BVielleicht spielt sich dieses kosmische Drama auch in anderen Teilen des Universums ab, vielleicht in anderen Universen – wir werden es nie erfahren.
CDiese Haltung lässt sich mit einer ganzen Menge weiterer Glaubensvorstellungen kombinieren. Religiöse Menschen können sie mit dem Glauben an die göttliche Schöpfung und ein nichtkörperliches Leben nach dem Tod vereinen; Materialisten mit einem Glauben an die Körperlichkeit des Bewusstseins; Existenzialisten können Wertschätzung für die Absurdität des Seins und die damit einhergehende Freiheit und Verantwortung hinzufügen; säkulare Humanisten einen Glauben an den intrinsischen Wert menschlichen Lebens und Gefühls usw. Trotz ihrer vielen und oftmals unüberbrückbaren Differenzen beruhen all diese Glaubensüberzeugungen – wie auch fast alle anderen – fest auf der Grundlage des Kartesianismus wie im kursivierten Absatz beschrieben. Aus diesem Grund bezeichne ich den Kartesianismus als »grundlegende« Weltsicht – er bildet das grundsätzliche Weltbild, in der Regel nicht hinterfragt und als selbstverständlich geltend, das einer Vielzahl verschiedener Weltsichten als Basis dient.
Die erste Behauptung des Kartesianismus lautet, die physische Welt existiere, mit oder ohne uns. Das ist gleichbedeutend mit der Aussage, die physische Welt bestehe aus Stoff – oder, eleganter ausgedrückt, aus Materie –, und dieser Stoff sei nun mal da, ob wir ihn nun wahrnähmen oder nicht. Im Kapitel »Der Gute Bischof« besuchen wir einen Philosophen, der die radikale Behauptung aufstellt, Materie existiere nicht – dass sogar das Konzept von Materie unstimmig sei .
KAPITEL 1
Der Gute Bischof
Worin das Konzept von Materie hinterfragt und von einem Stuhl geträumt wird .
1744 veröffentlichte der Bischof des irischen Cloyne das erfolgreichste Buch seines Lebens. 28 Siris: Eine Kette von Philosophischen Betrachtungen und Untersuchungen über die Tugenden des Teerwassers erreichte innerhalb eines Jahres sechs Auflagen. 1752, ein Jahr vor seinem Tod, veröffentlichte der Bischof eine Fortsetzung, Weitere Gedanken zur Teerwasserfrage .
Das bischöfliche Teerwasserrezept empfahl, ein Quart Holzteer in ein großes Glasgefäß zu geben und mit einer Gallone kaltem Wasser zu übergießen. Vier Minuten lang mit einer Kelle oder einem Stab umrühren, dann achtundvierzig Stunden stehen lassen. Danach die Flüssigkeit abgießen. Die Farbe sollte nicht heller sein als die von französischem Weißwein, nicht dunkler als die von spanischem. Abends und morgens eine halbe Pinte auf leeren Magen trinken; Kinder und »empfindliche Personen« sollten die Flüssigkeit verdünnt und dafür öfters trinken.
Diese Kur, so der Bischof, heile allerlei Beschwerden. Er beschreibt eine Familie mit sieben Kindern während einer Pockenepidemie. Sechs der Kinder tranken Teerwasser und »durchstanden die Infektion sehr gut«. Das siebte »konnte nicht dazu bewegt werden, Teerwasser zu trinken«, und uns wird zu verstehen gegeben, dass es starb. Teerwasser kuriere wirksam »so viele purulente Geschwüre«, dass der Bischof es schließlich auch bei »anderen Verdorbenheiten des Blutes« anwandte, darunter »kutane Ausbrüche« und die »schändlichsten Krankheiten […] Pleuritis und Peripeumonie«.
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Der Autor der Siris – vom großen Philosophen Immanuel Kant später als »der Gute Bischof« bezeichnet – bewarb Teerwasser so energisch aus Sorge um seine Gemeinde. In Cloyne, einer abgelegenen, armen Gegend, waren kurz zuvor die Pocken und Dysenterie ausgebrochen – oder wie es der Bischof anschaulich nannte, die »blutige Ruhr«.
Ein Brief aus dieser Zeit an einen britischen Abgeordneten – »Die Plagen Irlands« – beschreibt das Land des Bischofs als »die elendigste Szenerie universellen Leides, von der je in der Geschichte zu lesen war«. 29Neben Krankheiten litt die Bevölkerung unter einer »Knappheit von Brot (die mancherorts einer Hungersnot gleichkommt)«. So sehr mangelte es an Brot, dass der Bischof in einer Solidaritätsgeste gegenüber seiner Gemeinde Mehl zum Pudern seiner Perücke erst wieder nach der Ernte verwendete.
Der Bischof glaubte, er habe eine günstige Möglichkeit gefunden, einer darniederliegenden Bevölkerung zu guter Gesundheit zu verhelfen. Doch nicht nur sollte sein Erfolgsbuch die physiologischen Tugenden des Teerwassers darlegen und dessen Wirksamkeit wissenschaftlich erklären. Das dritte Ziel bestand darin, wie es in der Stanford-Enzyklopädie der Philosophie heißt, »den Leser durch eine Aneinanderreihung kleiner Schritte zu einer Reflexion über Gott zu führen« 30. Das Wort »Siris« im Titel stammt vom griechischen Wort für »Kette«, und die bischöfliche »Kette von Philosophischen Betrachtungen« führt, trotz einiger Schlenker, vom Teerwasser zur Theologie.
Was uns, wenn auch ein wenig abrupt, zu Gott bringt.
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Die Tugenden des Teerwassers sind im Laufe der letzten Jahrhunderte größtenteils in Vergessenheit geraten, nicht jedoch die früheren Schriften des Bischofs. Es sind diese frühen Arbeiten, verfasst, als er sich mit Mitte zwanzig als Forschungsstipendiat am Dubliner Trinity College durchschlug, die ihn heute zu einer bekannten, wenn auch missverstandenen Figur machen. Denn in diesen frühen Schriften bestritt George Berkeley, der spätere Bischof von Cloyne, eindringlicher und wirkungsvoller als alle anderen Philosophen die Existenz von Materie.
Sagt jemand zu Ihnen: »Du bist so materialistisch«, meint die Person in der Regel, Sie seien übermäßig auf Konsumartikel fixiert, möglicherweise auf Kosten von Wichtigerem wie menschlichen Beziehungen oder noblen Anliegen. Aber Materialismus kann auch etwas anderes bezeichnen als Shopping-Gier: Nämlich den in universitären Kreisen verbreiteten Glauben, das Universum und alles darin könne zufriedenstellend allein durch Materie erklärt werden. Das heißt, es könne zufriedenstellend erklärt werden, ohne dass es eines Gottes bedürfe, eines Geistes, einer Bestimmung oder eines Sinnes, die darüber hinausgehen, was wir aus Materie erschaffenen Menschen mit unseren aus Materie erschaffenen Gehirnen selbst erfinden.
Wer anderer Meinung ist als die Materialisten, meint in der Regel, etwas existiere zusätzlich zur Materie – der menschliche Geist, Gott, eine Lebenskraft –, doch räumt er meist ein, dass Materie natürlich auch existiere. Materie ist physischer Stoff : Stühle, Tische, Steine, Wasser, Atome. Die Debatte zwischen Materialisten und Nichtmaterialisten betrifft normalerweise eher die Frage, ob es irgendetwas neben der Materie gebe, und nicht, ob Materie an sich existiere.
Berkeley widersprach beiden Lagern. Er glaubte, Materie existiere überhaupt nicht . Und obwohl diese Ansicht wie eine wahnsinnig radikale Doktrin wirken mag, nahm Berkeley selbst sie gar nicht so wahr, sondern eher als etwas mit ein wenig Reflexion völlig Selbsterklärendes. Nicht nur das, ganz nebenher schafft sie etwas für einen Bischof überaus Nützliches: Sie beweist die Existenz Gottes.
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Wir alle träumen, und manche von uns erleben Halluzinationen oder haben sie schon erlebt. In unseren Träumen und Halluzinationen sehen, fühlen, hören, riechen und schmecken wir; wir erfahren Freude und Schmerz; und solange wir uns in ihnen befinden, glauben wir voll und ganz an ihre Realität. Wenn wir aufwachen, wird uns klar: »Oh, das war ein Traum.« Häufig, zumindest in der heutigen westlichen Welt, sagen wir: »Das war nur ein Traum.«
Wenn man es sich recht überlegt, meinen wir damit, dass die Gegenstände im Traum aus keiner Materie bestanden, Materie im Sinne von echtem Stoff. Alles hat sich in unserem Kopf abgespielt. Sind wir aber wach und sehen einen Stuhl, nehmen wir an, wir sähen gerade ein Stück richtig toller Materie. Und wir nehmen an, diese echte Materie verdeutliche dadurch, dass sie da ist, dass wir jetzt in der Realität leben, während wir vorher im Schlaf – als unsere Stühle aus keiner Materie bestanden – in einem Traum lebten.
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