Hoffentlich bin ich nicht zu spät!
Eine Tür öffnete und schloss sich, gefolgt von Schrittgeräuschen. Stühle wurden geschoben. Geflüster erstarb, als die Tür erneut geöffnet wurde. Anscheinend der Hausherr, denn es folgte eine kurze Begrüßung, bevor Ruhe einkehrte.
Der Lichtstreifen erlosch. Am Lichtflackern erkannte er, dass drinnen ein Film vorgeführt wurde.
Mist. Ein Stummfilm!
Nach wenigen Minuten erschien der Lichtspalt wieder, der Film war zu Ende.
Jemand räusperte sich. »Das war der Auftritt von Doktor José Delgado in der Stierkampfarena von Córdoba. Wie Sie gesehen haben, bekämpfte er den Stier mit einem Handsender. Er ließ ihm vorher Elektroden in die Amygdala einpflanzen, den Bereich im Zwischenhirn, worin das Hass- und Liebeszentrum liegen. Sehr nah beieinander, nebenbei bemerkt, meine Herren!«
Anscheinend wartete der Redner auf eine Lachsalve, doch keiner der Anwesenden tat ihm den Gefallen.
»Sie haben gesehen, dass der Stier wütend angriff und dann plötzlich abdrehte, was sich einige Male wiederholte. Wie hat Delgado das geschafft? Mit dem Sender schwächte er die Aggressivität des Tieres über die … nennen wir sie Liebeselektrode ab, so dass es den Angriff stoppte, und stimulierte sie wieder über die Hasselektrode.« Den Worten folgte ein Flüstern der Gäste.
»Meine Herren, darf ich Sie daran erinnern, dass Delgados Stierkampf 1965 stattfand.«
Der Redner legte eine Pause ein, bevor er weitersprach.
»Ich werde Ihnen zeigen, weshalb ich Sie heute Abend eingeladen habe …«
Jetzt wird es interessant!
Draußen unter dem Fenster drückte der Lauscher den Stöpsel fester gegen das Ohr. Je länger geredet wurde, umso kälter wurde ihm. Und das lag nicht an der plötzlich gefallenen Außentemperatur Ende September.
Plötzlich fiel der Ton aus. Das Mikrofon lag im Gras. Der Saugnapf hat sich gelöst! Er richtete sich auf, um ihn wieder an der Scheibe zu befestigen. Im gleichen Moment wurde der Vorhang zur Seite geschoben, ein Mann starrte auf ihn herunter.
Für den Bruchteil einer Sekunde verharrte er, dann schaltete sein Gehirn auf Flucht. Er wirbelte herum, rannte davon. Hinter ihm wurde das Fenster geöffnet.
»Halt! Stehen bleiben!«
Scheinwerfer tauchten das Gelände in grelles Licht.
Dann fielen Schüsse.
»Du gehst heute nicht auf die Messe!«
Max sah Jennifer an.
Da fehlt nur noch »… oder es passiert was!«
»Und warum nicht, wenn ich fragen darf?«
»Willst du mir etwa sagen, dass du nicht weißt, was für ein Tag heute ist?«
Max stocherte in seinem Gedächtnis nach dem Grund, weshalb Jennifer sich so aufregte. Er sah aus dem Fenster zum wolkenverhangenen Oktoberhimmel.
»Kein schöner Tag. Aber genau richtig, um zur Buchmesse zu fahren. Warum regst du dich so auf? Du willst doch sowieso nie mit.«
Jennifer schnaubte.
»Heute ist unser Hochzeitstag, Max. Der zehnte, um genau zu sein.«
Max´ Gesicht fing an, zu glühen.
»Das habe ich glatt vergessen«, flüsterte er.
Schweigen.
»Weißt du Max, das Traurige ist, dass ich von vornherein gewusst habe, dass du es vergisst. Und dass ich es immer noch nicht wahrhaben will, dass dir nichts mehr an mir … an uns liegt.«
»Aber Jenny, das ist doch Unsinn.«
»Nein, das ist die Wahrheit. Seit der Sache mit dieser Reporterin vor fünf Jahren. Da hätte ich es eigentlich wissen müssen.«
»Das war doch nur eine kurze Affäre, mir ging es damals nicht gut, das weißt du. Darüber haben wir uns ausgesprochen.«
»Mag sein, aber jetzt ist Schluss, ich mach das nicht mehr mit!«
Das hört sich nach einem Ultimatum an!
»Wie, jetzt ist Schluss, wie meinst du das?«
»Wenn dir heute dein Tag auf der Buchmesse wichtiger ist als unser Hochzeitstag, dann war es das für mich. Schluss, Ende! So meine ich das.«
»Aber Jenny … Ich habe einen wichtigen Termin. Einen sehr wichtigen sogar. Ein Verleger will mich kennenlernen, hat mich sogar eingeladen. Das ist eine Riesenchance!«
»Riesenchance, dass ich nicht lache! Wenn ich an alle deine Riesenchancen denke, die du mir die letzten Jahre präsentiert hast …«
Die unausgesprochenen Worte hallten wie ein Echo von den Wänden zurück.
Jennifer legte noch eine Schippe drauf. »Schau dir dein Arbeitszimmer an, Max. Die Wand vor deinem Schreibtisch, die du mit den vielen Absagen der letzten Jahre zugekleistert hast. Das ist doch purer Masochismus! Warum tust du das? Was willst du dir damit beweisen?«
»Dass ich nicht aufgebe. Wie Abraham Lincoln …« Weiter kam er nicht.
»Ach nein, nicht schon wieder diese Leier! Der Mann, der Jahr für Jahr unermüdlich versucht hat, zum Präsidenten gewählt zu werden, bis es irgendwann klappte! Ich kann es nicht mehr hören. Du bist Lehrer, hast einen Job, kannst jederzeit in deinen Beruf zurückkehren und wieder Geld verdienen.«
»Ich hatte ein Burn-out, Jenny, schon vergessen?«
»Das ist fünf Jahre her. Du wolltest es unbedingt mit Schreiben versuchen. Wir hatten damals eine Abmachung: Falls es nach fünf Jahren nicht klappt, mit der Schreiberei Geld zu verdienen, kehrst du in deinen alten Beruf zurück. Es sind jetzt sechs Jahre her, und du machst nicht den Eindruck, dich an die Abmachung halten zu wollen. Deshalb ziehe ich jetzt die Reißleine.«
Die Echos verstummten. Max wartete auf das, was kommen würde.
»Wenn du jetzt zur Buchmesse fährst, zieh ich aus!«
Sie verschwand im Schlafzimmer und schlug die Tür zu.
Gewitterwolken verdunkelten den Himmel über Frankfurt, als der Shuttlebus vom Parkhaus am Rebstock mit einem Ruck vor der Messehalle 9 zum Stillstand kam. Gleichzeitig mit dem Zischen der Türen fuhr ein Blitz nieder, gefolgt von einem krachenden Donner und dem Stakkato der vom Himmel stürzenden Regenmassen. Die Insassen nützten eine Unterbrechung des Regenschwalls, um fluchtartig den Bus zu verlassen. Sofort bildete sich ein Stau an den Glastüren.
Der Regen nahm wieder an Heftigkeit zu.
Max wartete, bis die letzten Passagiere ausgestiegen waren. Er zog den Mantelkragen über den Kopf und rannte zum Eingang. Obwohl er nur kurz dem Schauer ausgesetzt war, fühlte es sich an, als sei er bis auf die Haut durchnässt.
Er durchquerte den Vorraum mit den Kassen, an den Besucherscharen vorbei, die sich vor den Schaltern aufreihten. An der Eingangskontrolle lächelte ihm eine Hostess zu und las die Eintrittskarte mit der Aufschrift ›Modric Verlag‹ mit dem Scanner.
Erneut warf er einen Blick auf die Karte, die ihm zugeschickt worden war. Er hatte gestaunt, nachdem er den Umschlag geöffnet und die Einladung gelesen hatte. Das Staunen wuchs beim Nachforschen im Internet: Was wollte ein wissenschaftlicher Verlag von ihm, einem unbekannten erfolglosen Krimiautor?
Der Verlagsinhaber wolle ihn persönlich treffen, hieß es im Begleitschreiben.
Er dachte an die Auseinandersetzung mit Jenny. Auch er glaubte nicht wirklich, dass etwas aus der Riesenchance werden konnte.
Eine Gruppe von farbenprächtig kostümierten Jugendlichen hastete aufgeregt gestikulierend an ihm vorbei. Cosplayers – er schmunzelte, jedes Jahr gab es mehr von ihnen.
Unten im Foyer der Halle 4 weckte eine Gruppe Messebesucher seine Neugierde. Ihm blieb noch Zeit bis zu der Verabredung und er fuhr die Rolltreppe hinunter. Eine Schar Menschen hatte sich um einen Jugendlichen in einem schwarzen Drachenkostüm versammelt. Drohend drehte sich der Drache um die eigene Achse, den Kopf auf und ab bewegend, als überlegte er, welchen der Zuschauer er zuerst verspeisen sollte. Die Flügel mit nahezu vier Metern Spannweite schlagend, trieb das Ungeheuer seine Beute im Kreis um sich herum. Plötzlich fixierte er Max, trat einen Ausfallschritt auf ihn zu. Die Schwingen wollten ihn einfangen. Max wich zurück, stolperte.
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