Joze Pirjevec - Tito

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Partisan und Revolutionär, Staatspräsident Jugoslawiens, Diktator und Architekt eines alternativen sozialistischen Modells – bis heute entzieht sich Tito (1892–1980) jeder politisch und historisch eindimensionalen Zuordnung. Jože Pirjevec, Professor für Geschichte und ausgewiesener Tito-Experte, geht in dieser Biografie dem Phänomen Tito nach.
Pirjevec folgt der Politisierung Josip Broz', wie Tito mit bürgerlichem Namen hieß, und seinem raschen Aufstieg in der Kommunistischen Partei Jugoslawiens und zeigt, wie er aus einer zerstrittenen Partei eine schlagkräftige Partisanenarmee geformt hat, die Hitlers und Mussolinis Truppen besiegt hat. Er legt dar, mit welcher Weitsichtigkeit Tito schon bald nach dem Krieg in Opposition zu Stalin ging, wie er für Jugoslawien einen anderen sozialistischen Weg suchte und wie entscheidend er an der Gründung der Bewegung der Blockfreien Staaten beteiligt war. Aber er zeigt Tito auch als Diktator, der seine politischen Gegner gnadenlos verfolgte, sich als Held eines nationalen Mythos verehren ließ und den Personenkult genoss. Er sorgte nicht für einen Nachfolger, und als Tito 1980 starb, hinterließ er ein Machtvakuum, das innerhalb weniger Jahre zum gewaltsamen Zerfall des Vielvölkerstaates führte.
Diese erste umfassende Tito-Biografie, die zahlreiche Quellen erstmals zugänglich macht, liefert das lebendige Porträt der faszinierenden und oft widersprüchlichen Persönlichkeit eines der bedeutendsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts.

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Der Augenblick für eine Revolution schien äußerst günstig, denn am 20. Juni 1928 war es im Belgrader Parlament zu einem Attentat gekommen, dem mehrere kroatische oppositionelle Abgeordnete zum Opfer gefallen waren. Der Attentäter war Puniša Račić, ein montenegrinisches Mitglied der regierenden Radikalen Partei, das in den Vertretern der Kroatischen Bauernpartei (HSS) Todfeinde eines geeinten und streng zentralisierten Staates sah. Unter seinen Opfern war auch der charismatische Führer der Partei Stjepan Radić, der Ende August nach mehreren qualvollen Wochen seinen Wunden erlag. Diesen Krisenmoment wählte die KPJ gemäß den Anweisungen der Komintern für eine Aktion: Ihre Führer, die keinen Rückhalt in den Massen hatten, unternahmen sie mit dem ganzen Enthusiasmus ihrer Unerfahrenheit. 48Doch infolge eines Verrats aus den eigenen Reihen war die Gendarmerie schneller. Fünf Tage vor Radićs Tod lauerten zwei Gendarme Broz auf und nahmen ihn fest. »Hätte ich nur ein Prozent Möglichkeit gehabt«, erzählte er später einem Freund, »wäre ich geflüchtet und hätte geschossen.« Bei Broz fand man am 4. August 1928 eine geladene Browning, für die er keinen Waffenschein besaß; in seiner konspirativen Wohnung entdeckte man – neben marxistischer Literatur – unter dem Bett auch einen Korb mit Munition und vier deutsche Handgranaten aus dem Ersten Weltkrieg (später behauptete er zu seiner Verteidigung, man habe sie ihm untergeschoben, was aber nicht der Wahrheit entsprach). 49Man sperrte ihn ein, prügelte ihn und verlangte von ihm, dass er gegen seine Genossen aussagte. Dem verweigerte er sich und trat stattdessen wie auch bei seinem letzten Gefängnisbesuch in einen Hungerstreik. Sein Brief aus dem Gefängnis, in dem er seine Haft-»Qualen« übertrieben schilderte, wurde am 24. August 1928 von dem Organ der Komintern Internationale Presse Korrespondenz unter dem Titel Ein Schrei aus der Hölle der jugoslawischen Kerker veröffentlicht. 50

Anfang November stand er vor Gericht, das ihn in einem aufsehenerregenden, effekthascherisch als »Bombenleger-Affäre« bezeichneten Prozess am 14. November 1928 auf der Grundlage des Staatsschutzgesetzes, das »jede kommunistische Propaganda« verbot, zu fünf Jahren Gefängnis verurteilte. Bei der Verhandlung verhielt er sich so, wie es die Komintern den Kommunisten für solche Gelegenheiten vorschrieb: »Habe nur eines vor Augen. Nicht dass deine Strafe möglichst gering ausfällt, sondern dass du mit deinem Verhalten das Ansehen der Partei in den Augen der werktätigen Massen hebst.« 51Gemäß dieser Anweisung erklärte Broz, er fühle sich nicht schuldig und erkenne das »bourgeoise « Gericht, das die reaktionären Kräfte repräsentiere, nicht an. »Es lebe die Kommunistische Partei! Es lebe die Weltrevolution!« 52Und tatsächlich wurde diese Haltung von den Zeitungen vermerkt und auch in Moskau registriert. 53August Cesarec, einer der führenden linken Intellektuellen in Kroatien, schrieb kurz darauf in der illegalen Zeitung Proleter : »Sollte dieser junge und krankhaft ambitiöse Kommunist an die Spitze der KPJ gelangen, wird das eine Tragödie für die Partei.« 54

Nach dem Urteil blieb Broz noch einige Tage in den Zagreber Gefängnissen: die Genossen versuchten ihn zu befreien, indem sie mithilfe eines sympathisierenden Wächters eine in einem Brotlaib versteckte Säge in die Zelle schmuggelten. Mit ihr durchsägte Broz fünf der sechs Eisenstangen am Fenster seiner Zelle, ohne dass das jemand bemerkt hätte. Doch bevor er die sechste in Angriff nehmen konnte, wurde er zuerst in eine andere Zelle und kurz darauf nach Lepoglava im kroatischen Zagorje verlegt, wo sich seit 1854 die wichtigste Strafanstalt der Banschaft befand. Der Wächter, der ihm geholfen hatte, geriet bei den Behörden in Verdacht und flüchtete mithilfe der Kommunistischen Partei in die Sowjetunion. Einige Jahre später verdächtigten ihn die Sowjets, ein Agent der jugoslawischen Polizei zu sein und verurteilten ihn zum Tode. 55Unter den Kommunisten, mit denen Broz in Lepoglava und Maribor (Letzteres stand in dem Ruf, »Aleksandars schlimmstes Gefängnis« zu sein) einsaß, erwarb sich Broz rasch Respekt. Vor allem durch sein aufrechtes Verhalten und durch die Disziplin, mit der er sich den Studien des Marxismus-Leninismus widmete. Durch Hungerstreiks hatten die Kommunisten nämlich erstritten, dass sie in Gemeinschaftszellen untergebracht waren, was ihnen die Möglichkeit gab, »den Kerker zur Schule zu machen«. Die benötigte Literatur schmuggelten sie ins Gefängnis. So begann sich in diesem und in anderen Strafanstalten eine neue Generation von politischen Führern herauszubilden – Josip Broz, Moša Pijade, Andrija Hebrang, Aleksandar Ranković, Milovan Đilas –, die sich intensiv marxistisch schulten, sich aber auch mit praktischen Fragen auseinandersetzten, etwa mit Militärtaktik. 56In den Jahren der Gefangenschaft – an die er sich gern mit lockerem Witz erinnerte 57– wurde Broz zum Berufsrevolutionär, wie man im Gefängnis von Maribor richtigerweise bemerkte. Dort schrieb man in seinen Personalbogen unter der Rubrik Fachausbildung (Spezialgebiet): »verbrecherisch: Kommunist«. 58

Trotz aller Widrigkeiten hat das Gefängnis Josip Broz wahrscheinlich das Leben gerettet. Nur wenige Wochen nach seiner Verurteilung, am 6. Januar 1929, löste König Aleksandar das Parlament auf, hob die sogenannte Vidovdan-Verfassung aus dem Jahr 1921 auf und führte ein diktatorisches Regime ein, an dessen Spitze er General Petar Živković einsetzte. Der König und sein Premierminister verboten alle Parteien und kündigten einen unerbittlichen Kampf gegen alle oppositionellen Kräfte an: von den Kosovo-Albanern bis zu den mazedonischen Separatisten, von den kroatischen Nationalisten – den gemäßigten wie den radikalen (Ustascha) – bis hin zu den Kommunisten. Zwischen 1929 und 1931 landeten an die zehntausend Linke und andere Angehörige der Opposition in den verschiedenen Polizeigefängnissen. An die hundert KPJ-Mitglieder wurden allein in der Belgrader »Glavnjača« zu Tode gequält.

Nachdem er seine Haftstrafe verbüßt hatte, kehrte der zweiundvierzigjährige Josip Broz im März 1934 ins heimatliche Kumrovec zurück, wie es das Gesetz für ehemalige Häftlinge vorschrieb. Jedoch nahm er sehr bald wieder die illegale politische Arbeit in Zagreb und Bjelovar auf. Bereits im Juli ging er mit dem Auftrag nach Österreich, die gestörten Beziehungen zwischen den Führern der kroatischen Kommunisten und dem Zentralkomitee der KPJ in Ordnung zu bringen, das wegen der polizeilichen Repression unter Aleksandar I. seit 1929 im Wiener Exil arbeitete. Die Grenze überschritt er bei Tržič, als Bergsteiger verkleidet und mit einem Ausweis des Kroatischen Alpenvereins.

Doch in Kärnten geriet er in den Nazi-Putsch gegen die klerikale Regierung von Kanzler Engelbert Dollfuß. 59Als er sich von Klagenfurt endlich mit dem Zug bis Wien durchgeschlagen hatte, »stürzten sich die dortigen Genossen auf mich wie die Bienen auf den Honig«, weil sie wissen wollten, wie die Lage in der Heimat und in den Parteiorganisationen war. Er traf sie in einem Kaffeehaus und bekam es, als er sie vor sich sah – »ein halbes Dutzend hinterhältig blickender Männer« –, fast mit der Angst zu tun. Broz erklärte, dass in Jugoslawien keiner der wahren Kommunisten, die er im Gefängnis oder in Freiheit kennengelernt habe, Vertrauen zum ZK der KPJ habe. »Gorkić – der Generalsekretär der Partei – zwirbelte seinen roten Schnurrbart. Der stand ihm nicht gut; er betonte die Blässe seines Gesichts.« Er fiel Broz ins Wort und überschüttete ihn mit einem Schwall grober Schimpfwörter. 60

Trotz dieses unfreundlichen Empfangs kooptierten ihn die Wiener Genossen am 1. August 1934 ins Politbüro, und Ende Dezember wurde er auf der in Ljubljana abgehaltenen IV. Staatskonferenz ins Zentralkomitee gewählt. 61Für dieses Gremium hatte ihn der junge kroatische Kommunist Ivan Krajačić-Stevo vorgeschlagen, Mitglied des Stadtkomitees in Zagreb, mit dem Broz sein ganzes Leben eng verbunden bleiben sollte. 62Wie erwähnt stand zu diesem Zeitpunkt Josip Čižinski, besser bekannt unter dem Pseudonym Milan Gorkić (Sommer) an der Spitze der KPJ; er war tschechisch-polnischer Herkunft, aber in Bosnien geboren. Die jugoslawischen Verhältnisse kannte er nur unzureichend, denn 1922 war er als Neunzehnjähriger nach Moskau gegangen, wo er bis 1932 in verschiedenen Büros der Komintern arbeitete und enge Kontakte zum Innen ministerium (NKWD) unterhielt, die ihm auch Zugang zu den »höheren Kreisen« verschafften. Er hatte sogar eine Frau aus diesem geschlossenen und privilegierten Kreis geheiratet, die Direktorin des berühmten Kulturparks. Unweigerlich wurde Gorkić so zu einem (selbst-) überzeugten Parteibürokraten, der 1932 sozusagen per Investitur zum Sekretär der KPJ ernannt wurde, ohne dass die Mitglieder der Partei mitzureden gehabt hätten. Er sah sich an der Spitze einer Partei, die kaum 3000 Mitglieder zählte, von denen die meisten im Gefängnis saßen oder im Exil lebten und unter denen es nicht an Provokateuren, Verrätern und Polizeispitzeln mangelte. All das machte die Parteiführung zu einem wahren Schlangennest. Jeder verdächtigte jeden und man schwärzte sich gegenseitig bei der Komintern an, wobei alle sehr wohl wussten, dass man in Moskau auf neugierige Ohren stoßen würde. Aufgrund dieser Verhältnisse zirkulierte in der Komintern der Witz, »dass zwei Jugoslawen drei Fraktionen bilden, deren Angehörige sich untereinander so sehr befeinden und bekämpfen, dass sie den Klassenfeind völlig vergessen«. 63

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