In wirtschaftlicher Hinsicht erschlossen die Kreuzzüge jedoch neue Märkte und politische Einflussbereiche. Zudem profitierte Europa vom Kontakt mit der orientalischen Kultur und Geisteswelt. Griechische und arabische Schriften gelangten in den Westen. Exotische Gewürze und Früchte wurden in der Folge ebenso bekannt wie das arabische Zahlensystem, das bis heute in Verwendung ist.
Nach den blutigen Jahren der Kreuzzüge entstanden radikale Bewegungen, die die Lehre der abendländischen Kirche in Frage stellten. Erstmals richteten sich aufkeimende Häresien unmittelbar gegen die Institution der Kirche selbst. Auf der Suche nach einem Leben, das dem Anspruch des Evangeliums und den Idealen einer armen, aber wahrhaftigen Kirche entspricht, zogen Tausende in ekstatischen Gruppen durch Europa. Die Katharer (übersetzt „die Reinen“) bildeten die zahlenmäßig größte und am besten organisierte Vereinigung. Sie verbreiteten sich von Südfrankreich über Mainz rheinabwärts und gewannen zunehmend auch im Kölner Raum an Einfluss. Kennzeichen ihrer Lehre waren unter anderem eine ausgeprägte Leibfeindlichkeit und strenge Askese. Außerdem lehnten die Katharer die kirchlichen Sakramente ab. Sie propagierten die Ehelosigkeit, wobei sie sich selbst aber vielfach nicht daran hielten. Papsttum und Kirchenväter stellten für sie die Inkarnation des Bösen dar. Aufgrund ihrer Praxis der Laienpredigt wurden die Katharer, ebenso wie die Laienbruderschaft der Waldenser, 1184 von Papst Lucius III. verurteilt und exkommuniziert.
Ruf nach religiöser Erneuerung
Tiefgreifende Reformbewegungen, die von den französischen Klöstern Cluny und Gorze ausgingen, brachten einen religiösen Aufschwung mit sich. Neue Orden wurden gegründet. Die bedeutendsten waren die Zisterzienser, die Kartäuser und die Prämonstratenser. Die Mönche, im Besonderen die Zisterzienser, besannen sich auf die Ideale des hl. Benedikt und lebten fortan nach strengen Regeln. Die Lebensgewohnheiten in vielen Klöstern hatten sich mehr und mehr von den Vorgaben der geistlichen Gelübde (Armut, ehelose Keuschheit und Gehorsam) entfernt. Ausgedehnte Besitzungen und weltliche Geschäfte sorgten für Reichtum und vereitelten ein Leben in Stille und Bescheidenheit.
Im 13. Jahrhundert entstanden so genannte Bettelorden, die unter Berufung auf das Evangelium jeglichen Besitz ablehnten und sich um eine tiefgreifende Reform des Ordenslebens bemühten. Sie prangerten die zunehmende Verweltlichung des Klerus an. Zu den Bettelorden gehörten die Dominikaner, Franziskaner, Augustiner und Karmeliter. Die Mönche lebten vom Lohn ihrer Arbeit, von Schenkungen oder von Almosen. Ihre bevorzugten Einsatzgebiete waren die Seelsorge und die (Volks-)Mission sowie die Bekämpfung der Ketzer (Menschen, die an den Lehren der Kirche zweifelten und die Bibel anders auslegten, als es die anerkannten Theologen vorgaben).
Das erwachende Verlangen nach religiöser Erneuerung und Vertiefung zeigte sich auch in einem enormen Zuwachs an Frauenklöstern und ähnlichen Lebensgemeinschaften, z. B. den Beginen. Letztere waren selbständige, unabhängige Frauen, die weder heirateten noch in ein Kloster eintraten. Einige von ihnen waren verwitwet. Zumeist schlossen sich mehrere Beginen zu einer unabhängigen Wohn- und Arbeitsgemeinschaft zusammen. Es gab aber auch Beginen, die alleine lebten. Anfangs (etwa ab dem 12. Jahrhundert) waren es hauptsächlich adelige Interessentinnen, später schlossen sich dieser spirituellen Bewegung Frauen aus allen sozialen Schichten an.
Den Mitgliedern ging es in erster Linie um persönliche Gotteserfahrung und religiösen Austausch mit Gleichgesinnten. Sie übten sich im Gebet und in Frömmigkeitsübungen, lasen gemeinsam die Bibel und tauschten sich über theologische Fragen aus. Vergleichbar mit klassischen Ordensgemeinschaften unterstützten sie einander in ihrer spirituellen Entwicklung. Bedeutende Mystikerinnen unter den Beginen waren unter anderem Mechthild von Magdeburg oder Marguerite Porète.
Die Beginen unterstanden keiner kirchlichen Hierarchie und legten normalerweise keine Ordensgelübde ab. Sie wählten üblicherweise eine „Meisterin“, die für eine begrenzte Zeit als Vorsteherin und Finanzverwalterin eingesetzt war. Diese konnte auf das Vertrauen und den freiwilligen Gehorsam der Frauengemeinschaft bauen.
Die einzelnen Beginenkonvente bzw. -lebensgemeinschaften organisierten sich selbst, vor allem auch in wirtschaftlicher Hinsicht. So entstanden größere (bis zu 60 Mitgliedern) und kleinere Konvente. Jede Frau brachte ihre Arbeitsleistung und eventuell ihr vorhandenes Vermögen in die Gemeinschaft mit ein. Unter den Beginen gab es besonders viele hochgebildete Frauen. Unverheiratete und verwitwete Frauen hatten damals – so wie die Nonnen in den Klöstern – leichteren Zugang zu Bildung, während verheiratete Frauen meist mit der Versorgung ihrer Familie voll in Anspruch genommen waren. Beginen arbeiteten unter anderem als Lehrerinnen, Wäscherinnen, Bäckerinnen oder als Mägde. Sie übernahmen auch Handarbeiten aller Art. Manche Konvente brachten es zu erheblichem Reichtum und damit auch zu Ansehen. Über die Handwerks- und Lehrberufe hinaus engagierten sich Beginen unter anderem in der Krankenpflege und Sterbebegleitung, als Hebammen und Erzieherinnen.
Die Zahl der Beginenkonvente nahm stetig zu, sodass die Frauenvereinigungen immer mehr Einfluss auf Kultur und Gesellschaft gewannen. Die Beginenbewegung breitete sich im 13. Jahrhundert über ganz West- und Mitteleuropa aus. Im Kölner Raum siedelten sich im ausgehenden 13. Jahrhundert und in den Jahrzehnten danach besonders viele Beginengemeinschaften an: insgesamt an die 170. Die größten Beginenanlagen waren in Holland und Belgien zu finden. 1216 wurde die eigenständige religiöse Lebensform der Beginen vom Papst anerkannt. Allerdings wurde ihnen die Anerkennung als laienreligiöser Stand – und damit auch das Predigen – aufgrund von verschiedenen Vorwürfen (z. B. ketzerische Lehrtätigkeit) bereits im Jahre 1311 wieder entzogen. Auch den Zünften waren die Beginen aufgrund ihrer gewerblichen Tätigkeiten und damit der deutlich erfahrbaren wirtschaftlichen Konkurrenz ein Dorn im Auge. In der Folge wurden die Beginen immer mehr zurückgedrängt und die Zahl ihrer Wohn- und Lebensgemeinschaften nahm merklich ab. In und nach der Reformationszeit wurden die meisten Beginenkonvente (zum Teil gewaltsam) aufgelöst.
Nonnen hatten nach der kirchlichen Standesordnung einen höheren Stellenwert inne als verheiratete Frauen oder Witwen. Das weithin hohe Ansehen des Ordensstandes und die Sorge um das eigene Seelenheil sowie das von nahestehenden Angehörigen lockte nicht wenige Adelige in einen Männer- bzw. Frauenorden. Durch großzügige Schenkungen sicherten sich viele Adelige daher schon frühzeitig einen Platz in einer Klosteranlage – spätestens für ihren Lebensabend.
Beträchtlicher Grundbesitz und die damit verbundenen Abgaben der Pächter boten so manchem Kloster ein relativ angenehmes Leben. Somit waren es nicht immer religiöse Motive, die ausschlaggebend für einen Ordenseintritt waren. Für Frauen bedeutete ein Ordenseintritt mitunter die einzige Chance, eine höhere Bildung zu erlangen; nur innerhalb eines Klosters gab es für Frauen ein entsprechendes Angebot. Und zudem bot das Kloster die Möglichkeit, einer unfreiwilligen Verheiratung zu entkommen.
Die Ehe diente in erster Linie dazu, die Sexualität „in geordnete Bahnen zu lenken“ und für Nachwuchs zu sorgen. Der Mann besaß wie selbstverständlich das Recht auf den Körper seiner Ehefrau, was für diese in vielen Fällen leider auch Gefügigkeit und sexuelle Ausbeutung bedeutete. Die generelle Minderbewertung von Frauen zeigte sich auch im rechtlichen Bereich: Jede Frau war zunächst Eigentum ihres Vaters, später – falls verheiratet – ihres Ehegatten. Als Witwe unterstand sie in der Rechtsprechung ihren Söhnen. Diese patriarchale, durchaus selbstverständlich hingenommene Familienordnung wurde im Mittelalter durch keinerlei Emanzipationsbestrebungen hinterfragt. Sie wurde überwiegend als gottgewollt angesehen und ertragen.
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