Broz war sehr daran gelegen, diese Verhältnisse in der Partei zu beenden und schrieb am 2. August 1934 einen Bericht für das Zentralkomitee, in dem er betonte, dass man das abstrakte Politisieren überwinden, die Kontakte zu den werktätigen Massen stärken und zur Aktion schreiten müsse. Dieses Dokument unterschrieb er erstmals mit dem Pseudonym Tito, einem Namen, der in seiner Heimat Zagorje ziemlich verbreitet ist. 64
Broz wollte nach Moskau weiterreisen, um seine Frau (und seinen Sohn) zu sehen, die nach seiner Verurteilung in die Sowjetunion zurückgekehrt war, um sich an der Internationalen Lenin-Schule einzuschreiben, doch Gorkić entschied anders. Er schickte ihn in die Banschaft Drau, wo er gemeinsam mit den slowenischen Genossen die Landes- und die IV. Staatskonferenz organisieren sollte. Erstere fand am 16. und 17. September in der Sommerresidenz des Laibacher Bischofs statt, dessen Halbbruder mit den Kommunisten sympathisierte. 65An der zweiten, die Ende Dezember in der slowenischen Hauptstadt tagte, nahmen elf Delegierte teil. Broz war nicht anwesend, denn es galt die Regel, dass derjenige, der eine Konferenz organisiert, aus Sicherheitsgründen nicht an ihr teilnimmt. So behauptete zumindest der Generalsekretär, während Broz dahinter einen Vorwand argwöhnte, um ihn auszuschalten. Beide Konferenzen waren von den Versuchen gekennzeichnet, das Sektierertum der letzten Jahre zu überwinden und die Partei in ihr reales Umfeld einzubinden. Zu dem Zweck wurde (auf Initiative der Komintern) beschlossen, innerhalb der KPJ in Slowenien und Kroatien autonome Parteien zu gründen. 66
Schon im September kehrte er nach Wien zurück, von wo ihn Gorkić bald nach Jugoslawien zurückschickte, diesmal nach Zagreb. Erneut mit dem Auftrag, sich mit den Kroaten über die Parteikonferenz zu beraten. Diese Aufträge belasteten Broz’ Beziehung zu Gorkić, denn er hegte den Verdacht, dass ihn der Generalsekretär so kurz nach seinem Gefängnisaufenthalt absichtlich Gefahren aussetze. Trotz seiner musterhaften Lebensführung erschien ihm Gorkić allzu vertrauensselig gegenüber seinem Umfeld und eigentlich unfähig zu konspirativer Tätigkeit. Zudem behandelte er seiner Meinung nach die Genossen, die sich in Jugoslawien zu formieren suchten, geringschätzig und versuchte sie zu diskreditieren, damit sie keinen Zugang zu den Geldern bekämen, die die Komintern der KPJ überwies. 67»Mich hat das furchtbar angewidert …« 68Trotzdem unterhielt er eine formal korrekte Beziehung zu Gorkić. 69Jahre später erst vertraute er Louis Adamić an, was er wirklich von Gorkić hielt: »Das Einzige, was rot an ihm war, waren seine Haare und sein Bart.«
Ende 1934 schickte er im Namen des Politbüros, das sich damals in Brünn aufhielt, eine Anleitung für den bewaffneten Aufstand an alle Provinzkomitees der KPJ und des Bundes der kommunistischen Jugend Jugoslawiens (SKOJ). Denn der jugoslawische Staat befand sich erneut in einer schweren Krise: Am 9. September war König Aleksandar I. bei einem offiziellen Besuch in Marseille von einem bulgarisch-mazedonischen Attentäter erschossen worden, der mit dem Führer der kroatischen Ustascha, Ante Pavelić, in Verbindung stand. Da das Ende der Karađorđević-Dynastie gekommen schien, schreckte Broz auch nicht vor der Empfehlung zurück, die bewaffneten Gruppen der KPJ mögen sich auch mit den radikal chauvinistischen Organisationen verbünden. Er war überzeugt, das verhasste monarchistische Regime nur auf diese Weise stürzen zu können. 70
Doch Prinz Pavle, der nach dem Tod seines Cousins die Regentschaft im Namen des minderjährigen Sohns Peter II. übernahm, gelang es, Herr der Lage zu werden, und es setzte sich die Überzeugung durch, dass den Kommunisten schwere Jahre bevorstehen würden und dass der Terror noch schlimmer werden könnte als in den Jahren 1929–1931. Daher sollten die leitenden Kader, unter ihnen auch Broz, wenn möglich das Land Richtung Sowjetunion verlassen, um sich dort auf kommende Staatskrisen vorzubereiten. 71
Vor seiner Abreise wäre Broz fast noch der Wiener Polizei in die Hände gefallen. Denn er wohnte illegal bei einer älteren Jüdin, deren Tochter versuchte, sich mit Gas zu vergiften. Broz rettete sie zwar in letzter Minute, doch die herbei gerufenen Gendarmen verlangten, seinen Ausweis zu sehen. Er entkam ihnen nur um Haaresbreite. 72
Das Land des siegreichen Proletariats, in dem er »Liebe, Kameradschaft und Aufrichtigkeit« 73am Werk sah, betrat er mit einem schmeichelhaften Empfehlungsbrief von Gorkić, der an Vladimir Ćopić–Senjko gerichtet war, einen der Gründer der KPJ und Vertreter der Partei bei der Komintern: »Er stellt den besten Teil unseres Arbeiteraktivs dar, und nach einiger Zeit (6–9 Monate) werden wir ihn zu Führungsarbeiten ins ZK aufnehmen.« 74Obwohl Ćopić in ihm einen möglichen Konkurrenten sah, beschaffte er ihm im fünften Stock des Hotel Lux, das im Stil der russischen Sezession gebaut war und dem vom einstigen Luxus nur der Name geblieben war, das Zimmer 275. Seit der Revolution hatte man in dem Hotel nach Moskau geflüchtete ausländische Kommunisten einquartiert. Hier wimmelte es von Ratten und es herrschte ein unangenehmer Kohlgeruch, der aus den zwei Gemeinschaftsküchen in jeder Etage kam. 75Broz’ erste Aufgabe bestand darin, seinen Lebenslauf niederzuschreiben, wie das bei der Komintern üblich war. 76Er musste ihn mehrmals schreiben, sodass die Beamten in der Kaderabteilung anhand der verschiedenen Versionen seine Glaubwürdigkeit überprüfen konnten. Auf Anordnung eines gewissen Jakubowitsch, Vertreter der sowjetischen Geheimpolizei (GPU) beim EKKI, und des bulgarischen Kommunisten Ivan Karaivanov–Špiner, Mitglied der Kaderabteilung, verfasste er anschließend detaillierte Charakterisierungen von sieben prominenten jugoslawischen Parteifunktionären, Gorkić eingeschlossen. Darin beschreibt er betont offenherzig die Tugenden, aber auch die Schwächen der zu beurteilenden Genossen, wobei er darauf achtete, über Ćopić, von dem er abhängig war, nur Positives zu sagen. (In Wirklichkeit hielt er ihn für einen »Waschlappen und Wichtigtuer«.) 77Zum Dank schlug Ćopić seinen Vorgesetz ten vor, Broz zur Erholung in ein Sanatorium zu schicken. Nach V. N. Bondarew, einem Historiker, der sich intensiv mit Titos Moskauer Jahren befasst hat, könnte mit »Sanatorium« allerdings auch die Lubjanka, der berüchtigte Sitz der Geheimpolizei, gemeint sein, wo die Agenten des NKWD neue Kader an warben. 78
Als Broz zurückkehrte, verbürgte sich Karaivanov am 21. Mai 1935 schriftlich dafür, »dass Broz im politischen Sinne volles Vertrauen verdient«. 79Das bestätigten sowohl Ćopić als auch der mächtige Direktor der Kaderabteilung, der Bulgare Georgi Damjanow, besser bekannt unter dem Parteidecknamen Below, obwohl dieser Broz gegenüber von allem Anfang an keine Sympathie hegte. Das Exekutivkomitee der Komintern empfahl daraufhin dem ZK der KPJ vor, den »Genossen Walter« – wie sie ihn tauften – als ihren »Politreferenten« im Balkansekretariat einzusetzen, das von dem bekannten deutschen Kommunisten Wilhelm Pieck geleitet wurde. Das ZK der KPJ stimmte diesem Vorschlag zu. 80
An der Spitze der Komintern stand zu dieser Zeit der legendäre Georgi Dimitrow, ein bulgarischer Revolutionär, der im Prozess um den Reichstagsbrand in Berlin angeklagt, aber wegen seines mutigen und wirkungsvollen Auftretens vor den deutschen Richtern freigesprochen worden war. Broz konnte sich bald Dimitrows Unterstützung gewiss sein: er galt ihm als durch und durch loyaler Kommunist, einer der wenigen Jugoslawen, der für die praktische Arbeit geeignet, wenngleich in der Theorie des Marxismus-Leninismus eher wenig beschlagen war. 81
Trotzdem wurde Broz vorübergehend Dozent im jugoslawischen Sektor der Internationalen Lenin-Schule und an der Kommunistischen Universität der Nationalen Minderheiten des Westens, und bald darauf auch Mitglied der Vertretung der KPJ bei der Komintern.
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