1 ...6 7 8 10 11 12 ...20 „Aber …“ Scham breitete sich in meiner Brust aus und saß dort wie ein Stein. „Warum hast du dann das Gespräch mit mir geführt?“ Und noch wichtiger. „Warum hast du mich eingestellt?“
„Weil du nicht nur besser geeignet bist, als alle anderen.“ Er hielt inne und grinste dann. „Sondern weil es mutig war, zu tun, was du getan hast. Ich dachte mir, dass du verzweifelt genug warst, in die Party reinzuplatzen und ein Einstellungsgespräch für einen Job zu führen, ohne etwas darüber zu wissen. Du brauchst Arbeit.“
Ehrlich gesagt war ich froh, dass die Wahrheit ans Licht gekommen war. Dennoch fühlte ich mich nicht besser über das, was ich getan hatte. Es lag nicht in meiner Natur, unehrlich zu sein. Mein innerer Rückzug überraschte mich selbst. Ich knetete meine Finger und entschuldigte mich. „Ich wollte das gar nicht. Ich habe wirklich nicht damit gerechnet, dass du mich einstellst.“
„Möchtest du den Job noch haben?“
Noah wartete geduldig auf meine Antwort. Gott, ich wollte den Job nicht. Aber ich brauchte ihn. So sehr. Ich sah zu ihm hoch und nickte. „Ja“, sagte ich leise.
„Großartig“, sagte Noah und half mir aufzustehen. „Dann lass uns oben die Papiere fertig machen. Amber wird dir erklären, was alles zu deinem Aufgabengebiet als Assistentin gehört. Klingt das gut?“
Tat es das? Ich zwang mich, zu lächeln. „Das klingt gut.“
Noah bot mir seinen Arm an und ich nahm die Stütze gern. Ich wollte mich nach meinem Rucksack bücken, aber er sagte: „Lass ihn einfach liegen, der kommt hier nicht weg.“
Als ich den Raum verließ, rief Helmer: „Bis dann, Emily.“
Ich lachte überrascht auf. „Bis dann, Helmer. Bis dann, Lee.“
„Wir sehen uns“, sagte Lee.
Und das erste Mal in meinem Leben hatte ich nach einer Lüge kein schlechtes Gewissen. Denn dieses Mal hatte sie mir einen Job eingebracht.
Die kleine Frau verließ das Zimmer und mein finsterer Blick folgte ihr. Sowie sie auf der Treppe waren, drehte ich mich zu Lee um.
„Alter, was zum Geier? Haben wir jetzt echt die ganze Tour über das da dabei?“
Lee blinzelte. „Was stimmt denn nicht mit ihr?“
Hell kam vom Kühlschrank und schälte eine Banane. „Ich mag sie.“
„Nur weil sie dich einen Wikinger genannt und irgendeinen Quatsch über deinen Namen dahergeredet hat.“
Er biss in die Banane und kaute bedächtig. „Was sie gesagt hat stimmt, ich hab’s gegoogelt.“
„Egal.“ Von diesen beiden Deppen bekam ich ganz bestimmt keine Rückendeckung. Ohne weiter nachzudenken, schnappte ich mir ihren alten ausgefransten Rucksack.
„Oh seht nur.“ Ich drehte ihn um und fuhr mit der Hand unter den Namenszug aus Perlen. „Emily.“ Mein Gelächter klang gemein und rau und als ich wieder ernst wurde, betrachtete ich das Teil finster. „Mal im Ernst. Wie alt ist die? Sieben?“ Mit jeder Minute wurde ich wütender und als ich den großen weißen Button sah, schloss ich die Augen und hob den Kopf. Dabei lachte ich leise, obwohl es nicht zum Lachen war. „Sie hat echt einen Button, auf dem steht, Spaß haben ist leicht …“ Ich hielt inne und sah meine Bandkumpels an. „… w enn du einen Bibliotheksausweis hast . Ohne Scheiß. Das steht hier wirklich.“ Ich blinzelte und flüsterte: „Sie klingt wie eine verfluchte Psychotante.“
Lee atmete laut aus. „Gib ihr eine Chance, ich finde sie niedlich.“
Das war sie. Und das gefiel mir nicht. Mit ihrem langen, braunen Haar, das sie nachlässig zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, der großen Brille, den blauen Augen mit den langen Wimpern, dem weiten T-Shirt und der schlabbrigen Jeans. Sie trug kein Make-up. Ich konnte mir keinen Reim auf sie machen. War sie echt? Hatte sie noch nie von Left Turn gehört? Also bitte, das kaufte ich ihr nicht ab. Jeder hatte schon von uns gehört. Ich hatte viel mit Frauen zu tun und meiner Erfahrung nach logen sie alle. Sicher, sie war überzeugend, aber ich traute ihr nicht. Die anderen hatte sie vielleicht schon bei den Eiern, aber mich nicht. Ich war vorsichtig. Ich musste sie im Auge behalten. Was immer sie im Schilde führen sollte, ich würde es herausfinden.
Emily
Nachdem ich erfahren hatte, dass Amber, Micahs Ehefrau, die frühere Assistentin von Left Turn war, ergaben die Dinge langsam einen Sinn. Obwohl Micah der Manager der Band war, so erklärte er mir, würde er die Band nicht auf der Tour begleiten. Denn Amber stand kurz vor der Geburt. Tatsächlich hatte sie in ein paar Wochen schon ihren Termin.
Noah hatte Micah versichert, dass das in Ordnung war, aber ich konnte sehen, dass Micah den Gedanken, die Band aus der Ferne zu managen, nicht mochte. Amber ebenfalls nicht. Sie waren ein Team und ich spürte, wie traurig sie darüber waren, dass sie ihren Job nicht ausüben konnten. Andererseits war es eine aufregende Zeit für sie und ich wollte ihnen gern versichern, dass ich bereit und in der Lage war, den Job zu machen.
Micah und Noah ließen uns allein und Amber konnte mir in Ruhe alles erklären.
„Also.“ Amber stöhnte und legte ihre geschwollenen Füße auf einen Polsterhocker. „Es ist ziemlich überschaubar.“ Sie griff nach ihrem Fußgelenk und sah aus, als fühlte sie sich unwohl.
„Alles in Ordnung?“, fragte ich.
„Ja, alles gut. Das gehört dazu, wenn man ein Baby in sich wachsen lässt.“ Sie sah gar nicht gut aus. „Meine Füße bringen mich noch um.“
Ich zögerte nicht. „Möchtest du, dass ich sie dir massiere?“
Ihr Kopf schoss hoch. „Bitte?“ Sie runzelte die Stirn. „Nein, mach dir keine Gedanken.“ Als ihr klar wurde, dass ich es ernst meinte, schenkte sie mir ein Lächeln. „Aber danke für das nette Angebot.“
Ich schob meinen Sessel dennoch näher. „Ehrlich, das ist gar kein Problem. Ich muss meiner Nanna ständig die Füße massieren.“ Vorsichtig nahm ich ihren Fuß hoch. „Sie hat Durchblutungsstörungen.“
Amber versuchte abzuwehren. „Wirklich, mir geht es pri…“ Ich drückte die Daumen auf ihre Fußsohle und ihr Kopf fiel nach hinten auf die Lehne. Sie stöhnte und atmete aus. „Oh mein Gott. Das fühlt sich unheimlich gut an.“ Sie hob den Kopf wieder und ich konnte die Seligkeit auf ihrem Gesicht lesen. „Du bist ein Engel.“
Ich lächelte schüchtern. „Mach ich doch sehr gern.“
Amber holte tief Luft und fing noch einmal von vorn an. „Okay, wie gesagt, das ist alles ziemlich übersichtlich. Dein Job ist es, alles zu machen, was die Jungs nicht machen wollen.“
Ich runzelte die Stirn und sie lachte. „Ich weiß. Das klingt nicht sonderlich reizvoll, oder? Dazu musst du aber wissen, dass sie auf Tour nicht wirklich Pausen haben. Sie müssen die Shows proben. Und nach den Auftritten gibt es normalerweise Partys oder …“ Sie verzog das Gesicht. „Mädchen, die ihnen die Zeit vertreiben. Dann gehen sie schlafen und am nächsten Tag beginnt alles von vorn. An Tagen, an denen sie keine Show haben, haben sie Promotion-Termine und eins kannst du mir glauben, das ist ermüdend.“
Okay. Verständlich. Das klang anstrengend. „Was muss ich alles wissen?“
„Oh Liebes, ich kann dich unmöglich auf alles vorbereiten, aber ich kann dir ein paar Dinge erläutern, die die Umstellung leichter machen.“ Sie atmete schwer ein und rieb sich den Bauch. Dann gab sie mir einen Block und einen Stift. Ich verstand, ließ von ihrem Fuß ab und sowie ich bereit war, mitzuschreiben, legte sie los. „Jeden Morgen musst du um sieben Uhr früh in ihre Hotelsuite gehen. Manchmal wird in den Suiten das absolute Chaos herrschen, manchmal nicht. Sie lassen ihre schmutzigen Klamotten vor den Schlafzimmertüren liegen und du musst dich darum kümmern, dass sie gewaschen und wieder in ihre Zimmer gebracht werden.“ Ich nickte, während ich schrieb. Okay. Das klang nicht so schwer. „Sie haben keine Namensschilder in ihren Sachen. Es kann also sein, dass es ein bisschen dauert, bis du weißt, wer welchen Stil hat, aber das kommt mit der Zeit.“
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