Claus Ehrhardt - Sprachliche Höflichkeit
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Man sollte die Hörerperspektive im Auge behalten, also fragen, wie direkte AdressatInnen eine Handlung beurteilen, ob sie sie als höflich empfinden oder nicht.
Dabei geht es immer auch um eine Bewertung durch die AdressatInnen, die diese auf der Grundlage bestimmter Kriterien vornehmen, die wiederum aufgedeckt werden sollten.
Relevant sind aber auch die Intentionen der SenderInnen, also die Frage, warum/mit welcher Motivation SprecherInnen ihren Beitrag so gestaltet haben, wie sie es getan haben. Wollte der/die SprecherIn höflich sein? Was wollte er/sie darüber hinaus?
Auch die SprecherInnen bewerten ihre Äußerungen mehr oder weniger explizit.
Zu berücksichtigen sind die vortheoretischen Höflichkeitsbegriffe, die InteraktionsteilnehmerInnen ihren Handlungen und Bewertungen zugrunde legen.
Das Verhalten, das als höflich klassifiziert wird, basiert auf sozialen Regeln und Konventionen.
Wissenschaftliche oder auch andere BeobachterInnen mögen ihren Analysen andere Bewertungsgrundlagen zugrunde legen als die Beteiligten. Auch die BeobachterInnenperspektiveBeobachterperspektive muss hinterfragt werden.
In Aussagen über Höflichkeit stecken immer Werturteile wie der Zusammenhang mit Solidarität, Kooperation, Konsensorientierung, Konfliktvermeidung, allgemeines Menschenbild usw.
Der Höflichkeitsbegriff der TeilnehmerInnen unterscheidet sich notwendigerweise stark von dem der WissenschaftlerInnen. Unter anderem liegt das an der Fragestellung, unter der beide jeweils das Geschehen beobachten: Die TeilnehmerInnen können sich damit begnügen festzustellen, ob GesprächspartnerInnen sich höflich verhalten haben oder nicht; sie werden eventuell noch fragen, warum (nicht). WissenschaftlerInnen suchen nach weiteren Erklärungen und versuchen, ihre Beobachtungen und Analysen in ein umfassenderes Begriffssystem einzuordnen und aus diesem heraus zu erklären (vgl. dazu Haferland/Paul 1996, 7f.).
Zentral für jedes wissenschaftliche (also auch sprachwissenschaftliche) Anliegen ist der vorrangig deskriptive Charakter im Unterschied zum normativen Ansatz der Etikette. Letztere ist vor allem darauf ausgerichtet, den RezipientInnen zu sagen, wie sie sich in bestimmen Situationen verhalten sollen, wenn sie gesellschaftlichen Erfolg haben und effizient kommunizieren wollen. LinguistInnen sind vor allem daran interessiert, zu beschreiben, zu analysieren und zu erklären, was in der Kommunikation passiert, wie GesprächsteilnehmerInnen sich verhalten, welche Ziele sie verfolgen und was sie tun, um diese Ziele zu erreichen.
2.6.2 Zwei Ebenen der Diskussion: Höflichkeit 1 und Höflichkeit 2
In einer sprachwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Höflichkeit muss es auch darum gehen, diese Diskussionen über sprachliche Höflichkeit in einen breiteren wissenschaftlichen Zusammenhang zu stellen; das heißt, dass Begriffe und Methoden der Höflichkeitsforschung auch unter der Fragestellung betrachtet werden, ob sie mit dem Stand der Forschung in der linguistischen Pragmatik, der Soziolinguistik und anderer linguistischer Teildisziplinen kompatibel sind, und ob sich aus einer stärkeren Integration der verschiedenen Ansätze eventuell neue Möglichkeiten ergeben könnten, das infrage stehende Phänomen angemessen zu erklären.
Die sprachwissenschaftliche Thematisierung von Höflichkeit kann aber nicht auf einer rein theoretischen Ebene stattfinden. Es wäre kaum zu rechtfertigen, wenn man die bereits angesprochenen alltagssprachlichen Höflichkeitsbegriffe einfach ignorieren würde – sie sind schließlich ein wichtiger Teil der Sprachkompetenz und des Sprachbewusstseins von SprecherInnen. Damit werden sie zu einem wichtigen Gegenstand für eine Wissenschaft, die versucht, die menschliche Sprachfähigkeit und auch Formen der SprachreflexionSprachreflexion zu beschreiben und zu erklären.
Das Verhältnis zwischen einem wissenschaftlichen Höflichkeitsbegriff und dem Alltagsverständnis ist dabei keineswegs geklärt – und es ist keineswegs banal. Wie man dieses Verhältnis modelliert, davon hängt letztlich auch ab, was man unter ‚Höflichkeit‘ versteht. Eine Möglichkeit besteht darin anzunehmen, dass Begriff und Wort im Wesentlichen den gleichen Ursprung haben, dass es ‚Höflichkeit‘ also erst gibt, seitdem man darüber nachdenkt und redet. Schon etymologisch bietet sich sofort der Verweis auf höfisches Verhalten an und die Identifizierung von höflichem Auftreten mit bestimmten gesellschaftlichen Klassen. Höflichkeit stände dann in der Tradition des Adels und der Höfe. Höflich sein hieße, sich funktional analog zu Höflingen zu verhalten. Wenn Höflichkeit dagegen als Begriff verstanden wird, der auch vor der Entstehung von Höfen und bevor das Wort Höflichkeit gebräuchlich wurde, eine gewisse Gültigkeit hatte, dann könnte man davon ausgehen, dass Menschen so etwas wie höfliches Verhalten an den Tag gelegt haben, bevor es Höfe als Institutionen gab und dass weiterhin auch außerhalb adliger Kreise sprachliche und außersprachliche Handlungen verbreitet waren und sind, die man sinnvollerweise unter den Begriff ‚Höflichkeit‘ subsumieren sollte. Das würde bedeuten, dass es eine sehr enge Verbindung zwischen Höflichkeit und der Möglichkeit von Kommunikation im Allgemeinen gibt. Die Entscheidung für die eine oder andere Variante kann weitreichende Konsequenzen für die Höflichkeitstheorie haben. Darauf werden wir zurückkommen.
In den sprachwissenschaftlichen Diskussionen über Höflichkeit legen die meisten AutorInnen großen Wert darauf, dass die verschiedenen Ebenen und Herangehensweisen genau unterschieden und getrennt werden, um begriffliche Konfusion zu vermeiden. Es sollte also zunächst einmal klar sein, ob man von Höflichkeit im normativen, alltagssprachlichen Sinne spricht und damit die Teilnehmerperspektive einnimmt oder ob man Höflichkeit als deskriptiven, sprachwissenschaftlichen Begriff verwendet, der zwangsläufig aus einer BeobachterInnenperspektive entwickelt werden muss.
Viele AutorInnen beziehen sich auf die Unterscheidung von Höflichkeit 1 (oder first-order politeness )Höflichkeit 1 (oder first-order politeness) und Höflichkeit 2Höflichkeit 2 (oder second-order politeness second-order politeness), die von Watts et al.Watts et al. vorgeschlagen wurde:
We shall argue in this introduction that distinction needs to be made between first-order and second-order politeness. We take first-order politeness to correspond to the various ways in which polite behavior is perceived and talked about by members of socio-cultural groups. It encompasses, in other words, commonsense notions of politeness. Second-order politeness, on the other hand, is a theoretical construct, a term within a theory of social behavior and language usage. (Watts et al. 2005, 3)
Höflichkeit 1 ist ein common-sense -Begriffcommon-sense-Begriff; er umfasst die Begriffe, die von Interaktionsteilnehmern aktiviert und ihren Bewertungen zugrunde gelegt werden. Sie spiegelt sich beispielsweise in den Tendenzen der Verwendung des Wortes Höflichkeit wider oder in der Thematisierung von (Un)Höflichkeit in einem Gespräch wie dem Ausschnitt aus der Talkshow .
‚Höflichkeit 1‘ als Begriff ist also stark an die Etikette angelehnt und weist Überschneidungen mit andern Konzepten wie ‚Respekt‘, ‚Pünktlichkeit‘, ‚Freundlichkeit‘ usw. auf, ist aber von diesen nicht eindeutig zu trennen. Wie viele alltagssprachliche Begriffe ist dieser also recht vage – für den alltäglichen Sprachgebrauch ist das kein Problem, in wissenschaftlichen Diskussionen sollten Begriffe aber klar definiert und konturiert sein.
Damit sind schon einige der Anforderungen an ‚Höflichkeit 2‘ genannt: Hier kommt es auf Klarheit, Erklärungskraft und Abgrenzbarkeit an. Darüber hinaus sollte jeder wissenschaftliche Begriff in einem umfassenderen theoretischen Ansatz verankert sein und damit eine Einordnung in ein begriffliches System ermöglichen, aus dem heraus sich die untersuchten Phänomene in ihrer inneren Logik und in ihrer Funktionalität erklären lassen. Im Falle der Höflichkeit sollte es etwa möglich sein, zu fragen, welchen kommunikativen oder sozialen Zielen die Bewertung von Handlungen dient. Es sollte darüber hinaus z.B. ermöglicht werden, ‚Höflichkeit‘ in Verbindung zu setzen mit Fachbegriffen wie ‚Sprechhandlung‘ oder ‚Kooperation‘, also auf Fragen zu antworten wie: Ist Höflichkeit eine Eigenschaft von Wörtern, Sprechhandlungen oder Äußerungen? Ist Höflichkeit eine Form von Kooperation, oder fällt sie vielleicht sogar mit dem zusammen, was in der linguistischen Diskussion als ‚Kooperation‘ bezeichnet wird? Ist Höflichkeit ein mitgemeinter Bedeutungsaspekt etwa im Sinn einer Implikatur? Welche Bedeutung hat Höflichkeit für die Kommunikation? Handelt es sich um ein notwendiges Element, um eine Verzierung oder um eine fakultative Zusatzinformation?
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