Nun visualisieren wir zwischen den beiden anderen Kanälen einen dritten, blauen Kanal. (3) Er beginnt ebenfalls an dem Punkt vier Fingerbreit unterhalb des Nabels und verläuft entlang der Wirbelsäule ein wenig vor ihr nach oben. Am Scheitelpunkt krümmt er sich wie der Griff eines Regenschirms und endet an dem Punkt in der Mitte zwischen den Augenbrauen. Dieser dritte Kanal ist etwas weiter als der rote und der weiße Kanal. Es ist der wichtigste Kanal in unserem Körper, und wir werden ihn nun auf ähnliche Weise reinigen. Wir stellen uns vor, daß der rote und der weiße Kanal an dem Punkt vier Fingerbreit unterhalb des Nabels in den blauen Kanal eintreten, wieder wie zwei Röhren, die in eine etwas weitere passen. Während wir meditieren, sollten wir unsere Hände in unseren Schoß legen, die rechte Hand mit der Handfläche nach oben auf der linken Handfläche, und die beiden Daumen bilden zusammen mit der Handfläche ein Dreieck. Der Nabel sollte auf gleicher Höhe sein wie die Mitte des Dreiecks. Wir atmen durch beide Nasenlöcher ein und aus, aber bei dieser Visualisation stellen wir uns vor, daß die Unreinheiten den zentralen Kanal an der Stelle zwischen den Augenbrauen verlassen. Diesen Vorgang wiederholen wir dreimal. Danach stellen wir uns vor, daß dieser Kanal vollständig gereinigt ist und in seiner Natur ein subtiles, strahlendes, blaues Licht wird. Wenn wir diesen Vorgang beendet haben, sollten wir langsam, sanft und gleichmäßig weiteratmen und uns vorstellen, daß unser Atem frei durch alle Kanäle strömt.
Wenn wir uns auf diese Atemübung konzentrieren, kann sie eine ausgezeichnete Methode sein, um den Geist zu beruhigen und uns auf die weiteren Meditationen vorzubereiten.
Die neunfache Atemübung
Die sechs Stufen der Atemmeditation
Nachdem man sich in der richtigen Haltung hingesetzt hat, beginnt man, sich auf den Atem zu konzentrieren. Diese Meditation des Beobachtens des Atems hat sechs Unterteilungen: Zählen, Folgen, Setzen, Untersuchen, Verändern und Vollendung.
1 Zählen
Zählen bezieht sich auf das Zählen der Ein- und Ausatmungen. Wir sitzen in Meditationshaltung und atmen langsam ein und aus. Jede Folge einer Einatmung und einer Ausatmung wird als eins gezählt. Auf diese Weise zählen wir bis zehn. Während dieser Zeit sollte der Geist vollkommen auf das Atmen konzentriert sein. Da Hindernisse entstehen, wenn man weniger oder mehr als zehn zählt, werden wir bis zehn zählen. Während wir zählen, sollte uns bewußt bleiben, daß wir jetzt einatmen, jetzt ausatmen und so weiter. Wenn wir einatmen und dabei denken, wir atmen aus, verfehlt es den Zweck der Übung. Wir müssen unablässig auf die Atemfolge achten. Wenn man diese Übung ausführt, aber dem Geist erlaubt zu wandern, wird sie keinen Nutzen bringen. Am Anfang sollten wir auf eine sanfte, natürliche Weise atmen. Schließlich wird unser Atem als Folge dieser Anwendung länger und tiefer werden. Der Geist muß dem Atemvorgang aufmerksam folgen, ohne an etwas anderes zu denken. Versuchen Sie nicht, den Atem künstlich zu verlängern. Wenn man fähig ist, zehn Einatmungen und zehn Ausatmungen zu zählen, ohne den Geist wandern zu lassen, und wenn der Atem als Resultat der Übung länger geworden ist, dann ist die erste Stufe des Beobachtens des Atems abgeschlossen. Erst dann sollte man zur zweiten Stufe weitergehen.
2 Folgen
Auf der zweiten Stufe folgt man dem Atem. Zuerst folgen wir mit unserer Aufmerksamkeit unserer Einatmung, bis sie die Höhe des Halses erreicht, und dann, während wir ausatmen, folgen wir dem Atem bis zu einem Punkt ein wenig jenseits der Nasenlöcher im Raum vor uns. Wenn uns das ganz leicht fällt, beginnen wir, der Einatmung in der Luftröhre ein wenig weiter hinunter bis zur Brust zu folgen, und in gleicher Weise eine entsprechende Entfernung aus den Nasenlöchern hinaus. Gelingt uns das gut, dann folgen wir dem Atem bis zur Höhe der Knie und wieder dieselbe Entfernung aus den Nasenlöchern hinaus. Es mag manchen von Ihnen leichter fallen, sich die durch die Kanäle streichende Luft wie einen dünnen Weihrauchfaden vorzustellen. Dabei ist es wichtig, daran zu denken, daß der Atem selbst weder Form noch Farbe hat und daß dies nur eine Hilfe für die Visualisation ist. Indem Sie auf die gleiche Weise fortfahren, sollten Sie sich dann vorstellen, daß der Atem bis zur Ebene der Füße geht und dann die entsprechende Entfernung aus den Nasenlöchern hinaus.
Obwohl ich das ziemlich schnell erkläre, sollten Sie, wenn Sie meditieren, langsam und stufenweise vorgehen, jeden Schritt beherrschen, bevor Sie zum nächsten weitergehen. Jede folgende Stufe wird viel Zeit beanspruchen. Es ist, wie wenn man ein Haus baut; man kann es nicht in einem Tag bewerkstelligen. Man baut Ziegel um Ziegel. Aber wenn jeden Tag gearbeitet wird, ist das Haus letzten Endes gebaut. Diese Meditation ist ähnlich. Wir müssen jeden Tag ein wenig tun und werden dann als Ergebnis unserer beständigen Anstrengung Fortschritt machen. Der Meditierende setzt seine Anwendung fort und stellt sich vor, daß der eingeatmete Atem über die Füße hinausgeht und desgleichen der ausgeatmete Atem eine entsprechende Entfernung über die Nasenlöcher hinaus. Wenn diese zweite Stufe der Atem-Achtsamkeit vervollkommnet worden ist, ist der Meditierende fähig, seiner Atemfolge über das Ende der Füße hinaus zu folgen, ohne daß der Geist jemals abschweift. Erst dann kann der Meditierende zur nächsten Stufe weitergehen.
3 Setzen
Wenn ein Meditierender die dritte Stufe meistert, das Setzen, ist er fähig, den Atem zu visualisieren, als sei er ein dünner Weihrauchfaden, der bewegungslos ist und von den Nasenlöchern bis hinunter zu den Füßen reicht. Zu diesem Zeitpunkt hat jedes Einatmen oder Ausatmen aufgehört. Das wird nicht erreicht, indem man den Atem anhält, sondern ist das natürliche Ergebnis der Anwendung. Der Meditierende ist jetzt fähig, willentlich und ohne Gewalt das Atmen abzubrechen und seinen Geist auf dem Bild des Atems als einem langen, dünnen Rauchfaden festzuhalten. Er ist auch imstande, einen kleinen Teil des Geistes zu benützen, um zu untersuchen, was in seinem Körper vorgeht; zum Beispiel, welche körperlichen Empfindungen während der meditativen Versenkung auftreten. Es ist wichtig, daß alle diese Übungen ausgeführt werden, ohne dem Atem Gewalt anzutun. Man sollte entspannt sein und sich wohl fühlen. Wenn Sie zu übertreiben versuchen, wird der Geist angespannt und erregt und die Meditation unwirksam. Meistert der Meditierende diese Übung, dann ist er fähig, ruhig und gleichmäßig zu atmen, den Atem anzuhalten und über lange Zeitspannen hinweg konzentriert zu bleiben. Diese Fähigkeiten werden als Resultat der Anwendung natürlich entstehen und sollten nicht vorzeitig erzwungen werden. Durch diese Übung erlangt man Kontrolle über den Atem und als Folge davon über den Geist. Beide, Körper und Geist, werden entspannt und geschmeidig. Wenn wir diese vollständige Kontrolle über den Atem und damit über unseren Geist erlangt haben, müssen wir uns nicht länger zum Meditieren zwingen, noch brauchen wir jemand anderen, der uns ermutigt. Wir werden den Wunsch haben zu meditieren, gerade so wie manche Leute den Wunsch haben zu schlafen. Eine Person, die gern schläft, braucht nicht dazu aufgefordert zu werden. Sie schläft, weil sie es gern tut. Dasselbe wird mit unserer Meditation geschehen.
Obwohl wir jetzt nicht fähig sind, diese dritte Stufe, das Setzen, richtig auszuführen, sollten wir uns dennoch damit vertraut machen, weil es eine gute Schulung ist. Unsere Hauptanwendung wird die erste Atemübung sein, und von Zeit zu Zeit sollten wir die zweite und gelegentlich die dritte machen. Wenn diese drei Stufen schließlich gemeistert worden sind, kann der Meditierende zur vierten Stufe weitergehen.
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