Die jugoslawische Diaspora in Moskau, die annähernd 900 Menschen zählte (allein die Mitglieder des ZK der KPJ brachten es in unterschiedlichen Gruppierungen auf nahezu fünfzig), war ähnlich zerstritten wie die Partei in der Heimat, es herrschten die gleichen Verhältnisse wie im »Zuchthaus«. 82Er mied, wie er später selbst erzählte, ihre Gesellschaft, teils weil er im Gefängnis die Einsamkeit liebgewonnen hatte, teils weil er sich bewusst war, dass man ständig darauf achten musste, was man sagte. »Besonders in Räumen mit einem Telefonapparat.« 83Er widmete sich voll und ganz seiner Arbeit und besuchte unter anderem auch Seminare in Führungstechnik und Konspiration, die die Komintern in Moskau abhielt. 84»Diese Zeit nutzte ich auf bestmögliche Weise zum Studium: Mein einziger Weg führte vom Hotel Lux zum Gebäude der Komintern, und vielleicht hat mich das davor bewahrt, unter Stalins Messer zu geraten.« 85Sein zurückhaltendes Auftreten bestätigt auch Ruth von Mayenburg, die Ehefrau des österreichischen Kommunisten Ernst Fischer, in ihren Erinnerungen an das Leben im Hotel Lux: »Tito bewegte sich durch die langen Korridore allem Vernehmen nach wie eine unscheinbare Maus. Keiner von den Nachbarn beachtete den stillen, bescheidenen Genossen, der mit kaum jemandem ein Wort wechselte, allein seiner Wege ging. Die Jugoslawen waren ohnehin eine konspirative Welt für sich, die fremden Genossen nur selten Einblick gewährte; selbst das Balkan-Sekretariat im Kominterngebäude an der Mochowaja arbeitete hinter verschlossenen Türen.« 86
Kaum drei Monate nach Broz’ Ankunft in Moskau war ein Attentat auf Sergei Kirow, den Leningrader Führer der WKP (B), verübt worden, was Stalin zu einer Welle von Säuberungen gegen die »Verschwörer«, führende Bolschewiken, nutzte. Es ist fraglich, ob Broz die Überzeugung der jüngeren jugoslawischen Kommunisten teilte, die im sicheren heimischen Untergrund dem Chefankläger bei den Moskauer Prozessen A. J. Wyschinski naiv jedes Wort glaubten und mit ihm jeden Verdächtigen zum Klassenfeind und trotzkistischen Spion erklärten. 87Broz selbst entging jedenfalls dem Verderben, obwohl einige »Charakteristiken «, die er über die Genossen verfasst hatte, sich nicht mit denen, über die der NKWD verfügte, deckten. 88
Vielmehr zog er Lehren aus Stalins Terror, vor allem in Hinblick auf den Mechanismen der Revolution und der Macht. Da er ihn als notwendiges Mittel zur Realisierung der neuen Gesellschaftsordnung sah, kompromittierte er sich moralisch und gab zugleich einen Ausblick auf die Leitlinien seines kommenden Wirkens. Milovan Đilas, der zunächst über viele Jahre Wegbegleiter Titos war und später zu einem seiner schärfsten Kritiker wurde, beschreibt die Metamorphose, die Broz in seiner frühen Moskauer Periode durchlebte, wie folgt: »Der Revolutionär Josip Broz […] begriff erst jetzt, dass revolutionäre Institutionen und Methoden, obwohl sie von der Idee nicht zu trennen sind, wichtiger sind als diese, ja sogar wichtiger als die Revolution selbst.« 89Savka Dabčeviċ-Kučar meint sogar, dass er sich im Namen der kommunistischen Moral in ihrer machiavellistischen Variante, nach der das Ziel die Mittel heiligt, den traditionellen Werten entfremdet hatte und sie mit Füßen trat: Anständigkeit, Loyalität, Freundschaft, Fair Play , Ehre – alles das sei für ihn nur kleinbürgerlicher Plunder gewesen. 90
Man muss Tito allerdings zugutehalten, dass er in einem Interview für die Zeitschrift Komunis t im April 1959 sagte, Stalin habe mit Hilfe der Komintern »die revolutionäre Physiognomie der Kommunisten zerstört und aus Kommunisten Schwächlinge gemacht«. 91Und natürlich auch das Zeugnis Edvard Kardeljs, der Mitte der Dreißiger mit Broz in Moskau zusammenarbeitete. Seinen Erinnerungen zufolge hat sich Tito in der Zeit des großen Terrors bemüht, möglichst viele jugoslawische Emigranten aus der Sowjetunion zur illegalen Arbeit in die Heimat zu schicken, oder – wenn sie jünger waren – in die internationalen Brigaden nach Spanien, wo Mitte Juli 1936 der Bürgerkrieg ausgebrochen war, um sie auf diese Weise vor dem Tod zu retten. 92Die Sowjetunion hatte nämlich beschlossen, die republikanische Regierung in Madrid gegen die rechtsgerichteten Generäle mit Francisco Franco an der Spitze zu unterstützen.
Broz machte sich diese Politik mit großem Eifer zu eigen, auch weil er der Meinung war, dass Spanien eine hervorragende Schule für Militär- und Politkader sein könne. So traten annähernd 1650 Jugoslawen in die Internationalen Brigaden ein, von denen fast die Hälfte bei der Verteidigung der Republik fiel. Damit konnte die KPJ auf ein größeres Kontingent an Spanienkämpfern zählen als alle anderen kommunistischen Parteien, und viele von ihnen stellten sich später an die Spitze des Partisanenaufstandes. 93
Im Juli und August 1935 nahm Broz am VII. »Weltkongress« der Komintern teil, und zwar als Delegierter mit beratender Stimme, obwohl nicht alle in der Führung der KPJ damit einverstanden waren. In dem mehrsprachigen Formular, das die Teilnehmer ausfüllen mussten, führte er auf die Frage, unter welchem Pseudonym er in der Partei arbeite, zwei Decknamen an: »Tito« und »Rudi«, und auf die Frage, unter welchem Pseudonym er am Kongress teilnehme, antwortete er: »Walter Friedrich«. »Tito« und »Walter« blieben unter den dreißig Pseudonymen, die er in seinem Leben benutzte, die wichtigsten für ihn. Er gab ein falsches Geburtsjahr an – 1893 statt 1892 – und schwindelte auch, als er auf die Frage nach seiner Bildung »niedere, teilweise mittlere« schrieb, und angab, seit 1910 »Mechaniker« zu sein. Auf diesem Kongress sah er zum ersten Mal auch Stalin, wenn auch nur von Weitem und flüchtig. Der zeigte sich nämlich nur ein- oder zweimal im Tagungssaal und saß hinter einer Marmorsäule. »Jetzt siehst du mich, jetzt siehst du mich nicht«, erinnerte sich Tito später belustigt an diese »Begegnung«. 94
Auf dem VII. Kongress der Komintern vollzog sich eine politische Wende: Moskau hatte nämlich beschlossen, dass man sich von der Doktrin, nach der die Kommunisten, die internationale Arbeiterbewegung keine politischen Verbündete haben könne, auch nicht unter den Sozialisten oder den Sozialdemokraten (die man bisher als »Sozialfaschisten« beschimpft hatte), verabschieden müsse. Angesichts des Aufstiegs der Nationalsozialisten in Deutschland war Moskau der Meinung, dass man nicht ohne Verbündete auskomme, sondern Allianzen schmieden müsse, sowohl mit den sozialdemokratischen wie auch mit katholischen und sogar nationalistischen und konservativen Parteien. Angestrebt werden sollte eine »Volksfront«, ein einheitlicher Block antifaschistischer Kräfte, in der Hoffnung, dass eine solche die Sowjetunion vor der von Hitler ausgehenden Gefahr schützen und die Voraussetzungen für die nächste Etappe der Revolution schaffen werde. In diesem Zusammenhang entstand auch die Überzeugung, dass für die Verteidigung der Heimat des Proletariats auch Jugoslawien von Nutzen sei. Das Land wurde nicht länger als Teil des Cordon sanitaire gegen den Bolschewismus, sondern gemeinsam mit den anderen jungen Staaten Mittelund Südosteuropas als Bollwerk der UdSSR gegen Hitler angesehen.
Obwohl man in der KPJ auf der Staatskonferenz im Dezember 1934 noch überwiegend der Meinung gewesen war, das Königreich der Karađorđevićs gehöre zerschlagen, akzeptierte die KPJ die neue Linie ohne Murren. Ihr ZK stellte fest, dass man dem Recht der Selbstbestimmung der Völker und dem Recht auf Abspaltung prinzipiell treu bleibe, dass es aber »in Hinblick auf die gegenwärtige internationale Lage« geboten sei, Jugoslawien am Leben zu erhalten. Jegliche entgegengesetzte Bestrebungen würden nur dem Faschismus und seinen Kriegsplänen zuarbeiten. 95Diesen Standpunkt erläuterte das Politbüro in einem Rundbrief, der an alle führenden Strukturen der KPJ gerichtet war, wobei es keinen offenen Widerspruch gab. Allerdings ließen sich die Vorbehalte gegenüber Jugoslawien im Bewusstsein zahlreicher »Genossen« nicht ohne weiteres ausräumen. 96
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