»Guten Morgen Max. Hast du den Artikel schon gelesen?«
Er schloss die Tür. »Klar. Sag mal, ist dir eigentlich bewusst, dass du dich damit einer Gefahr aussetzt?«
»Journalisten setzen sich oft Gefahren aus, das ist nichts Neues. In Kriegsgebieten wird für eine Augenzeugenreportage sogar der Tod in Kauf genommen.«
»Es muss ja nicht gleich dein Tod sein.«
»Höre ich da eine gewisse Besorgnis heraus?«
»Nein, nur reines Eigeninteresse. Du bist die einzige Person außer mir, die vermutet, dass es einen Zusammenhang zwischen den Morden und dem Manuskript gibt. Ich will, dass das noch eine Zeit lang so bleibt. Ich meine natürlich, damit ich in Zukunft nicht der Einzige bin. Außerdem …« Er stockte.
»Außerdem was?«
»Ach, vergiss es.«
Mit einem Lächeln steckte Chiara das Telefon zurück in die Tasche. Max schien wirklich besorgt um sie zu sein. Wie rührend, warum hat er damals solche Charakterzüge nicht gezeigt? Sie beugte sich wieder über die Reportage, an der sie arbeitete.
In der Mittagspause verließ sie die Redaktion und fuhr zu Peter Reimanns Wohnung. Vorher hatte sie bei der ›Soko Schlosspark‹ des Wiesbadener Polizeipräsidiums angerufen, um zu fragen, ob sie freigegeben war. Peter hatte ihr einen Schlüssel gegeben, damit sie sich nach der Arbeit dort treffen konnten.
Sie öffnete die Tür.
Warum komm ich mir auf einmal vor wie ein Einbrecher?
Sie ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und sah sich um. Sofort fiel ihr auf, dass Peters Laptop nicht am gewohnten Platz auf dem Schreibtisch stand.
Den hat die Polizei wohl beschlagnahmt .
Ein mulmiges Gefühl beschlich sie, als sie die Tür zum Schlafzimmer öffnete. Es verstärkte sich mit jedem Schritt, den sie zum Bett führte. Die zurückgeschlagene Bettdecke – Zeugnis von Peters letztem Morgen. Sie zeigte außerdem, dass in der Zwischenzeit niemand die Wohnung betreten hatte. Zumindest nicht, um aufzuräumen und Bettwäsche abzuziehen.
Sie unterdrückte die Tränen, machte sich auf die Suche nach Spuren, die eventuell Aufschluss über Peters Tod geben konnten.
In der Schublade des Nachtschränkchens fand sie ein digitales Aufnahmegerät. Peter benutzte es oft, um Ideen zu speichern. Daneben lag ein Mikrofon mit einem Saugnapf. Sie wunderte sich, wozu er so etwas benötigte. Etwa zum Abhören von Gesprächen? Sie drückte die Abspieltaste, um zu hören, was er zuletzt darauf gesprochen hatte.
Nichts geschah. Sie öffnete das Gerät. Die Speicherkarte fehlte. Hatte er sie herausgenommen? Etwa um sie zu verstecken? Um die Daten auf den Rechner zu überspielen? Sie lief zurück ins Wohnzimmer, suchte in den Schreibtischschubladen. Vergebens. Einen Safe gab es in der Wohnung nicht. Vielleicht bewahrte er die Karte in der Redaktion auf?
Sie öffnete den Kühlschrank, nahm den halb leeren Milchkarton heraus, leerte die flockig gewordene Milch in die Spüle aus. Im Tiefkühlfach lag ein Behälter mit Vanilleeis. Eine flüchtige Erinnerung fuhr ihr durch den Kopf, die sie nicht recht orten konnte. Sie schloss das Kühlfach, würde mit einer Kühltasche wiederkommen, um das Eis und die restlichen Lebensmittel zu entfernen. Irgendwie fühlte sie sich dafür verantwortlich.
Sie suchte nochmals die Wohnung ab nach einem geheimen Versteck, fand aber keines. Sie lief zurück ins Schlafzimmer.
Ein Geräusch an der Tür! Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt. Panik stieg in ihr hoch. Die Schlafzimmertür stand auf, mit freier Sicht in den Raum! Es gab nur einen Ort, um sich zu verstecken. Sie kroch unters Bett.
Sie horchte. Die Tür wurde geöffnet, schloss sich wieder. Schritte näherten sich, jemand blieb in der Tür stehen. In diesem Augenblick fiel ihr ein, dass sie vergessen hatte, die Schublade des Nachtschränkchens zu schließen.
Die Person betrat das Zimmer.
Chiara hielt den Atem an. Mit verdrehtem Kopf konnte sie den Eingang nicht sehen, nicht erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau war, die hereinkam. Eine Schranktür wurde geöffnet, wieder geschlossen. Die Schritte näherten sich dem Bett …
Damenschuhe!
Die Frau setzte sich aufs Bett und schob die Schublade zu.
In diesem Moment klingelte Chiaras Handy.
Teil II — erste Plot-Änderung
Max stellte die Tasse in die Espressomaschine und drückte die Taste. Nichts geschah. Das Gerät hatte in letzter Zeit öfter den Dienst verweigert.
Zeit für eine neue Kaffeemaschine .
Er nahm den alten Bialetti -Espressokocher aus dem Regal. Der funktionierte immer, solang man nicht vergaß, von Zeit zu Zeit die Dichtung zwischen Wasserbehälter und Kanne zu erneuern. Während das Gerät gluckerte, dachte er über das Gespräch mit Chiara nach. Eigentlich sollte er jetzt Modric anrufen. Doch etwas hielt ihn davon ab. Was, wenn der Verleger ihm sagte, dass die Morde reiner Zufall waren, dass sie die Auflage des Buches erhöhten und er weiterschreiben müsse?
Könnte er ihm das Gegenteil beweisen?
Wenn er sich weigerte, beging er Vertragsbruch, gleichbedeutend mit dem Verzicht auf die fünfundzwanzigtausend Euro. Geld, das er gut gebrauchen konnte. Nein, er würde jetzt nicht anrufen. Er vertagte die Entscheidung, verließ die Wohnung, um sich eine neue Espressomaschine zu kaufen.
Als er nach zwei Stunden zurückkehrte, lag ein DIN-A4-Umschlag ohne Anschrift vor der Wohnungstür. Er hob ihn auf und öffnete ihn. Ein paar beschriebene Seiten und ein Begleitschreiben:
Geehrter Herr Delius .
Es gibt eine Änderung im Plot. Es sollte für Sie nicht schwierig sein, sie ohne Gefährdung der Frist einzuarbeiten, da das bisher geschriebene Manuskript dafür nicht geändert werden muss .
Kein Absender. Wieso diese Geheimniskrämerei? Er ging in die Wohnung, las die beigefügten Blätter. Erstarrte.
Das darf nicht wahr sein!
Er musste Chiara sprechen, wählte ihre Nummer. Eine Mailbox meldete sich.
»Wir müssen dringend reden, ruf mich bitte sofort an.«
Mit zitternden Händen legte er das Telefon auf den Tisch.
»Wer sind Sie und was tun Sie hier?«
Mit flammenden Augen sah die Frau Chiara an, nachdem sie unter dem Bett hervorgekrochen war. Von Peters Bildern erkannte sie Marianne Reimann sofort.
»Mein Name ist Chiara Ludwig …«, stammelte sie. »Ich war eine Kollegin …«, die Worte: ›Ihres Mannes‹ schluckte sie in letzter Sekunde herunter, »… von Herrn Reimann. Und wer sind Sie?«
Ohne zu antworten, taxierte die Frau sie misstrauisch. »Sie haben den zweiten Teil meiner Frage nicht beantwortet.«
Chiara beschloss, teilweise die Wahrheit zu sagen. »Ich habe etwas gesucht, das Peter aus der Redaktion mitgenommen hat.«
»Vorhin noch ›Herr Reimann‹, jetzt ›Peter‹, Sie duzen sich also?«
»In der Redaktion duzen wir uns alle. Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?«
Jetzt schossen die Augen der Frau Giftpfeile auf sie ab. »Ich bin Peters Frau. Erklären Sie mir bitte, weshalb Sie einen Schlüssel zu dieser Wohnung besitzen?«
»Den … habe ich in seinem Schreibtisch in der Redaktion gefunden.«
»Und Sie wussten natürlich auch sofort, dass es der Wohnungsschlüssel ist und wo sich die Wohnung befindet.«
Jetzt nur nichts Falsches sagen . »Die Adressen der Redakteure und Journalisten sind in der Redaktion gespeichert. Den Schlüssel habe ich einfach ausprobiert und hatte Glück. Allerdings hätte ich gerne darauf verzichtet, hätte ich gewusst, dass ich Sie hier treffen würde.« Sie bereute die Worte, noch bevor sie den Satz zu Ende gesprochen hatte. Diese Frau verdiente mehr Mitgefühl, hatte sie doch gerade ihren Mann verloren. Schließlich war sie, Chiara, der Eindringling.
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