106
– Ähnlichkeit von Vokalen.Tw kann es darauf ankommen, dass Vokale – ggf im Zusammenhang mit bestimmten Konsonanten bzw bei kurzer oder aber langer Betonung – ähnlich klingen können, was zum Beispiel zwischen „a“ und „e“, „a“ und „u“ ( BPatG 2005, 777 – NATALLA/Nutella; EuG 23.3.2012 – T-157/10 – ALIXIR/Elixeer), „e“ und „i“ (BPatG MarkenR 2006, 460 – EVIAN/REVEAN) vorkommen kann. Entspr dürften auch „a“ und „o“ ( EuG 17.1.2012 – T-249/10 – KICO/KIKA) bzw „o“ und „u“ aber auch „a“ und „ei“ ( BPatG GRUR 2012, 527 – SOFT LINE/SOFTLAN) als ähnliche Vokale gelten. Die Vokale „u“ und „i“ seien dagegen klar voneinander zu unterscheiden (EuG GRURInt 2006, 1024, 1028 – Bit/Bud). Eine Verwechslungsgefahr kann durch eine Vokalfolge verstärkt werden (BPatG MarkenR 2006, 460 – EVIAN/REVEAN; BGH MarkenR 2001, 204, 206 – EVIAN/REVIAN). Auch eine gleiche Abfolge der Vokale kann für eine Ähnlichkeit sprechen (BGH GRUR 2004, 235, 237 – Davidoff II – gegenüber Durffee), sie allerdings nicht selbstständig begründen ( BPatG GRUR-RR 2013, 291, 292 – RACE/RABE, zumal die gegenüberstehenden Zeichen in unterschiedlichen Sprachen ausgesprochen werden dürften).
107
– Weglassen oder Hinzufügen einzelner Buchstaben oder anderer Elemente.Das Weglassen oder Hinzufügen einzelner Buchstaben muss einer Verwechslungsgefahr nicht entgegenstehen. Dies gilt insbesondere für ein Genitiv-s, welches dem kollidierenden Bestandteil angehangen wird (BGH GRUR 1966, 493 – Lili; OLG Hamburg MarkenR 2006, 283, 286 – EVIAN/REVIAN's).
108
Soweit ein Vokal weggelassen wurde und dies zu einer Verringerung der Silbenanzahl führt, kann dies hingegen eine Verwechslungsgefahr verhindern (OLG Hamburg MarkenR 2006, 283, 287 – EVIAN/REVIAN's bzgl des maßgeblich abweichenden Drittzeichens REVAN), wenn nicht die anderen Übereinstimmungen dennoch für eine Verwechslungsgefahr sprechen (BPatG GRUR 2007, 154, 155 – Chrisma/Charisma; EuGH ABlEU Nr C 142/8 v 7.6.2008 – Ferrero/Ferro; EuG GRUR 2006, 1026, 1028 – FERRÓ/FERRERO).
109
Selbst das Hinzufügen eines Bindestrichs kann zu einer Stockung bei der Aussprache führen, so dass eine klangliche Ähnlichkeit dadurch ausscheiden kann ( EuG 23.9.2009 – Az T-391/06 – S-HE/SHE). Andererseits soll das Hinzufügen eines Ausrufezeichens unbeachtlich sein, weil dieses nicht aussprechbar ist. Dies gelte nach Ansicht des EuG auch dann, wenn das Ausrufezeichen den Buchstaben i grafisch darstellen soll; die B!O so deshalb klanglich mit BO verwechslungsfähig sein ( EuG 18.2.2016 – Az T-364/14 –bo/B!O). Genauso soll ein Herz auch in seiner konkreten langgezogenen Ausgestaltung nicht als y wahrzunehmen sein, weshalb das EuG die Marken Fl und fly.de verglich und als nicht verwechslungsfähig ansah ( EuG 30.11.2017 – T-475/16 – Fly/fly.de, berichtigt vom EuGH 4.7.2019 – C-39/18).
110
Aussprache von Konsonanten. Bei Akronymen ist zu beachten, dass das Publikum Konsonanten mit einem Vokal ergänzt, so dass P „Pe“ und S „Ess“ ausgesprochen wird. Bei der klanglichen Ähnlichkeit sind deshalb die vollständigen Klangfolgen zu berücksichtigen, so dass Buchstaben mit gleichlautenden Ergänzungsvokalen eher für eine klangliche Ähnlichkeit sprechen ( BGH MarkenR 2015, 437, Rn 43 – IPS/ISP, juris).
(2) Schriftbildliche Ähnlichkeit
111
Höhere Anforderungen als an die klangliche Ähnlichkeit sind an die schriftbildliche Ähnlichkeit zu stellen, da einerseits eine genauere Einprägung des Zeichens durch das Publikum anzunehmen ist, andererseits die Möglichkeit einer wiederholten Wahrnehmung – im Gegensatz zu einer einmal mündlich gefallenen Bezeichnung – besteht (BPatG GRUR 2004, 950, 954 – ACELAT/Acesal).
112
– Bedeutung von Anfangs- und Schlusssilben.In aller Regel kommen der Anfangs- und/oder der Schlusssilbe eine bes Bedeutung zu ( BGH MarkenR 2011, 407 – Enzymax/Enzymix; OLG Hamburg GRUR-RR 2008, 238, 239 – WOLFSKIN/WOLFgang; MMR 2007, 653, 655 – G-Mail/GMail; OLG München GRUR-RR 2008, 6, 7 – B.T.I., bti/BPI; BPatG MarkenR 2011, 129, 133 – TEFLON/TEFLEXAN; EuG 21.09.2017 – T-214/15 und T-238/15 – Zymara und Zimara/FEMARA; 28.1.2016 – T-640/13 CRETEO/StoCretec; GRURInt 2014, 54, 55 Rn 90 – KNUT – DER EISBÄR/KNUD; GRUR 2006, 1026, 1027 – FERRÓ/FERRERO; GRURInt 2005, 1019 – TRAVATAN/TRIVASTAN).
113
– Konsonantengerüst.Für eine Verwechslungsgefahr kann insbesondere eine Übereinstimmung des Konsonantengerüstes sprechen (BPatG MarkenR 2006, 460 – EVIAN/REVEAN; BGH MarkenR 2001, 204, 206 – EVIAN/REVIAN), insb wenn alle Konsonanten beider Marken identisch sind (BGH GRUR 2004, 235, 237 – Davidoff II; BPatG GRUR 2005, 777 – NATALLA/nutella; EuG GRUR 2006, 1026, 1027 – FERRÓ/FERRERO), aber auch, wenn die Konsonanten in unterschiedlicher Reihenfolge verkommen ( BGH MarkenR 2015, 437, Rn 35 – IPS/ISP, juris).
114
– Weitgehende Buchstabenübereinstimmung.Eine schriftbildliche Verwechslungsgefahr kommt des Weiteren in Betracht, wenn nahezu alle Buchstaben der gegenüberstehenden Marken übereinstimmen (BPatG GRUR 2007, 154, 155 – Chrisma/Charisma; EuG MarkenR 2011, 345 Rn 74 – YORMA'S/NORMA; GRURInt 2005, 1019 – TRAVATAN/TRIVASTAN; GRURInt 2005, 914 – ALADIN/ALADDIN; Urt v 13.4.2005 – T-353/02 – INTEA/INTESA), insb wenn der abweichende Buchstabe identisch ausgesprochen wird ( EuG GRURInt 2014, 54, 55 Rn 104 – KNUT – DER EISBÄR/KNUD). Auf dem Gebiet der Arzneimittel sollen hingegen übereinstimmende Zeichenbestandteile für sich alleine nicht geeignet sein, eine Verwechslungsgefahr zu begründen (BGH MarkenR 2006, 409, 411 – Ichthyol II). Bei kurzen Marken kann die Veränderung eines Buchst allerdings die Verwechslungsgefahr ausschließen (EuG GRURInt 2007, 842, 844 – Dor/Cor).
115
Eine Verwechslungsgefahr kann auch dann gegeben sein, wenn sämtliche Silben in anderer Reihenfolge vorkommen, zumal dem Verbraucher die Marken regelmäßig nicht gleichzeitig gegenüberstehen (BPatG GRUR 2008, 77, 70 – QUELLGOLD/Goldquell). Dies ist insb dann anzunehmen, wenn weder die eine noch die andere Konstellation einen eindeutigen Bedeutungsinhalt aufweisen (BPatG GRUR 2008, 77, 70 – QUELLGOLD/Goldquell).
116
Gerade eine Veränderung eines gebräuchlichen Wortes zu einem Fantasiewort kann vom Publikum leicht überlesen werden, was die Verwechslungsgefahr erhöht, insb eine Abwandlung durch die Einfügung eines einzelnen Buchst erfordert zur Auseinanderhaltung ein äußerst sorgfältiges Lesen (BPatG GRUR 2007, 154, 155 – Chrisma/Charisma; HABM GRUR-RR 2006, 403, 405 – Oktobierfest/OKTOBERFESTBIER).
117
Soweit sämtliche Buchst zweier Marken übereinstimmen, kann auch eine Verwechslungsgefahr gegeben sein, obwohl eine Marke weniger Silben aufweist als die andere (EuG GRUR 2006, 1026, 1028 – FERRÓ/FERRERO).
118
Eine vollständige Buchstabenübereinstimmung kommt zudem in Betracht, wenn nur nicht ausgesprochene Bestandteile hinzugefügt werden und so beispielsweise (nur) zu einer Unterscheidung der Getrennt- bzw Zusammenschreibung führen (OLG Hamburg MMR 2007, 653, 658 – G-Mail/GMail).
119
– Zeichenlänge.Auch eine gleiche Länge der gegenüberstehenden Zeichen kann zu einer Verwechslungsgefahr beitragen ( BGH GRUR 2016, 83 Rn 56 – Amplidect/ampliteq; OLG Hamburg GRUR-RR 2008, 238, 239 – WOLFSKIN/WOLFgang; OLG München GRUR-RR 2008, 6, 7 – B.T.I., bti/BPI). Auf der anderen Seite kann schon die Einfügung eines Bindestriches bei besonders kurzen Marken eine abweichende Zeichenlänge bewirken ( EuG Urt v 23.9.2009 – T-391/06 – S-HE/SHE).
Читать дальше