1 ...8 9 10 12 13 14 ...40 Dennoch folgte Gorkić seiner eigenen Linie: Ende Februar 1937 schickte er das Schiff La Corse , das man für 750 000 Fr. gechartert hatte, in jugoslawische Gewässer, damit sich die mehreren Hundert Freiwillige einschiffen konnten.
Doch die Gendarmerie hatte Wind von der Aktion bekommen und stoppte das Schiff in der Nähe von Budva. An die fünfhundert junge montenegrinische Bauern, die sich als Freiwillige gemeldet hatten, landeten im Gefängnis.
Das war der größte Schlag gegen die Linke, die der Belgrader Regierung jemals gelungen war. 119Das Unternehmen mündete in ein noch größeres Desaster, da Muck, der zusammen mit Breina Voss festgenommen worden war, gegenüber der Polizei umfassend aussagte.
Das Scheitern der Expedition wurde Gorkić und Broz angelastet und hätte Letzteren um ein Haar den Kopf gekostet. Später sagte Tito voller Verachtung, dass es Gorkić gewesen sei, der Muck in die Parteiführung berufen habe. »Stellt euch vor, er hat einen Menschen, der Besitzer oder Geschäftsführer eines Cafés in Budva war, zum ZK-Mitglied gemacht, obwohl er in der Partei völlig unbekannt war und keinerlei Qualifikationen besaß: Er war ein Kleinbürger.« 120
Nervös und erschöpft stürzte sich Broz wieder in seine Arbeit im jugoslawischen Untergrund. Obwohl er das Grauen des stalinistischen Terrors in Moskau kennengelernt und währenddessen jede Nacht erwartet hatte, von einem »unheilvollen Klopfen an der Tür« 121geweckt zu werden, war er noch immer von der Richtigkeit des sowjetischen Weges in den Sozialismus überzeugt, da ohne rücksichtslosen Kampf gegen den »Klassenfeind« die bestehenden Verhältnisse nicht grundlegend geändert werden könnten. 122
Da seit dem Prozess im Jahre 1928, als alle Zeitungen sein Foto abgedruckt hatten, nicht einmal zehn Jahre vergangen waren und er sich nicht sehr verändert hatte, begann er zur Tarnung sein Haar schwarz zu färben. Manchmal tat er das aber nicht besonders gründlich. Als ihn 1938 der junge Journalist Vladimir Dedijer bei ihrer ersten Begegnung in Belgrad mit den Worten »sie hätten dich entdecken können« ansprach, antwortete er unbekümmert: »Weißt du, ich war in Eile, außerdem hatte ich nicht genug Farbe.« Dass mit dem neuen Freund ihres Sohnes nicht alles stimmte, fiel auch Dedijers Mutter auf: »Der muss gefährlich sein, so einen hatten wir bisher noch nicht im Haus. Sieh mal! Er benutzt französische Zahnpasta und tschechische Seife!« 123
Aufsehen erregten bei Broz nicht nur die Toilettenartikel, sondern mehr noch der Umstand, dass er sein Leben lang Serbokroatisch mit einem nicht zu identifizierenden fremden Akzent sprach. 124Außer Deutsch und Russisch, die er allerdings auch nicht hundertprozentig beherrschte, sprach er mehr oder weniger gebrochen noch Französisch, Tschechisch, Ungarisch und Kirgisisch. In späteren Jahren verbesserte er auch sein Englisch, das er im Gefängnis zu lernen begonnen hatte, indem er The Economis t las. 125
Diese sprachliche Gewandtheit und zur gleichen Zeit Unsicherheit weckte immer wieder Zweifel an seiner wahren Identität. Und das nicht nur als Gerücht. Noch wenige Monate vor seinem Tod veröffentlichte die NSA in ihrem internen Bulletin »Cryptologic Spectrum« einen Artikel, in dem es hieß, dass aufgrund bestimmter phonologischer und morphologischer Eigenheiten seiner Sprechweise Tito in Wirklichkeit nicht Josip Broz sei, sondern ein Russe oder Pole, der vermutlich in den dreißiger Jahren dessen Identität angenommen habe. 126Dieser These lässt sich mit dem Argument widersprechen, dass eine Information über diesen Identitätswechsel in den Archiven der Komintern vorhanden sein müsste, was aber nicht der Fall ist. Das hielt aber auch die Sowjets nicht davon ab, Zweifel an Titos Identität zu verbreiten, wenn sie sich davon Nutzen versprachen. Im Jahre 1948, nach Titos Streit mit Stalin, behauptete Radio Moskva , der wahre Josip Broz sei 1915 an der russischen Front gefallen, seiner Uniform und seiner Papiere habe sich damals ein russischer Überläufer bemächtigt, und dabei habe es sich um einen »jüdischen Bourgeois« gehandelt.«Dieser Bourgeois aus Odessa, dessen Vater als Fellhändler die Leute betrog, dieser Abenteurer, der sieben Pässe besitzt, ist heute dabei, den Werktätigen Jugo slawiens das Fell über die Ohren zu ziehen …« 127
Von der kroatischen Hauptstadt aus organisierte Broz regelmäßige Treffen in Samobor, achtzehn Kilometer westlich von Zagreb, wo es keine politische Polizei gab, sondern nur Gendarmen, die unerfahrener im Kampf gegen Kommunisten waren. 128Zu diesen Treffen kamen vor allem jüngere Leute, die ihn schon damals »Stari« – ›Alter‹ nannten. Diesen Beinamen, dessen Verwendung nur Genossen aus dem engeren Kreis erlaubt war, hatten zwei Belgrader Studenten eingeführt, Milovan Đilas, der aus einer bescheidenen montenegrinischen Familie stammte, und Ivo Lola Ribar, Sohn eines angesehenen Zagreber Anwalts und Politikers, des ersten Parlamentspräsidenten des SHS-Staates. 129Letzterem hatte Broz die Leitung des SKOJ anvertraut, der Jugendabteilung der Partei, die zu diesem Zeitpunkt keinen Sekretär hatte, und ihn bald darauf in seinen engsten Mitarbeiterkreis aufgenommen. Zwischen den drei Männern entwickelte sich eine Symbiose, die, wie Đilas sagt, fast Züge »familiärer Blutsbande « hatte. 130
KOMMISSARISCHE FÜHRUNG DER KPJ UND DER SPANISCHE BÜRGERKRIEG
Die Diktatur König Aleksandars und die politische Krise nach seiner Ermordung hatten den Kommunisten regen Zulauf von Gymnasiasten und Studenten beschert. Sie störten sich nicht an den Nachrichten vom stalinistischen Terror, sofern sie überhaupt etwas von ihm mitbekamen. Sie waren unreife Intellektuelle, Idealisten, utopische Schwärmer, die in Broz ihren Führer gefunden hatten. 131»Der Alte ist der wertvollste Mann unserer Partei!«, hieß es unter ihnen. 132So hatte Broz, wie wir aus Berichten von Zeitgenossen wissen, auch mehr Vertrauen in Wohnungen, die ihm von Angehörigen des Jugendverbandes besorgt wurden, als in solche, die ihm Parteimitglieder organisiert hatten, nicht zuletzt, da es in Letzteren häufig zu Verhaftungen kam. 133
Überzeugt, sich der Sektierer entledigen und die Mitglieder nach neuen Kriterien auswählen zu müssen, begann Broz junge Kommunisten um sich zu scharen. Neben Đilas und Ribar war unter den Ersten, die er in seinen Kreis aufnahm, der serbische Arbeiter Aleksandar Ranković (Leka), der gerade seinen Militärdienst abgeleistet hatte. 134Ihnen schloss sich noch der slowenische Junglehrer Edvard Kardelj an, den Broz bereits aus Ljubljana und Moskau kannte. Zwischen ihnen und dem »Alten« entwickelte sich ein kameradschaftliches Verhältnis, das in einem entschiedenen Gegensatz zu dem Umgangston stand, der sonst innerhalb der Komintern üblich war. Tito sagte gern: »Wenn jemandem ein Fehler unterläuft, finde für den Betreffenden ein passendes Wort, aber vernichte ihn nicht. Denn das schafft Vertrauen.« 135
In der Gruppe der jungen Zagreber Linken traf Broz auch seine neue Liebe, Herta Haas, eine hübsche Studentin der Höheren Handelsschule, die deutscher Herkunft war und aus Maribor stammte. Über sie knüpfte er Kontakte zu intellektuellen Kreisen in der kroatischen Hauptstadt, in denen auch der angehende Rechtsanwalt Vladimir (Vlatko) Velebit verkehrte, einer seiner wichtigsten Mitarbeiter der Zwischenkriegs- und Diplomaten der Nachkriegszeit. 136Mithilfe dieser aufstrebenden Kommunisten oder Sympathisanten der Partei organisierte Broz Streiks in der Werft von Kraljevica und in Trbovlje, die in Unternehmerkreisen ganz Jugoslawiens große Unruhe auslösten. Unter diesen wurde er zu einem gefürchteten Agenten der Komintern: Er heiße Brosz, sei Sohn eines tschechischen Juden und einer Ungarin, habe während des Krieges in der österreichischen Armee gedient und sei in russische Gefangenschaft geraten. So jedenfalls erzählte es A. S. Howie, ein Schotte, der zu dieser Zeit das Bergwerk in Trepča leitete, der britischen Schriftstellerin und Reisenden Rebecca West. 137
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