Die Umstehenden lachten.
Er sah auf seine Armbanduhr. Der Drache hatte ihn die Zeit vergessen lassen. Nur noch Minuten verblieben bis zum vereinbarten Termin.
Schwer atmend erreichte er den Stand des Modric-Verlags. Unzählige Exemplare der Neuerscheinung eines Autors namens Wladimir Voronin zogen Max´ Blick auf sich. Seine Augen huschten von den Büchern über die Namensschilder der Standmitarbeiter, auf der Suche nach Modric, dem Verleger.
»Herr Delius, nehme ich an?«
Max fuhr herum. Vor ihm stand ein hagerer, kräftiger Mann in einem scharf gebügelten grauen Anzug, der ihn mit durchdringendem Blick musterte. Eine Wolke von aufdringlichem Aftershave umhüllte ihn. Ein Kribbeln fuhr Max über den Rücken, als er ihm in die dunklen Augen sah.
»Oh, entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken.« Der Mann reichte ihm eine klamme Hand: »Rupert Modric.« Er sprach es aus wie ›Modritsch‹ und fügte grinsend hinzu: »Nicht zu verwechseln mit einem britischen Medienmogul mit ähnlich klingendem Namen.« Er neigte den Kopf zu der korpulenten Person mit Halbglatze und Hornbrille neben ihm, den er um einen Kopf überragte. »Darf ich vorstellen: Doktor Wladimir Voronin, einer meiner wichtigsten Autoren.«
Der Angesprochene nickte lächelnd und reichte Max die Hand. »Angenehm, Sie kennenzulernen. Leider muss ich auch schon gehen. Auf Wiedersehen Herr Delius, … Rupert.« Mit einem Kopfnicken verschwand er in der Menschenmenge.
Modric zeigte auf einen Tisch am Stand. »Setzen wir uns. Darf ich Ihnen einen Sekt anbieten?« Er winkte einer Hostess, die kurz darauf zwei Gläser brachte. Modric hob das Glas.
»Auf die Literatur.«
Max trank einen winzigen Schluck. Er hatte kaum gefrühstückt und wollte sich vom Sekt nicht benebeln lassen. »Vielen Dank für die Einladung, Herr Modric. Ehrlich gesagt habe ich mich darüber ein wenig gewundert. Wie sind Sie auf mich gekommen? Ich schreibe Kriminalromane, Sie publizieren so viel ich weiß wissenschaftliche Werke.« Der Verleger lächelte. »Die Zeiten ändern sich, Herr Delius. Das große Geld lässt sich mit wissenschaftlichen Büchern allein nicht verdienen. Obwohl ich mit Autoren wie Doktor Voronin überaus glücklich bin. Wir haben gerade sein neuestes Werk herausgebracht. Waren Sie zufällig bei der ARD-Veranstaltung vorhin?«
Max verneinte.
»Schade, dann hätten Sie mitbekommen, dass sehr kontrovers über das Buch diskutiert wurde, was uns natürlich freut.«
Max hob die Brauen. »Das verstehe ich nicht so ganz, um ehrlich zu sein.«
»Kontroverse Diskussionen über ein Buch bringen den Autor ins Rampenlicht und steigern ganz nebenbei den Umsatz. Das sollten Sie sich für die Zukunft merken, Herr Delius.«
Eine kurze Pause, dann kam der Verleger zurück zum Thema. »Ich habe beschlossen, eine Belletristiksparte aufzumachen. Dazu benötige ich neue Autoren. Ehrgeizige Autoren. Autoren wie Sie.«
»Aber ich habe noch nichts veröffentlicht, bis auf ein paar selbst publizierte E-Books.«
»Ich weiß. Das spielt im Moment keine Rolle. Den Rest erkläre ich Ihnen in einer etwas gemütlicheren Umgebung. Darf ich Sie zum Mittagessen einladen? Ich kenne hier ein ruhiges Restaurant.«
Max, der die Buchmesse jedes Jahr besuchte, stutzte. »Ruhig? Hier, auf der Messe?«
Modric lachte verschmitzt. »Etwas für Eingeweihte.« Er hob eine Aktentasche vom Boden und stand auf. »Trinken Sie Ihren Sekt aus, Herr Delius.«
Je näher die Laufbänder sie zum Torhaus führten, umso ruhiger wurde es um sie herum. Ein lautstark telefonierender Japaner kam von hinten das Band herauf gelaufen und Max trat beiseite, um ihn vorbei zu lassen. Dabei bemerkte er aus dem Augenwinkel eine Bewegung am Anfang des Laufbandes. Jemand huschte hinter ein paar stehende Personen. Im nächsten Augenblick stellte Modric ihm eine Frage und er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Verleger.
In der Torhauspassage öffnete Modric die Tür zu einem Treppenhaus. Sie fuhren mit der Rolltreppe ins Stockwerk darunter. Ein Hinweisschild mit der Aufschrift: ›Restaurant Fontana‹ zeigte auf eine Glastür.
Der Verleger öffnete die Tür. »Hier entlang.« Schwarze, im weißen Boden eingelassene Quadrate führten sie in die scheinbar endlose Tiefe des Flures hin zu einer leicht gerundeten Ausgabetheke, wo sie ihre Menüs wählten. Modric zahlte.
Mit den Tabletts in den Händen betraten sie einen mit Spiegelwänden versehenen Raum, der einem Lichthof glich. Tageslicht fiel auf die in einem Schachbrettmuster verlegten Marmorplatten, in denen sich das Chrom der Tische und Stühle spiegelte. Max kam es vor, als schwebte er im Zentrum eines von M. C. Escher gezeichneten, sich in allen Richtungen endlos fortsetzenden Universums.
Modric wählte den Tisch in der Mitte des Raumes neben dem Brunnen, aus dem Wasser in ein Marmorbecken plätscherte.
Sie setzten sich. Der Verleger machte keine Anstalten, ein Gespräch anzufangen und Max, der vor Neugier fast platzte, bemühte sich, seine Aufregung nicht zu zeigen.
Sie aßen schweigend. Erst nachdem sie die Teller weggeräumt und sich einen Cappuccino geholt hatten, ergriff Modric das Wort.
»Sie wundern sich also, wie ich auf Sie gekommen bin?«
»Wie ich bereits sagte, ich frage mich, was Sie von einem unbekannten Krimiautor wollen.«
»Unbekannt heißt nicht unbegabt, Herr Delius. Sie sind begabt. Ich habe mehrere ihrer Krimis gelesen. Was und vor allem wie Sie schreiben, gefällt mir. Sie beschreiben Mordanschläge so exakt, dass man als Leser das Gefühl bekommt, man verübe sie selbst. Das gelingt nur wenigen Autoren. Ja, ich bin überzeugt, dass Sie der Richtige sind.« Max stutzte. »Der Richtige für was?«
Modric trank einen Schluck. Behutsam, fast andächtig, stellte er die Tasse zurück auf den Tisch. Seine Augen fixierten Max.
»Dafür, einen Bestseller zu schreiben.«
Das magische Wort. Aus dem Mund eines Verlegers!
»Das verschlägt Ihnen die Sprache, was? Ja, Sie haben richtig gehört: Sie sollen einen Bestseller schreiben.«
Max merkte, dass Modric seine Reaktion sehr genau studierte. »Aber … mit allem Respekt … einen Bestseller … kann man nicht planen.«
»Lassen Sie das meine Sorge sein und konzentrieren Sie sich auf das Schreiben. Das Zeug dazu haben Sie. Einen Verleger ebenfalls. Alles, was Sie noch brauchen, ist ein guter Plot. Und den …«, Modric griff in die Aktentasche und schob Max einen dicken DIN-A4-Umschlag zu, »… den habe ich bereits für Sie erstellt. Damit Sie sofort mit dem Schreiben anfangen können. Bevor Sie fragen, weshalb ich das Manuskript nicht selbst verfasse: Erstens fehlt mir die Zeit, zweitens will ich nicht als Autor im eigenen Verlag erscheinen und drittens … können Sie das als Krimiautor wohl besser als ich.«
Max versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Einerseits widerstrebte es ihm, eine Geschichte zu schreiben, die er sich nicht selbst ausgedacht hatte. Anderseits bot sich hier die einmalige Chance, endlich ein gedrucktes Buch bei einem richtigen Verlag heraus zu bringen.
Er zögerte. »Ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich meine, auf der Grundlage eines fremden Plots zu schreiben. Ich …« Weiter kam er nicht.
»Schauen Sie, Herr Delius, es ist ganz einfach: Sie wollen endlich publiziert werden, ich gebe Ihnen die Gelegenheit dazu und mache Umsatz mit dem Buch. Das nennt man ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Oder, auf Neudeutsch: eine Win-Win-Situation. Außerdem ist es in der Branche durchaus üblich, dass ein Autor ein Manuskript nach einer Idee seines Verlags verfasst.«
Als Max immer noch zögerte, beugte sich Modric zu ihm. »Ich zahle Ihnen einen Vorschuss von fünfundzwanzigtausend Euro. Auf ein Honorar von zwanzig Prozent des Verkaufserlöses versteht sich.«
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