvoll ist, von Äußerungen ohne Kontext zu sprechen. Wir übergehen hier solche Diskussionen und beschränken uns auf den Hinweis, dass bei so gut wie allen Äußerungen, die aus dem einen oder anderen Grund als höflich angesehen werden, die sprachliche Form eine gewisse Rolle spielt.
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