1 ...6 7 8 10 11 12 ...15 »Auf dem Weg zu dir.«
Max wirbelten die Gedanken im Kopf herum. Er wollte nicht glauben, was Chiara ihm soeben erzählt hatte. Ein Notar war auf der Jagd ermordet worden? Er holte die Zeitung, las den Bericht.
Verdammt! Da trieb jemand ein teuflisches Spiel mit ihm! Dabei hatte er vorsichtshalber den Rechner auf Viren und einen Hackerangriff prüfen lassen. Mit negativem Ergebnis!
Er stieg unter die Dusche. Als er gerade dabei war, sich abzutrocknen, klingelte es an der Tür. Er ging hin, um den Türöffner zu drücken. Als er Chiaras Schritte auf der Treppe hörte, ließ er die Tür einen Spalt breit offen und verschwand wieder im Bad.
Die Wohnungstür knallte zu.
»Max?«
Er steckte den Kopf aus der Badezimmertür. »Im Bad. Bin gleich da. Setz bitte Kaffee auf.«
Minuten später saßen sie am Tisch, tranken Kaffee. Chiara hatte den Fernseher eingeschaltet, in den Nachrichten des Hessischen Rundfunks lief eine Reportage über das Attentat. Der Notar war am frühen Sonntagmorgen auf einem Hochsitz erschossen worden. Der Schuss wurde von einem gegenüberliegenden Hochstand aus abgefeuert. Kein Jagdunfall, hieß es. Hofstätter war Opfer eines gezielten Attentats geworden. Wie eine Woche zuvor der Chefredakteur der Wiesbadener Nachrichten . Die Polizei hatte die Wiese abgesperrt und nach Spuren durchkämmt. Sie hatte einen toten Fuchs gefunden, vermutlich von Hofstätter erlegt, kurz bevor es ihn selbst erwischt hatte.
Max starrte auf den Fernsehschirm. Wieder hatte alles sich genauso abgespielt, wie von ihm beschrieben. Bis auf den Fuchs. Benützte jemand seinen Text als Anleitung zum Töten? Und wieder fielen ihm Modrics Worte ein, die er auf der Buchmesse gesprochen hatte: »Sie beschreiben Mordanschläge so präzise, dass man als Leser das Gefühl bekommt, man verübe sie selbst. Das gelingt nur wenigen Autoren.«
»Das kommt dir bekannt vor, habe ich recht?«, riss ihn Ciaras Stimme aus den Gedanken. Sie starrte in die Tasse, als versuche sie, die Wahrheit aus dem Kaffeesatz zu lesen.
Er zeigte ihr, was er geschrieben hatte. »Du könntest recht haben, dass mein Manuskript für jemand eine Anleitung zum Töten ist.«
»Dann ist es Zeit, deinen Verleger anzurufen.«
»Modric-Verlag. Was kann ich für Sie tun?«
»Hier spricht Max Delius. Bitte verbinden Sie mich mit Herrn Modric.«
»Herr Modric ist nicht da. Wie war noch mal Ihr Name?«
»Delius, Max Delius. Ich bin Schriftsteller und verfasse ein Manuskript für Ihren Verlag. Ich muss schnellstens Herrn Modric sprechen, es ist wichtig.«
»Ich versuche, ob ich ihn auf seinem Handy erreichen kann, haben Sie bitte einen Moment Geduld.«
Eine Bach-Kantate erklang. Nach knapp einer Minute meldete sich die Sekretärin wieder.
»Tut mir leid, auf seinem Handy kann ich ihn auch nicht erreichen. Soll ich Herrn Modric etwas ausrichten?«
Max überlegte, ob er ihr seine Vermutung offenbaren sollte, entschied sich aber dagegen. Es gab keinen Grund, Nichtbeteiligte aufzuschrecken. Das schaffte nur Unruhe.
»Sagen Sie ihm bitte, dass er mich zurückrufen soll. Nochmals, es ist sehr dringend. Es hat mit meinem Manuskript zu tun.«
»Ich werde es Herrn Modric ausrichten.«
Er wollte auflegen, als ihm noch etwas einfiel.
»Noch eine Frage: Wissen Sie zufällig, welcher Lektor mein Manuskript bearbeitet?«
»Wie lautet der Titel?«
»Mörder aus Versehen. Er müsste in der neuen Belletristiksparte aufgeführt sein.«
Klicken einer Tastatur.
»Tut mir leid, ich habe diesen Titel nicht im Verzeichnis.«
Einen Moment war er sprachlos.
»Sind Sie sicher? Ich habe Herrn Modric bereits mehrere Kapitel geschickt.«
»Dann bearbeitet er das vermutlich selbst oder hat es an einen auswärtigen Lektor gegeben. Wir waren bisher ein wissenschaftlicher Verlag und haben noch keine Lektoren für Belletristik.«
An einen externen Lektor hatte er nicht gedacht. Möglich, dass dort etwas falsch gelaufen war.
»Eine letzte Frage: Gab es bei Ihnen in letzter Zeit Hackerangriffe oder eingeschleuste Trojaner?«
»Nicht dass ich wüsste. Wie kommen Sie darauf?«
»Darüber wollte ich mit Herrn Modric sprechen. Es könnte sein, dass einer Ihrer Rechner gehackt wurde. Zumindest vermute ich, dass Teile meines Manuskripts an eine dritte Person gelangt sind …«
»Ausgeschlossen! Sie müssen sich irren, so etwas hat es bei uns noch nie gegeben. Wir haben strenge Sicherheitsvorkehrungen, wegen der wissenschaftlichen Veröffentlichungen, verstehen Sie?«
»Ich versuche es.«
Damit beendete er das Gespräch.
Er sah zu Chiara hinüber.
»Was machen wir jetzt?«
»Darf ich mal an deinen Rechner?«
»Bitte.« Er machte ihr Platz. »Was hast du vor?«
»Dein Manuskript googeln, vielleicht finden wir etwas darüber, das uns auf die Sprünge hilft.«
Chiara öffnete den Internetbrowser und gab bei Google ›Mörder aus Versehen‹ ein.
»Volltreffer! Max, schau her!«
Max stockte der Atem. Tatsächlich! Sein Manuskript stand im Internet. Unter dem Pseudonym Janusch Donker. Von diesem hatte er noch nie gehört. Die Anfangsseiten waren für jedermann zugänglich. Den Rest zu lesen, erforderte eine Registrierung.
Chiara gab ihren Namen ein und scrollte das bisher Geschriebene durch, bis zu dem Mord am Notar.
Max war entsetzt. »Ist das erlaubt? Kann ich dagegen vorgehen?«
»Nein, dein Verlag hat das Recht dazu.«
»Es gibt keinen Hinweis auf den Verlag.«
»Hm, verständlich, solange man nicht weiß, wie gut die Story bewertet wird. Deshalb benützt Modric ein Pseudonym.«
Sie sah vom Bildschirm auf.
»Als ich vor ein paar Tagen bei dir war, sagtest du, dass du dem Plot gemäß einen Mord beschrieben hast. Dem Plot gemäß! Ist dieser Plot eigentlich deine Idee?«
Das »Ja« lag Max auf den Lippen, doch er bekam Zweifel, ob er ihr nicht besser die Wahrheit sagen sollte.
»Der Plot stammt von Modric. Er gab ihn mir auf der Messe.«
»Aha. Zeig mir diesen Plot.«
Max gab ihn ihr.
Nachdem sie fertig gelesen hatte, sah Sie zu ihm auf. Die Kälte war in ihre Augen zurückgekehrt.
»Die beiden Tatorte sind darin genau beschrieben. Es sieht also danach aus, dass der Täter den Plot kannte. Er brauchte nur auf das Erscheinen des entsprechenden Textes im Internet zu warten, um sie auszuführen.«
»Ja, aber warum sollte er das tun? Wozu braucht er mein Manuskript?«
»Hat man dir nicht gesagt, dass es ein Bestseller werden soll?«
»Ja und?«
»Was wäre, wenn Täter und Verleger sich abgesprochen haben? Ein Mord, zeitnah an dem im Netz erschienenen Text, das könnte die Aufmerksamkeit für das Manuskript steigern, oder?«
»Das meinst du nicht im Ernst. Dann würde Modric dahinter stecken. Das glaube ich einfach nicht.«
»Und wer kann es deiner Meinung nach sonst sein? Für mich ist er der erste Kandidat.«
»Und wieso?«
»Weil ich den Autor wohl ausschließen kann – kleiner Scherz.«
»Haha.«
»Im Ernst: wegen der Publicity für seinen Verlag. Die Leute werden sich auf dein Buch stürzen. Er muss das so geplant haben, benötigte nur einen naiven Schriftsteller, der auf sein Angebot einging.«
Max entzog sich ihrem Blick.
Chiara fuhr fort: »Als Verleger von wissenschaftlichen Werken beauftragt er dich, einen Krimi zu schreiben und gibt dir einen Haufen Geld als Anzahlung. Wie viel genau?«
»Zwölfeinhalbtausend.«
»Das ist eine Menge Geld für einen unbekannten Autor.«
»Ich gebe zu, ich habe mich auch gewundert. Aber deshalb zu behaupten, dass er die Morde geplant hat? Ich glaube es einfach nicht.«
»Auf jeden Fall hat er ein Motiv. Ich habe mich erkundigt: Modric braucht viel Geld, sein Verlag kämpft ums Überleben. Es sind schon für weit weniger Geld Leute umgebracht worden.«
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