1 ...6 7 8 10 11 12 ...40 Für Broz kam es auf dem VII. Kongress zu einer unangenehmen Komplikation. Mitte August wurde die Frage diskutiert, wer der neue ständige Vertreter der KPJ im Exekutivkomitee der Komintern werden solle. Eine Gruppe von Delegierten, die unerwartet aus Jugoslawien nach Moskau gekommen waren, schlug Broz für diesen prestigeträchtigen Posten vor, obwohl er nach Dienstjahren das jüngste Mitglied des ZK war. An der Parteispitze kam es zu einer hitzigen Debatte, die damit endete, dass alle, einschließlich Gorkić, Broz’ Kandidatur unterstützten. Das stellte sich allerdings als taktisches Manöver heraus. Gorkić und seine Leute protestierten nämlich gleich nach der Wahl bei Dmitri S. Manuilski, dem Vertreter Stalins in der Komintern, und erklärten, dass die Wahl von Broz den »Fraktionismus« in der Partei stärke. Manuilski, der ein Freund von Gorkić war, reagierte äußerst wütend und weigerte sich, das Wahlergebnis zu akzeptieren. »Da ihr nicht Gorkić gewählt habt, zu dem die Komintern als Einzigem Vertrauen hat, denn zu euch hat sie es nicht«, erklärte er, »werden wir euch kein ständiges Mitglied in der Komintern zugestehen, sondern nur einen Kandidaten [der kein Stimmrecht hatte]; und dieser Kandidat wird Gorkić sein. Das soll euch eine Strafe sein.« 97Dieses Vorgehen zeigte, wie gering das Ansehen der KPJ unter den Führern der Komintern war. »Damals wurde mir klar«, erzählte Tito später, »dass etwas in ihrem Verhältnis zu uns nicht in Ordnung war. Irgendwie steckte der Wurm drin. Dimitrow hat mich einmal gefragt: ›Sag, Walter, habt ihr bei euch überhaupt Parteiorganisationen?‹ Ich antwortete, dass wir welche hätten. Daraufhin sagte er, dass aus Berichten, die er erhalte, hervorgehe, dass es in unserem Staat keine Parteiorganisationen gebe. Sie hatten unsere Partei anhand der Führung in Wien beurteilt. In Wien aber war man so zerstritten, dass es eine wahre Schande war.« 98
AUSEINANDERSETZUNG MIT GORKIĆ UND ARBEIT IM UNTERGRUND
Der Streit, von dem Broz sprach, war eine Folge der Gorkić’schen Politik nach dem jüngsten Kongress der Komintern. Gorkić sah angesichts der liberaleren Verhältnisse, die seit der Ermordung König Aleksandars in Jugoslawien vorübergehend eingetreten waren, die Gelegenheit, die Direktive des VII. Kongresses umzusetzen und eine Übereinkunft mit den anderen Oppositionskräften zu erzielen, die bei den Wahlen im Mai 1935 gute Ergebnisse erzielt hatten. Zu diesem Zweck war er sogar bereit, mit den Sozialisten eine gemeinsame Liste aufzustellen. Obwohl es tatsächlich den Anschein hatte, als werde mit dem Regierungsantritt des neuen Premiers Milan Stojadinović der Druck der Polizei auf die Linke etwas nachlassen, und obwohl die Sozialisten ein radikales Programm beschlossen hatten, das die Tür für eine Zusammenarbeit zwischen beiden Parteien öffnete, sperrten sich die anderen Mitglieder des ZK gegen ein derart enges Bündnis. 99
Broz lenkte sich unterdessen von seiner Niederlage ab, indem er Ende August und in der ersten Septemberhälfte die jugoslawischen Delegierten auf einer längeren Reise durch die Sowjetunion begleitete. Sie besuchten große Fabriken und Kolchosen und fuhren auch in den Ural, wo sie manches sahen, was sie enttäuschte. Sie entschuldigten alles mit der Rückständigkeit Russlands und den großen Schwierigkeiten, denen sich das Land in einer feindlich gesinnten Welt gegenübersah. So auch Broz: »Meine revolutionäre Pflicht auferlegte mir damals, keine Kritik zu äußern und der ausländischen Propaganda gegen dieses Land nicht zu helfen, denn die UdSSR war schließlich der einzige Staat, wo die Revolution erfolgt war und wo es galt, den Sozialismus aufzubauen. […] In meinem Innern spielte sich ein großer Kampf gegen das ab, was ich sah, aber ich entschuldigte die russischen Kommunisten damit, dass es nicht möglich sei, alles so rasch zu bewerkstelligen, obwohl seit dem Oktober 1917 schon eine ziemlich lange Zeit vergangen war, mehr als siebzehn Jahre.« 100
In Jugoslawien gingen derweil die Fraktionskämpfe unvermindert fort. Da es der jugoslawischen Polizei gelungen war, mehrere prominente Kommunisten zu verhaften, die unter Druck auch ihre Genossen verrieten, kam es im Winter 1935/36 zu zahlreichen Festnahmen. Zeitweilig befanden sich zwischen 60 und 70 Prozent aller Mitglieder hinter Gittern, sodass die Partei fast ausgemerzt war, vor allem in Montenegro, Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Serbien, Mazedonien und Bosnien und Herzegowina. 101Wie sich zeigte, war die Hoffnung auf eine Liberalisierung, die Stojadinović mit seinem Regierungsantritt geweckt hatte, verfrüht gewesen, was der Opposition innerhalb der Partei Zündstoff gegen Gorkić lieferte.
Im April 1936 sah er sich gezwungen, in der österreichischen Hauptstadt eiligst ein Plenum des ZK der KPJ einzuberufen, ohne darüber die Komintern zu informieren und ohne auf die Ankunft ihres Vertreters zu warten. Das nahm man ihm in Moskau ebenso übel wie die Tatsache, dass es ihm auf dem Plenum nicht gelang, die Richtlinien des VII. Kongresses des EKKI hinsichtlich einer Volksfront durchzusetzen. Die anwesenden Mitglieder beschlossen nämlich eine Reihe von Resolutionen, in denen sie Verhandlungen mit den Sozialisten grundsätzlich ablehnten, was Gorkić total isolierte. 102In dieser Auflösungssituation stellte das Sekretariat der Komintern am 15. August 1936 eine »große Kommission« zusammen, die einen Bericht über die »jugoslawische Frage« ausarbei ten sollte. Auf deren Sitzung bewertete Dimitrow die inneren Verhältnisse in der KPJ kritisch und erklärte es für »notwendig, andere Formen (der Aktivität) zu finden, damit die jugoslawische Partei in allen Fragen den richtigen Standpunkt einnehmen kann. Wir dürfen nicht zulassen, dass Jugoslawien ein faschistischer Staat wird.« 103Die Beschlüsse des April-Plenums wurden annulliert, und es wurde beschlossen, die Führung der Partei auszuwechseln. Gorkićs Bemühungen, eine Übereinkunft mit den anderen oppositionellen Kräften zu erreichen, wurden also gebilligt. Allerdings stellte man sich durchaus die Frage, ob er fähig sei, die Situation in den Griff zu bekommen, oder ob er sich nicht dadurch unmöglich gemacht habe, sich nicht von Anfang an mit Moskau über die richtige Politik beraten zu haben. 104
Mitte März 1936 beendete Broz die Arbeit in der Komintern. Unklar bleibt, was er in den folgenden Monaten tat. Aller Wahrscheinlichkeit hat er einen Guerilla-Kurs besucht, den die Komintern als Reaktion auf den sich ausweitenden Spanischen Bürgerkrieg unter dem Namen »Partisanen-Akademie« in Rjasan organisierte. 105»Die Sache Spaniens«, hatte Stalin verkündet, »ist die Sache der gesamten fortschrittlichen Menschheit.« Um die »Konterrevolution« zu stoppen, die in Spanien mit Unterstützung Hitlers und Mussolinis und mit dem Segen des Vatikans gegen die republikanische Regierung in Madrid wütete, unterstützte er den Aufbruch in Internationalen Brigaden organisierter Freiwilliger zu den spanischen Kriegsschauplätzen.
Broz erhielt nach seiner Rückkehr den Auftrag, Freiwillige in Jugoslawien zu rekrutieren, wo er im August 1936 getarnt als eleganter österreichischer Tourist mit dem Reiseziel Dalmatien auftauchte. 106Aber schon Ende des Monats ist er offensichtlich nach Moskau zurückgekehrt, denn wir wissen, dass er an den Debatten über die Lage der KPJ aktiv beteiligt war. Gegenüber den Kaderleuten des EKKI machte er dabei Angaben über Mitglieder und Kandidaten des ZK, wobei er weder mit Kritik sparte noch ihre positiven Charakterzüge unterschlug. Jedenfalls bezeichnete er niemanden als Trotzkisten, was für den Betreffenden zu dieser Zeit in Moskau lebensgefährlich gewesen wäre.
Auf der Grundlage der erarbeiteten Vorschläge beschloss die Kommission unter dem Vorsitz von Dimitrow am 19. September, die operative Führung der KPJ nach Jugoslawien zu verlegen. Im Ausland sollte nur eine Vertretung verbleiben, die als Verbindung mit Moskau fungieren, innerhalb der Emigration wirken und Parteiliteratur herausgeben sollte. Mit der künftigen Zusammensetzung der Parteiführung betraute das Sekretariat Manuilski gemeinsam mit der Kaderabteilung. 107
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