Die Pupillen der Frau weiteten sich, Chiara machte sich auf eine scharfe Retourkutsche gefasst. Doch Marianne Reimann schlug die Augen nieder, verlor ihre starre Haltung und brach in Tränen aus.
»Es tut mir leid!« Chiara trat einen Schritt auf sie zu.
Die Reue kam zu spät. Die Frau floh aus dem Zimmer. Chiara eilte ihr hinterher. »Frau Reimann, hören Sie, das war blöd von mir. Es tut mir aufrichtig leid, ich wollte Sie nicht kränken.«
Marianne Reimann öffnete die Tür, hielt inne, straffte die Schultern, drehte sich um. »Wenn es Ihnen wirklich leidtut, dann beantworten Sie mir eine letzte Frage. Waren Sie die Geliebte meines Mannes?«
Chiara senkte den Kopf. »Ja«, flüsterte sie.
Marianne Reimann fixierte sie mit eiskaltem Blick.
»Das habe ich mir sofort gedacht. Habe es in Ihren Augen gesehen. Peter stand auf Dunkelhaarige. Warum er eine blonde Frau wie mich geheiratet hat, wird für immer sein Geheimnis bleiben.«
Chiara sah sie an. Peters Frau hatte also von einem Verhältnis ihres Mannes gewusst. Wie lange schon?
Etwas fiel ihr ein. »Frau Reimann, Peters Laptop ist verschwunden. Wissen Sie zufällig, wo der ist?«
»Keine Ahnung, interessiert mich nicht.« Sie hielt die Hand auf. »Und jetzt geben Sie mir bitte den Schlüssel und verlassen Sie die Wohnung.«
Sie gehorchte und schlich an ihr vorbei nach draußen.
Marianne Reimann schloss die Tür. Ohne einen weiteren Blick an Chiara zu verschwenden, stieg sie in einen schwarzen BMW und fuhr aus der Parklücke.
Chiara sah dem Fahrzeug hinterher, bis es um die nächste Ecke verschwand. Sie warf einen letzten Blick auf das Haus.
»Ich werde dich vermissen, Peter«, flüsterte sie, wischte sich eine Träne aus dem Auge und lief den Weg hinunter.
Als sie in ihren Mini stieg, erinnerte sie sich an den Anruf, der die Konfrontation mit Marianne Reimann ausgelöst hatte. Sie sah auf das Display. Max. Sie hörte die Nachricht, drückte die Rückruftaste.
»Was war so dringend?«
»Ich habe soeben Post erhalten. Der Plot wurde geändert.«
»Und? Was hat das mit mir zu tun?«
»Es gibt eine neue Figur, die umgebracht werden soll. Eine Journalistin.«
Sie spürte ein Kribbeln im Nacken. »Und die bin vermutlich ich.«
»Vermutlich? Ich zweifle nicht daran. Kannst du herkommen? Wir müssen reden.«
»Tun wir das nicht bereits?«
»Du sollst die Änderung lesen. Komm bitte, so schnell du kannst.«
»Okay. Bis gleich.«
Kurze Zeit später stand sie in der Wohnung.
Max drückte ihr die Papiere in die Hand. »Hier, lies. Ich schenke dir in der Zwischenzeit einen Espresso ein.«
Sie setzte sich an den Tisch und las.
Max stellte ihr die Tasse hin, setzte sich ihr gegenüber und verschränkte die Arme vor der Brust.
Minuten vergingen, draußen fuhr ein Güterzug vorbei, in der Ferne wieherte ein Pferd.
Als sie fertig gelesen hatte, hob sie den Kopf. »Die Sache scheint klar. Die Kollegin des ermordeten Journalisten soll umgebracht werden, weil sie ihre Nase in eine Sache gesteckt hat, die sie nichts angeht. Wie bei mir.«
Sie legte die Blätter auf den Tisch. »Der Zeitungsbericht war also ein großer Erfolg, wie es scheint.«
Max hob die Brauen. »Einen Erfolg nennst du das? Für mich ist das ein Albtraum! Aber ich verstehe eines nicht: Falls es darum geht, das Manuskript in die Öffentlichkeit zu bringen, war dein Bericht die reinste Werbung für das Manuskript und damit für Modric. Kein Grund, dich zum Schweigen zu bringen.«
»Auf den ersten Blick scheint das ein Argument. Aber ich habe nicht nur auf einen Zusammenhang der Morde mit dem Manuskript hingewiesen, sondern auch auf einen möglichen Zusammenhang zur Human Dignity Watch . Das gefällt jemandem nicht. Hast du mit Modric gesprochen?«
»Noch nicht. Das hat sich jetzt wohl erübrigt. Du hattest recht, Modric steckt dahinter.«
»Was willst du jetzt tun?«
»Keine Ahnung. Ich könnte den Auftrag zurückgeben. Mich lässt dabei das Gefühl nicht los, dass es damit trotzdem nicht getan ist. Oder ich schreibe weiter, dann hätten wir eine größere Chance zu erfahren, wer dahinter steckt.«
»Und wie willst du das anstellen?«
»Der Gegner weiß nicht, dass wir uns kennen. Er geht davon aus, dass ich keinen Verdacht schöpfen werde. Wir müssen ihn aus der Deckung locken. Mir ist dazu etwas eingefallen.« Er zeigte es ihr.
Als der Text am nächsten Tag unverändert im Netz stand, wusste er, dass der Plan eine Erfolgschance hatte.
Er las die Nachricht, die sie ihm geschickt hatte. Sie wusste also, wer er war und dass sie auf der Abschussliste stand. Trotzdem war sie von seiner Unschuld überzeugt und wollte ihm helfen? Sie sei keine Feindin, im Gegenteil: Sie sei seine einzige Chance, denn sie wisse, was mit ihm geschehen sei. Deshalb wolle sie sich mit ihm treffen, an einem sicheren Ort. Um Mitternacht von Dienstag auf Mittwoch würde sie am Rheinufer im Abfallkorb der ersten Sitzbank nach dem Bootssteg einen Umschlag mit Angabe des Treffpunktes für ihn deponieren. Als Zeichen, dass er ihren Vorschlag akzeptiere, solle er eine Bestätigungsnachricht hinterlegen .
Er las ihr Schreiben zweimal, zerknüllte das Papier und warf es in den Papierkorb. Das könnte einfacher werden, als er gedacht hatte. Natürlich würde er mitspielen .
Chiara stellte den Mini auf einem Parkplatz in der Nähe des Rheinufers ab, von wo aus sie die Übergabestelle leicht überschauen konnte. Nachdem sie den Umschlag im Korb deponiert hatte, kehrte sie zum Auto zurück. Von dort aus würde sie mit Kamera und Teleobjektiv versuchen, ein Foto des Täters zu schießen. Die Übergabestelle hatten sie ausgewählt, weil sie im Lichtkegel einer Laterne lag.
Kurz vor dem Zeitpunkt der Übergabe stieg Max aus. Mit einer schwarzen Jacke bekleidet, schlich er im Schutz der Dunkelheit an die Sitzbank heran, versteckte sich hinter einem Busch. Dort verharrte er, Sitzbank und Abfallkorb im Blick. Jetzt kam es darauf an, dass die Szene auch wirklich so umgesetzt würde, wie er sie geschrieben hatte. Innerhalb der festgelegten Zeit. Er sah auf die Uhr, kurz vor elf. Noch eine Viertelstunde.
Um Mitternacht löste sich eine Gestalt aus der Dunkelheit der Anlegestege und näherte sich der Übergabestelle.
Instinktiv wich Max tiefer ins Gebüsch zurück. Ein Mann mit Kapuzenjacke schlenderte auf den Abfallkorb zu, fischte den Umschlag heraus, ließ einen neuen hineinfallen. Er verschwand in die Richtung, aus der er gekommen war.
Hinter ihm raschelte es. Max fuhr herum. »Chiara, verdammt, hast du mich erschreckt. Das nächste Mal anklopfen, okay?«
Sie hockte sich neben ihn. »Konntest du ihn erkennen?«
»Nein. Er hatte die Kapuze zu tief übers Gesicht gezogen.«
Sie warteten, bis der Mann außer Sichtweite war. Max schlich zum Abfallkorb, nahm den Umschlag heraus.
»Jetzt können wir nur hoffen, dass er tut, was ich geschrieben habe. Dann müssen wir nur noch die Polizei davon überzeugen, wo der nächste Tatort sein wird. Der, der nicht im Manuskript steht.«
Sie kehrten zurück zum Auto. Max ließ sich auf den Beifahrersitz sacken. »Ich warte mit dem Öffnen, bis wir im Warmen sind. Meine Finger sind trotz Handschuhe steif gefroren.«
»Ist sowieso besser, wenn du ihn nicht mit den Fingern anfasst, wegen der Fingerabdrücke.« Chiara drehte den Zündschlüssel. »Wir fahren zu mir, da kannst du dich aufwärmen und den Umschlag mit einem Messer öffnen. Und da ich keine Lust habe, dich noch heimzufahren, kannst du heute Nacht bei mir pennen. Auf der Couch ist noch Platz für einen Mann. Vorausgesetzt, er benimmt sich.«
Früh war er zum verabredeten Übergabeort gefahren, hatte die Journalistin beobachtet, als sie den Umschlag in den Abfallkorb legte. Genau um Mitternacht schlenderte er dorthin, nahm den Umschlag heraus und warf den eigenen hinein. Schnell entfernte er sich, bis er außer Sichtweite war, stieg in seinen Wagen, den er auf dem gleichen Parkplatz in einiger Entfernung abgestellt hatte. Er beobachtete, was geschah. Die Frau fischte den Brief aus dem Korb, stieg ins Auto und fuhr davon. Er folgte ihr. Ihm war klar, dass sie gelogen hatte, auf Rache sann und ihn in eine Falle locken wollte. Weil er ihren Liebhaber getötet hatte .
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