Claus Ehrhardt - Sprachliche Höflichkeit

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Höflichkeit ist ein wichtiges Thema laienlinguistischer Überlegungen zu Sprache und Kommunikation. Seit einiger Zeit hat es sich auch zu einem zentralen Gegenstand linguistischer Forschungsansätze entwickelt. Der Band stellt die wichtigsten sprachwissenschaftlichen Theorien zur Höflichkeit vor und zeigt ihre Verflechtung mit Nachbardisziplinen auf. Es handelt sich um die erste deutschsprachige Publikation, die einen aktuellen Überblick über das Forschungsgebiet samt Anwendungsfeldern bietet.

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Um also vernünftig zu reden, kann man ganz offen sagen, daß sich in der Konversation alles sagen läßt, gesetzt, man hat Geist und Takt und bedenkt gut, wo man ist, mit wem man redet und wer man selber ist. Und obwohl der Takt absolut unentbehrlich ist, um niemals etwas Deplaziertes zu sagen, muss die Konversation dennoch so frei aussehen, als ob sie auch nicht den geringsten Gedanken zurückweise, als ob man alles sage, was einem die Phantasie eingibt […]. (de Scudéry zit. nach Schmölders 1986, 175)

Schmölders schreibt der galanten Konversation ein affektives, erotisch-kokettierendes Moment zu, das konversationelle Thema wird relativiert und der wahre Gesellschafter gegen den Typus des gelehrten Pedanten gesetzt (1979, 31f.). Die folgende Entwicklung der bürgerlichen Konversation wird wieder andere Akzente im Hinblick auf Anstand und Moral setzen.

3.2 Entwicklung und Bedeutung der bürgerlichen Höflichkeitbürgerliche Höflichkeit in Deutschland

3.2.1 Bürgerliche Natürlichkeit

Wesentliches Moment in der Entwicklungsgeschichte des 19. Jahrhunderts bildet der Aufstieg des BürgertumsBürgertum. Die personenorientierte Geselligkeit tritt zugunsten einer sachlichen Objektivierung des Zusammenlebens in den Hintergrund; ein komplexeres Sozialgefüge ist an die Stelle der adligen StändegesellschaftStändegesellschaft getreten und hat mit der Notwendigkeit sozialer Neuorientierung auch den Bedarf an RatgeberliteraturRatgeberliteratur gesteigert.

Mit der Emanzipation des Bürgertums und dem grundlegenden Strukturwandel der Öffentlichkeit und dem Wandel sozialer Werte (vgl. Habermas 1962/1971) ist auch eine andere Form von Höflichkeit verbunden, die den Kontrast von AdelAdel und Bürgertum zum Ausdruck bringt. Die bürgerliche Natürlichkeit wird der höfisch-zeremoniellen Etikette entgegengesetzt, die als künstlich und übertrieben empfunden wird; mit der „AfectationAfectation“ kontrastiert eine „Höflichkeit des Herzens“, die zugleich eine egalitäre Höflichkeit und innere Sittlichkeit unter Seinesgleichen ist.

Abb III1 Daniel Nikolaus Chodowiecki 1779 Natürliche und affectirte - фото 10

Abb. III.1: Daniel Nikolaus Chodowiecki (1779): Natürliche und affectirte Handlungen des Lebens

In den höfischen und salonkonversationellen Geselligkeitsvorstellungen des 17. Jahrhunderts dominierte das Idealbild der geistreichen und galantengalant Konversation als Heilmittel gegen den ennui . Demgegenüber legten die Anstands- und Konversationslehren der bürgerlichen Öffentlichkeit im Deutschland des 18. Jahrhunderts besonderes Gewicht auf schlichtere Formen natürlicher, „wahrerer“ Höflichkeit der gesitteten Lebensart und des guten Tonsguter Ton in allen Lebenslagen.

In diese Zeit fällt, wie BeschBesch schildert, auch der Wandel der HöflichkeitspronominaHöflichkeitspronomen im Deutschen, und zwar von einer „Sozialrang-AnredeSozialrang-Anrede“ zu einer „Anrede, die Beziehungsverhältnisse markiert“ (Besch 2000, 2615). Als Anredepronomina fungieren nun Du und Sie und zum Teil auch Ihr , während es noch längere Zeit dauerte, bis die ursprünglich herrschaftlichen nominalen Anreden Herr, Frau, Fräulein gesamtgesellschaftlich üblich wurden.

Die moralisch-aufklärerischen Lebenslehren des 18. Jahrhunderts fanden ihren publizistischen Niederschlag in „moralischen Wochenschriften“ sowie in einer großen Anzahl von KonversationslehrenKonversationslehre, nach Georg Philipp Harsdörffers Frauenzimmer Gesprechspiele (1968-69/1644) u.a., Christian Thomasius’ Kurtzer Entwurff der politischen Klugheit und Von der Klugheit, sich in alltäglicher Conversation wohl aufzuführen (1971/1710).

Abb III2 Georg Philipp Harsdörffer Frauenzimmer Gesprechspiele 1644 - фото 11

Abb. III.2: Georg Philipp Harsdörffer: Frauenzimmer Gesprechspiele (1644)

Daneben trugen die Erfindung der KonversationslexikaKonversationslexikon (BrockhausBrockhaus 1796 – 1808) sowie die ansteigende Zahl von Unterhaltungsspielen zur Normierung, Kodifizierung und Institutionalisierung der konversationellen Praxis bei (Schmölders 1986, 59ff.).

AnstandsbücherAnstandsbuch und Konversationslehren des 19. Jahrhunderts erfüllen einerseits neben ihrer vordergründigen Funktion der praktisch-handwerklichen Nutzbarkeit die weitergehenden Funktionen einer Selbstvergewisserungslektüre über Geselligkeitsformen. Andererseits fungieren sie als Aufstiegshilfe (so Linke 1996b, 88), und zwar durch die Einübung in öffentliche und private Formen bürgerlicher Geselligkeit, deren symbolische Ordnung sie durch die Modellierung der konversationellen Umgangsformen gleichsam mitkonstituieren halfen. Bürgerliche Höflichkeit wird so zum symbolischen Medium der SelbstverständigungSelbstverständigung und der IdentitätsstiftungIdentitätsstiftung.

Diverse Beispiele dafür werden in Linke (1996a) angeführt, darunter etwa Martin Schmeizel: Die Klugheit zu leben und zu conversiren, zu Hause, auf Universitäten und auf Reisen (1737). „Cautelen, die man fleißig zu practicieren“ habe, werden über den Ablauf und die Topik von Gesprächen aufgelistet (z.B.: das liebe Wetter, neue Sachen, Staats- und geistliche Sachen, Nachfragen nach des anderen Zustand und schließlich bei hoffärtigen Frauenzimmern: ihr Kleid loben und davon reden).

Die Internalisierung von Höflichkeit ist Aufgabe einer gesellschaftlichen Bildung. Der HöflichkeitserziehungHöflichkeitserziehung kommt daher nach bürgerlichen Vorstellungen ein besonderer Stellenwert zu.

3.2.2 KniggeKnigge

Eingeleitet durch die beiden in diesem Sektor wichtigsten deutschen Texte Über den Umgang mit Menschen (1788) von Adolf Freiherr Knigge sowie Das ideale Gespräch (1797) von Christian Garve ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland ein bedeutender Anstieg der Anstandsliteratur zu verzeichnen. Hier liegen also die Ursprünge einer bestimmten Form der Thematisierung von Höflichkeit, die bis heute wirkmächtig ist, wie wir in Kapitel. 2.2 gesehen haben.

Das Werk von Knigge unterscheidet sich allerdings grundlegend von früheren sowie späteren Anstandslehren; es stellt eine Zäsur in der Geschichte der deutschen Höflichkeit dar, gerade weil es keine BenimmfibelBenimmfibel sein will. Auch findet sich keine vergleichbare Entwicklung im zeitgenössischen Europa, zumal nicht in Frankreich, das damit auch seine Vorbildfunktion für höfliches Verhalten einbüßte.

Die Entstehung des Werkes ist eng verbunden mit der sozialen Differenzierung der bürgerlichen Gesellschaft, die anstelle der Modellfigur des HofmannesHofmann verschiedene gesellschaftliche Stände unterschied und den Kaufmann zur neuen Modellfigur erhob. Es ist das Verdienst Knigges, diese Pluralität von sozialen Positionen und Interaktionsanforderungen mit einer Differenzierung von HöflichkeitsstilenHöflichkeitsstil in Verbindung zu bringen. Sein Anliegen zielt aber nicht auf Unterscheidung im Sinne von Ausgrenzung, sondern gerade umgekehrt auf soziale IntegrationIntegration. Diese soziale Differenzierung zeigt sich deutlich in der Gliederung des Werkes:

Abb III3 Über den Umgang mit Menschen Inhaltsverzeichnis der 18 - фото 12

Abb. III.3: Über den Umgang mit Menschen . Inhaltsverzeichnis der 18. Originalausgabe, Hannover und Leipzig (1908, XIII/XIV)

Die „Lebenslehre“ Knigges als Angehöriger des Adelsstandes verdankt sich sowohl der Reflexion höfischer als auch bürgerlicher Gesellschaftserfahrungen. Sein Werk stellt ein bürgerliches Gesellschaftsprojekt dar, „das die Erziehung der Person zu größerer sozialer Integrations- und kommunikativer Interaktionsfähigkeit ins Zentrum stellt“ (PittrofPittrof 1991, 165). „Wichtig ist“, so MontandonMontandon in seiner Einleitung (1991b, 15), „dass der neue Umgang eine allgemeine Kommunikation ermöglicht, die sich weit mehr auf universelle Werte der Integrierung gründet als auf Prinzipien des Ausschlusses.“

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