Claus Ehrhardt - Sprachliche Höflichkeit
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Solche und viele andere Fragen können nur dann zufriedenstellend beantwortet werden, wenn eindeutig ist, wovon man spricht und keine Verwechslungen mit Knigge-Vorschriften oder verwandten Begriffen auftreten. Watts et al. betonen deswegen, dass es besser wäre, auf der Ebene der theoretischen Diskussion den durch die Alltagsthematisierungen „kontaminierten“ Begriff ganz zu vermeiden:
As we have seen, in examining linguistic politeness we are dealing with a lay first-order concept which has been elevated to the status of a second-order concept within the framework of some more or less adequate theory of language usage. This being so, it is crucially important to state in what ways the two concepts differ, and this is, as we have also seen, rarely if ever done. Unless the theoretical second-order concept is clearly defined and given some other name, we shall constantly vacillate between the way in which politeness is understood as a commonsense term that we all use and think we understand in everyday social interaction and a more technical notion that can only have a value within an overall theory of social interaction. (Watts et al. 2005, 4f.)
Andererseits stellt es aber, wie erwähnt, auch einen Vorteil dar, wenn sich Theorie nicht allzu weit von der Kommunikationspraxis entfernt und dies auch durch die Verwendung von Begriffen deutlich macht, die aus Alltagsdiskursen kommen und dann im wissenschaftlichen Diskurs vor dem jeweiligen theoretischen Hintergrund genauer gefasst und zu Termini werden. Die Relevanz von Wissenschaft bemisst sich u.a. daran, ob sie in der Lage ist, eine Erklärung für im Alltag selbstverständliche Prozesse zu finden. Warum sollte sie dann Begriffe verwenden, die den Bezug zur alltäglichen Praxis eher verstecken als unterstreichen?
Wie die Praxis sind auch die Ebenen der first-order und der second-order politeness eng aufeinander bezogen und im Zweifelsfall kaum voneinander abgrenzbar. Es ist beispielsweise zweifelhaft, ob die Ausführungen von Autoren wie Mießgang, Gärtner/Roth oder Erlinger dem einen oder dem anderen Bereich zuzuordnen sind. Die Autoren populärwissenschaftlicher Klagen über den Verfall von Höflichkeit können durchaus einen wissenschaftlichen Hintergrund haben. Verwenden sie common-sense -Begriffe, wenn sie versuchen, die Zusammenhänge so darzustellen, dass ein möglichst breites Publikum angesprochen werden kann? Wo ist die Grenze zwischen der verständlichen Darstellung wissenschaftlicher Inhalte und der Thematisierung in bestimmten soziokulturellen Gruppen, wie es bei Watts et al. heißt?
Aber auch wenn es nicht immer leicht ist, bleibt es wichtig, sich die Unterscheidung immer wieder bewusst zu machen und die Ebenen zu trennen, um Verwirrung zu vermeiden. Wenn man beispielsweise über den Wandel von Höflichkeit spricht oder schreibt, sollte man genau sagen, ob man von veränderten Umgangsformen, von lexikalischem Wandel oder von Veränderungen in der Konzeptualisierung von Höflichkeit spricht. Das Gleiche gilt für Sprach- und Kulturvergleiche: Hier stellt sich immer die Frage des tertium comparationis . Kann man beispielsweise sagen, dass politeness, cortesia oder politesse das Gleiche sind wie Höflichkeit ? Auf welcher Ebene liegen Unterschiede zwischen dem Deutschen, dem Englischen, dem Italienischen und dem Französischen? Auf der Ebene der Wörter, der Verhaltensweisen oder der Begriffe? Oder sind die Unterschiede gar auf der Ebene der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Phänomenen angesiedelt? Ganz genau hinschauen sollte man auch bei den bereits angesprochenen, weit verbreiteten Klagen über den Verfall von Höflichkeit. Wenn jemand behauptet, die Schüler haben heute keinen Respekt mehr vor den Lehrern und der Institution Schule, wovon redet er dann? Da sollte man zuerst einmal prüfen, ob es stimmt, dass – wie oft behauptet wird – immer weniger Schüler ihre Lehrer „ordentlich“ grüßen. Und wenn es tatsächlich eine Veränderung auf der Ebene der Verhaltensweisen gegeben haben sollte: Kann man sagen, dass die Schüler heute unhöflicher sind als früher, oder haben sie einfach einen anderen Begriff von Höflichkeit und bewerten Handlungen anders?
Wenn man genau hinschaut, ist das Feld, das die Höflichkeitsforschung zu bearbeiten hat, sehr heterogen und unübersichtlich und stellt hohe Anforderungen an die methodische und begriffliche Herangehensweise in der Sprachwissenschaft oder in anderen Wissenschaften. Es gibt zwei bedenkenswerte Argumente, die darauf hinauslaufen, Höflichkeit gar nicht oder ganz anders zu thematisieren als das bisher gemacht wurde. Erstens: Watts hatte in der oben zitierten Passage schon vorgeschlagen, Höflichkeit als wissenschaftlichen Terminus gar nicht zu verwenden und den Begriff anders zu fassen. Ähnlich argumentiert BublitzBublitz:
Der Verzicht auf ‚Höflichkeit‘ als Beschreibungskonstrukt befreit uns zum einen von einem unerträglich überfrachteten und höchst vagen Begriff und verbietet zum anderen die unhaltbare Unterscheidung zwischen höflichen und unhöflichen Sprachen mit dem kausalen Rückschluss auf höfliche und unhöfliche Sprachgemeinschaften. (Bublitz 2009, 275)
Auch Bublitz erinnert also daran, dass die Vagheit des Höflichkeitsbegriffes ein Hindernis für die linguistische Diskussion darstellt. Im Folgenden werden wir trotzdem daran festhalten. Der wichtigste Grund dafür wurde bereits angesprochen: Wir halten Höflichkeit für einen Gegenstand, der zum einen im Rahmen von sprachtheoretischen Überlegungen dazu beitragen kann, das kommunikative Geschehen besser zu erklären als dies ohne ihn möglich wäre. Zum anderen macht der Begriff deutlich, dass sich die Sprachtheorie mit Gegenständen auseinandersetzt, die auch für den alltäglichen Sprachgebrauch und für die LaienreflexionLaienreflexion darüber relevant sind. Wir verstehen Bublitz’ Hinweis allerdings als Aufforderung, einen möglichst klaren und eindeutigen Begriff von Höflichkeit 2 zu entwickeln, mit dessen Hilfe erstens die kommunikative Praxis in deren eigener Begrifflichkeit analysiert werden kann und der zweitens dazu beitragen kann, dass diese Praxis im Rahmen von wissenschaftlichen Kommunikationsmodellen erklärbar wird. Dann sollte es auch möglich sein, sprachwissenschaftlich über Höflichkeit nachzudenken, ohne unhaltbare Unterscheidungen zu treffen – ohne also (z.B.) zu behaupten, das Französische sei höflicher als das Englische.
Das zweite Argument, das gegen ein solches Vorhaben spricht, findet sich in der Einleitung der Höflichkeitsmonographie von Watts:
The present book, however, should be seen as a radical rejection of politeness 2as a concept which has been lifted out of the realm of lay conceptualizations of what constitutes polite and impolite behavior and how that behavior should be evaluated. (WattsWatts 2003, 11)
Watts lehnt es also generell ab, eine Theorie der Höflichkeit zu entwerfen. Sein Augenmerk gilt dem, was auf dem Niveau von Höflichkeit 1 passiert; er will also untersuchen, wie Höflichkeit in der sozialen Interaktion eingesetzt, kommentiert und diskutiert wird und welche Funktionen diese Thematisierungen jeweils haben. Er betont dabei sehr stark den evaluativen Charakter von Höflichkeit und hält diesen für unüberwindbar. Wenn sich also die Sprachwissenschaft mit Höflichkeit beschäftigt, dann übernimmt sie einen Gegenstand, zu dessen konstitutiven Eigenschaften es zählt, dass er von InteraktionsteilnehmerInnen verwendet wird, um (subjektiv) zu bewerten, was andere InteraktionspartnerInnen machen. Dabei bleibt auch der normative Charakter zwangsläufig immer erhalten. Wissenschaft sollte aber nicht subjektiv und normativ sein. Folglich ist es für Watts ausgeschlossen, dass es eine sinnvolle wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Höflichkeit geben kann.
Letztlich spricht aus den Bemerkungen Watts’ eine tiefe Skepsis gegenüber jeder Form von Sprachtheorie. Er sieht hier das Problem, das eine Theorie ein Modell entwickelt, im Falle der Sprache aber dazu genau den Gegenstand heranziehen muss, den sie behandelt. Eine Sprachtheorie spricht darüber, wie wir Sprache verwenden – und verwendet dafür natürlich Sprache. Sie kann also nicht wirklich von ihrem Gegenstand abstrahieren und übernimmt seine (in der Wissenschaft störenden) Eigenschaften: „Its very essence is prescriptive and normative“ (Watts 2003, 48).
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