»Du«, August dachte offenbar nach, »… ich muss noch unbedingt an den Computer, die wollen bald die genauen Flurstücksgrößen haben, und ich will die Luftbilder, die uns zugeschickt wurden, mit den alten Plänen vergleichen, nicht dass am Ende falsche Werte vorliegen, die dann zur Berechnung der Ausgleichszahlungen für die Brachflächen herangezogen werden.«
»Aber mit dreckiger Unterhose willst du ja wahrscheinlich auch nicht über deine Brachfläche gehen, oder?« Henrike funkelte ihn, fast wütend wirkend, an.
Dann mal ran an die Wäsche, dachte August und wollte mit einem »Nee, wohl nicht« den Raum verlassen.
»Na, denk mal drüber nach, wenn du Zeit hast, das mit den Luftbildern wird schon nicht so lange dauern. Du kennst doch dein Land besser als jedes Luftbild … Trinken wir heute noch ein Glas Wein? Das würde prima in meinen Plan passen.«
»Mal sehen, wie lange ich für die Pläne und Luftbilder brauche, das ist eine komplexe Materie«, August lächelte, »aber dann, warum nicht, ein Pils wäre zwar auch nicht schlecht, aber man muss ja flexibel sein. Aber erst mal muss ich jetzt duschen.« Mit diesen Worten nahm er sich die Sportseite vollständig vor.
Henrike machte es sich auf dem Sofa im Wohnzimmer gemütlich, der Fernseher lief, es war genau 20.15 Uhr, die Titelmusik des Erzeugnisses aus Hollywood begann.
»Du kannst mir ruhig schon ein Glas vorbeibringen«, rief sie in die Küche, was August aus seinem leichten Ärger über die erneute Niederlage des HSV herausriss und zu einem geistesabwesenden »Mach ich« veranlasste. Bevor er ins Bad ging, suchte er eine Flasche Wein im Keller, fand einen roten, französischen, aus dem Roussillon, entkorkte ihn und brachte Henrike ein Glas. Sie quittierte mit einem kurzen »Danke«, und als August ansetzte, etwas zu sagen, schickte sie vorsorglich ein »Psst« hinterher, um dieser Gefahr gleich zu begegnen. Er merkte, dass es kaum Sinn hatte, gegen Hugh Grant auf der Mattscheibe anzureden, raunte nur, als dieser zufällig im Bild erschien: »Na so toll sieht der nun auch wieder nicht aus«, worauf Henrike noch entschiedener »Psst« machte und »Ruhig« hinzufügte. August drehte kurzerhand um, wollte nun endlich unter die Dusche, als Henrike ihm ihrerseits nachrief: »Ach, August, Wiard hat noch angerufen. Er will mit dir über irgendetwas am neuen Deich sprechen. Ob du morgen mal Zeit hast?«
»Vielleicht lag am Deichfuß eine alte Plastikplane oder eine verölte Möwe? Darüber kann er sich ja aufregen wie sonst kaum einer. In letzter Zeit ist er wieder ganz auf dem Umwelt-Trip …«, rief August zurück und murmelte noch, mehr zu sich: »… die grüne Socke.«
»Weiß ich nicht, hat er auch nicht gesagt, sprich außerdem nicht so über ihn, er ist ein feiner Kerl. Und nun sei mal still.« Henrike wusste zwar nicht immer, was sie wollte, heute Abend wusste sie es aber ziemlich genau.
»Na, so wichtig wird’s schon nicht sein. Ich fahr aber morgen sowieso zu dem neuen Stück Land, das wir gepachtet haben, da komm ich bei Wiard vorbei. Werde mal kurz bei ihm reinschauen.«
»Dann mach das mal«, kam, leicht genervt, zurück, und August nahm sich vor, bis zum Ende des Films nichts mehr zu sagen. Er erhaschte noch einen Blick auf Julia Roberts, fand den Mund tatsächlich breit, die Frau insgesamt aber sehr ansehnlich und verschwand unter der Dusche mit dem Gedanken, dass die den neuen Laufstall mal eben aus ihrer Haushaltskasse hätte bezahlen können. Aber was sollte Julia Roberts mit einem Kuhstall.
Wiard Lüpkes war das, was man eigenbrötlerisch nennt. Er wohnte nicht allzu weit entfernt des Saathoff’schen Hofes. August verstand sich ganz gut mit ihm, sie hatten öfter mal miteinander zu tun, und wenn es nur das zufällige Treffen irgendwo in den umliegenden Poldern oder wie neulich in Norden war, bei dem man ein paar Worte wechselte. Dabei kebbelten sie sich immer, denn die politischen Ansichten von Wiard und August gingen durchaus nicht immer konform, manchmal diametral auseinander, aber sie akzeptierten sich. Früher hatte Wiard beim Finanzamt in Emden gearbeitet, bis ihm »das Amt und alles, was damit zu tun hatte, zum Halse raus hing«, und hatte seitdem keine feste Anstellung mehr gehabt. Die Leute hatten es kaum nachvollziehen können: »So eine Stelle auf’m Amt, Mensch, beim Staat, also, die gibt man doch nicht auf, heutzutage, bei mehr als fünf Millionen Arbeitslosen …«, »So gut wie verbeamtet.«, »Füße hoch, ein paar Einkommensteuererklärungen bearbeiten, und dann noch Gehalt dafür kriegen.« Wiard hatte das anders gesehen, und mit den paar Einkommensteuererklärungen war es auch nicht einfach so getan, er hatte es aufgegeben, mit den Leuten darüber zu diskutieren. Aber vor allem war ihm irgendwann, aus heiterem Himmel (oder doch nicht?) der Gedanke gekommen, warum er eigentlich acht Stunden täglich in dieser vermufften Bude saß und darüber gutachtete, ob jemand ein paar Euro Steuer zurückbekam oder nicht. Acht Stunden seines einzigartigen, einmaligen Lebens, von dem nun schon allerhand Jahre rum waren. Schließlich hatte er die Kündigung eingereicht, sogar den Betriebspsychologen des Kreises hatten sie ihm noch aufgehalst: »Herr Lüpkes, es ist aber sonst alles in Ordnung mit Ihnen?« Und: »In Ihrem Alter – also, da finden Sie keinen Job mehr, in der Wirtschaft sowieso nicht, aber im öffentlichen Dienst geht das auch nicht mehr …«
»Ich habe keine Frau, ich habe keine Kinder«, hatte er geantwortet, »und das, was ich für mich brauche, das kriege ich schon irgendwie zusammen, bin ja für sonst niemanden verantwortlich, nur für mich, na, das wird schon hinhauen.«
Am letzten Tag beim Finanzamt hatte er sich bei den Kolleginnen und Kollegen verabschiedet, bei all denen, die er schätzte, und den anderen. Dann hatte er sich, nachdem er das Gebäude durch die Außentür verlassen hatte, noch einmal umgedreht und ein, zwei Minuten nachgedacht, dabei auf die Gemäuer des Amtes blickend: Das war’s, ab sofort wird gelebt, war es ihm durch den Kopf gegangen. Und gleichzeitig: Na, ich kann das so machen, andere nicht …
Jetzt half Wiard im Sommer bei verschiedenen Landwirten aus, er kannte ja fast alle hier und in den Nachbarpoldern, und mit einigen verstand er sich gut. Bei August hatte er ebenso hier und da geholfen. Auch beim Bau des neuen Laufstalles, schließlich hatte August zusammen mit dem Bankberater so viel Muskelhypothek veranschlagt, dass er es allein kaum schaffte. Im Winter ging Wiard tageweise Beschäftigungen nach, war bei einer Jobvermittlung gemeldet, und immer, wenn das Geld zur Neige ging, suchte er sich Arbeit. Die Rente reichte »allenfalls fürs Klopapier und ein Stück Butter«, obwohl er mehr als 18 Jahre im Finanzamt gearbeitet hatte, aber er hatte ein Haus – seine Altersvorsorge, vielleicht die sicherste. Das war auch so ein Zufall in seinem Leben gewesen, hatte aber seinen Entschluss, dem Amtmannsleben Ade zu sagen, maßgeblich beeinflusst. Ein Onkel vererbte ihm das Haus, als der mit über 85 Jahren plötzlich verstarb. Der Postbote hatte irgendwann mit einer Einladung zur Testamentseröffnung beim Notar vor ihm gestanden, und Wiard hatte keinerlei Idee, worum es sich handeln könnte. Nach dem Notarstermin war er Besitzer eines kleinen Hauses im Polder. Handschriftlich hatte sein Onkel auf das Testament gesetzt: ›Und dat du mi dat Huus in Ordnung hollst.‹
Im letzten Sommer hatte er über eine Zeitarbeitsvermittlung einen Job als Helfer beim Bau des neuen Deiches bekommen. Vier Monate ordentlich gerackert, dabei aber ganz gut verdient.
»Das reicht locker, um den Herbst und den Winter zu überstehen und ein paar Wünsche zu erfüllen, die ich so habe …«, hatte er zu August gesagt. »Da kann ich mal wieder meinen Hobbys nachgehen.« Zu seinen Hobbys gehörten ein Schaf, eine Ziege, zahlreiche Katzen, Hühner und ein Schäferhund. Außerdem fertigte er Kunstgegenständen aus Holz an. Die wollte er in einem kleinen Laden, den er in seinem Haus auszubauen gedachte, zum Verkauf anbieten, »gerade, wenn die Badegäste aus dem Binnenland kommen«, von denen er sich einen Nebenverdienst erhoffte (»die kaufen doch alles, was halbwegs nach Küste und Meer aussieht«). Und er war technisch up to date, hatte einen Laptop zu Hause stehen, DSL-6000-Anschluss, wusste über alle neuen Trends Bescheid.
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