Er lehnte sich zurück.
Verblüfft ließ Max die Zahlen auf sich wirken: Fünfundzwanzigtausend Euro? Zwanzig Prozent Honorar?
Er merkte nicht, dass er die Worte flüsterte. Zwanzig Prozent waren weit mehr als sonst in der Branche üblich. War das ein Traum? Er blinzelte. Seine Mutter und später auch Jennifer hatten ihn immer als Träumer bezeichnet. Er ahnte, dass es eine Kehrseite der Medaille geben musste.
»Das scheint zu schön, um wahr zu sein. Wo liegt der Haken?«
»Es gibt keinen Haken, Herr Delius. Aber wenn Sie nicht wollen … Es gibt drei weitere Autoren in Lauerstellung, die sich um den Auftrag reißen werden.«
Auch wenn Modric bluffte, wusste Max, dass es für den Verleger eine Kleinigkeit war, Autoren zu finden, die dieses Angebot mit Freude akzeptieren würden. Unwillkürlich musste er an den Streit mit Jennifer denken. Sie hatte gedroht, ihn zu verlassen, wenn er nicht bald ordentlich Geld verdiente.
Er beschloss, sich erst einmal die Unterlagen schicken zu lassen. Das würde ihm einige Tage Bedenkzeit verschaffen. »Okay. Schicken Sie mir den Vertrag zu.«
Modric lächelte, griff in seine Aktentasche und legte einen zweiten Umschlag auf den Tisch.
»Den habe ich bereits vorbereitet, Herr Delius. Ich werde Ihnen daraus die wichtigsten Bedingungen nennen.«
Bevor Max etwas erwidern konnte, las Modric aus dem Dokument vor:
»Erstens: Sie halten sich genau an den Plot. Er darf unter keinen Umständen geändert werden. Zweitens: Sie schicken mir jedes fertige Kapitel per E-Mail zu. Wenn Sie innerhalb eines Tages nichts von mir hören, schreiben Sie weiter. Drittens: Sie verpflichten sich zu absolutem Stillschweigen über unsere Vereinbarung und den Plot. Viertens und am Allerwichtigsten: Das Manuskript muss bis zum fünften Dezember dieses Jahres fertig sein. Wegen der Bearbeitungszeit für die Publikation. Das Buch soll auf der Leipziger Buchmesse erscheinen, die im kommenden Frühjahr stattfindet. Wenn Sie zehn Seiten am Tag schreiben, kommen zwischen dreihundertfünfzig und vierhundert Seiten zusammen. Sie sind jung, Sie schaffen das.«
Beim nächsten Satz drang der scharfe Blick des Verlegers wie ein Dolch in Max ein.
»Verstoßen Sie gegen eine dieser Bedingungen, ist der Vertrag hinfällig und der Vorschuss ebenso. Wenn Sie so wollen, sind das die Haken, die Sie befürchtet haben. Die sind zu verkraften, meinen Sie nicht?«
Max schluckte. Vierhundert Seiten in knapp zwei Monaten! Anderseits: Womit sonst sollte er die Zeit herumkriegen? Und schnelles Geld war ihm sicher. Sein Ehrgeiz gewann die Oberhand über die Vorbehalte.
»Einverstanden. Ich mache es.«
Modric schob den zweiten Umschlag zu Max herüber und erhob sich. »Lesen Sie den Vertrag bitte in aller Ruhe durch. Dann unterschreiben Sie. Ich hole mir noch einen Kaffee. Wollen Sie auch einen?«
Max schüttelte den Kopf. Seine Tasse hatte er vor Aufregung erst zur Hälfte getrunken. Aufgewühlt wie schon lange nicht beugte er sich über den Vertrag.
Er zwang sich, das Schriftstück aufmerksam zu lesen. Bis auf die vier Bedingungen entsprach er den Anforderungen, die er aus dem Internet kannte. Was konnte schon schief gehen?
Er unterschrieb die beiden Ausfertigungen.
Modric kehrte zurück. Er nickte zufrieden, setzte die eigene Unterschrift darunter und steckte ein Exemplar in die Aktentasche. Aus dem Jackett fingerte er ein Kuvert, das er Max reichte.
»Hier sind zwölfeinhalbtausend Euro als Anzahlung auf den Vorschuss. Den Rest bekommen Sie nach Fertigstellung des Manuskripts. Nach der Publikation erhalten Sie natürlich das Honorar nach Abzug des Vorschusses. Wenn alles gut geht, sind Sie bald Millionär.»
Ohne hineinzuschauen, steckte Max das Kuvert in die Tasche.
Modric sah auf die Uhr, leerte seine Tasse und erhob sich als Zeichen, dass das Gespräch beendet war. Er reichte Max die Hand. »Auf gute Zusammenarbeit, Herr Delius. Ich freue mich darauf.«
Max sah in die grauen Augen des Verlegers, konnte in ihnen beim besten Willen kein Anzeichen von Freude erkennen. Er schaute seinem Auftraggeber hinterher, bis dieser um die Ecke verschwunden war. Dann lehnte er sich zurück. Er konnte es immer noch nicht glauben, dass er soeben einen Vertrag für die Produktion eines Bestsellers unterschrieben hatte! Das musste er erst einmal sacken lassen. Er stand auf und holte sich einen frischen Cappuccino.
Zurück am Tisch öffnete er den dicken Umschlag, nahm den Stapel loser Blätter heraus und begann zu lesen.
»Ist dieser Platz noch frei?«
Max zuckte zusammen. Einige Seiten flatterten auf den Boden. Einen Moment lang starrte er verdutzt in ein Paar blau schimmernde Augen. Chiara! Was macht die hier?
Er warf einen Blick auf den Presseausweis, den sie um den Hals hängen hatte.
»Hat es dir die Sprache verschlagen?«
Er löste sich aus seiner Starre. »Entschuldige, nein …«
»Heißt das: nein, nicht frei?«
Er winkte in den menschenleeren Raum. »Wie du siehst, sind alle anderen Tische belegt.«
Sie lächelte, bückte sich und sammelte die heruntergefallenen Blätter vom Boden auf. Sie warf einen kurzen Blick darauf, da riss er sie ihr aus der Hand.
Chiara hob die Brauen und legte ihre Tasche ab. »Du bleibst noch ein paar Minuten hier?« Mit einer Handbewegung zum Papierstapel fügte sie hinzu: »Hast noch einiges zu lesen, wie ich sehe. Ich hole mir in der Zwischenzeit was zu trinken.« Sie ging zur Theke und kehrte mit einer Tasse Espresso zurück. Die Schriftstücke waren verschwunden. Sie setzte sich Max gegenüber und warf die Haare nach hinten.
»Was wollte Modric von dir?«
Sie kennt den Verleger?
»Warum interessiert das die Presse?«
Sie nippte an der Tasse. »Weil die Presse zufällig mitbekommen hat, dass er dir vorhin einige Umschläge gab. Drei waren es, wenn ich mich nicht täusche. In einem befand sich ein Dokument, das du unterschrieben hast. Wenn zwischen einem Autor und einem Verleger Dokumente unterschrieben werden, handelt es sich meistens um Verträge.« Sie lächelte. »Oder etwa nicht?«
Er lehnte sich zurück.
»Das geht dich nichts an.«
Ihr Blick verdunkelte sich. Sie beugte sich zu ihm, stemmte die Ellbogen auf dem Tisch, das Kinn auf die verschränkten Hände.
»Vielleicht doch?«
Auch Max beugte sich vor, bis ihre Gesichter sich fast berührten. »Du bist uns gefolgt. Das warst doch du, die sich auf dem Laufband plötzlich versteckt hat?«
»Das hast du richtig erkannt. Als ich dich mit Modric sah, wurde ich neugierig. Der Modric Verlag publiziert nur wissenschaftliche Bücher. Ich war vorhin auf dem Stand der ARD bei der Vorstellung des neuesten Buches eines seiner Autoren. Aber du schreibst Krimis. Also fragte ich mich: Was will er von dir? Als er dir dann auch noch dicke Briefumschläge gab und zum Schluss ein schmales Kuvert aus der Innentasche, weckte das meinen Jagdinstinkt.«
Max kannte Chiara von ihrer kurzzeitigen Affäre vor fünf Jahren. Sie würde keine Ruhe geben, bis sie alles in Erfahrung gebracht hatte. Er beschloss, sie mit ein paar Informationen zu füttern, die nah an der Wahrheit lagen. Das sollte die Vereinbarung mit Modric nicht gefährden.
Er lehnte sich zurück. »Modric will seinen Verlag neu ausrichten, mehr Belletristik. Er hatte im Internet um Bewerbungen gebeten, ich schickte ihm ein Exposé mit Leseprobe. Es gefiel ihm, er lud mich auf die Messe und zum Mittagessen ein, gab mir einen Vertrag.«
»Das ging aber schnell. Und gleich eine Anzahlung dazu?«
Ihr Blick zeigte, dass sie ihm kein Wort glaubte.
»Über welches Thema schreibst du? Ein pseudo-wissenschaftliches? Depressionsbewältigung für erfolglose Autoren vielleicht?«
»Tut mir leid, Chiara, aber zu diesem Thema fehlt mir die nötige Erfahrung. Nein, ich schickte ihm meinen neuesten Krimi. Er gefiel ihm. Das ist alles.«
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