Claus Ehrhardt - Sprachliche Höflichkeit

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Höflichkeit ist ein wichtiges Thema laienlinguistischer Überlegungen zu Sprache und Kommunikation. Seit einiger Zeit hat es sich auch zu einem zentralen Gegenstand linguistischer Forschungsansätze entwickelt. Der Band stellt die wichtigsten sprachwissenschaftlichen Theorien zur Höflichkeit vor und zeigt ihre Verflechtung mit Nachbardisziplinen auf. Es handelt sich um die erste deutschsprachige Publikation, die einen aktuellen Überblick über das Forschungsgebiet samt Anwendungsfeldern bietet.

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SoziologInnen diagnostizieren: Alle sagen Du , als sei das damit Gemeinte schon gegeben (vgl. z.B. Jaeggi 1978 mit interessanten Analysen zur Studentenszene im Bochum der 1960er Jahre). Zwar hat sich diese Praktik nicht durchgesetzt, wohl aber das vergleichsweise konsequente Weglassen von TitelnTitel im bundesdeutschen Sprachraum, und zwar bis heute.

Aus den antiautoritären politischen Protestbewegungen des Jahres 1968 folgt auch eine sprachliche Umbruchsituation. StötzelStötzel/WengelerWengeler stellten 1995 die These von 1968 als sprachgeschichtliche Zäsur zur Diskussion; einige Jahre später wurde diese in einem Sammelband von KämperKämper, ScharlothScharloth und WengelerWengeler (2012) fortgeführt und vertieft.

Der veränderte Sprachgebrauch nahm seinen Ursprung bei linken Studierendengruppen und setzte sich fort in der Außerparlamentarischen OppositionAußerparlamentarische Opposition verschiedener sozialer Gruppierungen bis hin zu parteipolitischen Programmen. Das allgemeine Du lebt bis heute in kulturellen „GesinnungsgenossenschaftenGesinnungsgenossenschaft“ fort, sei es in der Sozialdemokratie, in ökologischen Gruppierungen oder Freizeitgesellschaften, z.B. bei Mitgliedern eines Sportstudios. Allerdings zeigen aktuelle Umfragen auch die bleibende Wertschätzung des Sie , besonders in beruflichen Kontexten (vgl. z.B. appinio 2019: „Siezen gehört immer noch zum guten Ton“).

Der HöflichkeitswandelHöflichkeitswandel im deutschsprachigen Raum kann mit AnkenbrandAnkenbrand als Wandel von einer Distanz- in eine NähehöflichkeitNähehöflichkeit beschrieben werden, als allmählicher Übergang von der traditionellen, etikettehaften DistanzhöflichkeitDistanzhöflichkeit zu einer Höflichkeit der Nähe und Vertrautheit bzw. von ihrer Simulation (Ankenbrand 2013, 90). In ihrer empirischen Studie zum Wandel von GeschäftskorrespondenzGeschäftskorrespondenz kommt die Autorin zur Unterscheidung einer aktuellen Variante von Höflichkeit, für die sie die Bezeichnung „professionelle Freundlichkeit“ als angemessener als „Nähehöflichkeit“ hält. Sprachliche Umgangsformen aus dem Kommunikationsbereich von Nähe und Vertrautheit werden in den Kommunikationsbereich der Distanz transferiert, um beim Empfänger das Gefühl individueller Wertschätzung auszulösen und kommerzielle Vorteile zu erlangen – ein taktischer Gebrauch von CamaraderieCamaraderie.

Diese Entwicklung zeigt sich heute in einer zunehmenden Tendenz der InformalitätInformalität.

3.4 Ausblicke auf Prozesse kulturellen Wandels in der Gegenwart

Die im Folgenden behandelten Tendenzen der Informalisierung und der generationellen Einflüsse hängen eng zusammen, da gerade die jüngeren Generationen stets als eine Quelle kulturellen und sprachlichen Wandels in Form von Informalisierungen wirkten.

3.4.1 Tendenzen der Informalisierung

Indizien für eine Informalisierung finden sich heute in vielen Lebensbereichen. Insbesondere kann hier auf eine Auflösung der Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit zugunsten der Ausdehnung eines ehedem Privaten verwiesen werden, die mit einer Ent-DistanzierungEnt-Distanzierung persönlicher Beziehungen verbunden ist.

Diese lässt sich vor allem am Wandel von Gruß- und Anredeformen einschließlich der GestikGestik und KörperspracheKörpersprache veranschaulichen. Knicks und DienerDiener sind auch für Kinder schon lange unüblich geworden; Hüte, die man lüften könnte, sind aus der Mode gekommen, von der VerbeugungVerbeugung ist in der BRD allenfalls ein leichtes Kopfneigen übriggeblieben. Wie neuere Studien belegen, nimmt die im Deutschen übliche tageszeitliche Differenzierung ( Guten Morgen, Guten Tag, Guten Abend etc.) zugunsten von Kurzformen ( Morgen, Tag etc.), vor allem aber zugunsten von Hallo als Passe-partout -Formel ab. Auch die nonverbalen Bestandteile des Grüßens haben sich verändert: Der WangenkussWangenkuss hat stark zugenommen, das HändeschüttelnHändeschütteln dagegen eher abgenommen (vgl. NeulandNeuland 2015).

Ein offensichtlicher Prozess des Wandels von Begrüßungskonventionen lässt sich in den Zeiten des Coronoavirus gut beobachten: Wenn man davon ausgehen muss, dass eine Person, mit der man in eine Interaktion eintreten möchte, ein gewisses Interesse daran hat, Abstand zu halten und Berührungen zu vermeiden, dann kann und muss man neue Ausdrucksformen finden, um zu kommunizieren, dass man ein friedliches Gespräch beginnen möchte und die Gesprächspartner respektiert. Die Menschen werden hier sehr kreativ; diskutiert und/oder praktiziert werden etwa verschiedene Formen von aus asiatischen Kulturen inspirierten Verbeugungen, das „Ebola-GreetingEbola-Greeting“, bei dem man die Hüften seitlich zusammenstößt, der „Wuhan-ShakeWuhan-Shake“, bei dem sich die Füße berühren, der „Fist BumpFist Bump“, bei dem man die Fäuste gegeneinander stößt, und vor allem die Berührung mit den Ellenbogen. Diese scheint sich durchzusetzen und in kürzester Zeit zum von den Umgangsformen gebotenen sowie von der Etikette akzeptierten, wenn nicht sogar vorgeschriebenen Ersatz für das zuvor in formelleren Situationen obligatorische Händeschütteln zu werden.

Abb III5 So ändert das Coronavirus unsere Etikette Bundeskanzlerin Angela - фото 14

Abb. III.5: So ändert das Coronavirus unsere Etikette: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher beim Ellenbogen-Gruß ( t-online v.1.9.2020) (c) picture alliance/dpa / Bernd von Jutrczenka)

Dies und anderes mag als Verlust konventioneller Umgangsformen gedeutet werden; die veränderten Ausdrucksweisen können aber auch Folgen einer Internationalisierung und Globalisierung und einer Angleichung an anglo-amerikanische Umgangsformen darstellen. In seinem Text „Von der Informalität zum doing buddydoing buddy“ deutet Scharloth (2012, 41ff.) die Veränderung dieses Kommunikationsstils und veranschaulicht diesen Wandel mit linguistischen Analysen von Texten der 1968er-Bewegung im öffentlichen Raum einer Fernsehdiskussion im Kontrast zu Auflagen des Benimmbuchs des Fachausschusses für Umgangsformen in den 1970er und 1980er Jahren. Dabei belegt er eine Zunahme von Informalitätsindikatoren (z.B. Kontraktionen ( auf’m ), Reduktionen ( nix) , Elisionen ( ner, en ), von substandardsprachlicher, z. T. jugendsprachlicher Lexik ( scheiße, verflucht, volle Pulle ) und von emotionalen Ausdrücken und Befindlichkeitsäußerungen (Empfindungen von Ärger, Empörung, Ekel…) bei Diskussionsteilnehmern aus dem linksalternativen Milieu im Unterschied zu Mitdiskutanten aus dem konservativen Lager (vgl. auch Scharloth 2011 und 2015).

Zugleich wandeln sich auch die Verhaltensvorschriften für BegrüßungenBegrüßung und VerabschiedungenVerabschiedung, Anrede- und AbschlussformelnAbschlussformeln sowie TitelgebrauchTitel im Hinblick auf eine Vergrößerung des Repertoires zum Ausdruck von Vertrautheit und eine Ausweitung ihrer Gebrauchsdomänen. So wird die briefliche Anredeform Sehr verehrte, gnädige Frau [Familienname] seit der Auflage von 1988 des Benimmbuchs vom Fachausschuss für Umgangsformen nicht mehr empfohlen; stattdessen Sehr verehrte, liebe Frau [Familienname], wobei sich nur der letzte Bestandteil dieser Form bis heute erhalten hat. Ähnliches gilt für die noch in der Auflage von 1970/75 empfohlene Abschiedsformulierung Hochachtungsvoll , die seit 1988 der informelleren Formulierung Mit herzlichen/freundlichen Grüßen gewichen ist. Schließlich musste das Benimmbuch nach 1996 sein Erscheinen ganz einstellen. Scharloth schlussfolgert: „Die Dynamik der Verhaltensstandards von 1964 bis 1996 kann demnach insgesamt beschrieben werden als ein Abbau formeller und distanzierter Praktiken zugunsten eines Ausbaus von Praktiken der Vertrautheit und ihres Gebrauchs in traditionell von formalen Praktiken geprägten Domänen“ (Scharloth 2012, 50). Für diesen Kommunikationsstil als neuen Verhaltensstandard prägt der Autor die Bezeichnung doing buddy mit Vertrautheit als dominantem Beziehungsmodus, verbunden mit einer Nivellierung geschlechts-, alters- und statusspezifischer Unterschiede.1

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