Sie hatte keine Bücher darüber gelesen und wusste nicht genau, welche Bedeutung eine solche Rolle hat. Doch sie wurde weiterhin von den Geistwesen geführt, die ihr erschienen. Ihr wurde gesagt, sie sei eine von zwölf Weisheitshütern, die zu dieser entscheidenden Zeit auf der Erde leben. Jeder dieser Weisheitshüter sei von Kindheit an von Mutter Erde unterwiesen worden. Sie hätten alle dieselben Informationen und Botschaften erhalten, obwohl sie unterschiedliche Rollen auszufüllen hätten. Kiesha sei fähig, zu spüren, wenn etwas mit Mutter Erde geschieht, wenn sie sich verändert oder bewegt, wenn sie verletzt oder auf andere Weise stark beeinflusst wird. Wie die anderen Weisheitshüter sei auch Kiesha dafür verantwortlich, bestimmte Kristalle wieder in die Erde zurückzugeben, um die Ley-Linien bzw. Kraftlinien und das Energienetz der Erde zu stärken, bevor die große Wandlung geschieht. Aber vor allem obliege es ihr, eine Botschaft zu verkünden, um den Kindern der Erde zu helfen, sich daran zu erinnern, wer sie sind. Kieshas besondere Aufgabe bestehe darin, Menschen aus allen Ländern zusammenzubringen, diesen Stamm der vielen Farben zu versammeln, um das Bewusstsein auf dem Planeten Erde zu verändern.
All dies kam so plötzlich, dass Kiesha völlig verblüfft war. Sie hatte Mühe, es zu begreifen. Sie musste viel beten, um zu verstehen, was das alles bedeutete und worum sie hier gebeten wurde. Ob sie das schaffen würde? Redeten die wirklich über sie? Lag da vielleicht eine Verwechslung vor? Sie wusste, ihr Leben würde nicht mehr ihr selbst gehören, sie müsste aus der Anonymität treten und über ihre Erfahrungen, ihre Kindheit, ihre Visionen und Visitationen reden. Sie würde zum ersten Mal in ihrem Leben exponiert sein und sichtbar in Erscheinung treten. Was, wenn sie versagte? Sie würde sich auf das Unbekannte einlassen müssen, doch sie würde sich auch endlich der Aufgabe ihrer Seele stellen. Tief in ihrem Inneren hatte sie immer gewusst, dass sie hier eine große Aufgabe hatte. Nach all den Jahren, in denen sich ihr Leben irgendwie nicht ganz richtig angefühlt hatte, ergab plötzlich alles einen Sinn: warum sie als Kind bestimmte Dinge erleiden musste und gelernt hatte, mit Mutter Erde zu sprechen, warum sie diese Lehren erhalten hatte – all das diente dazu, sie vorzubereiten!
Nachdem sie einige Wochen lang gebetet und ihre Seele erforscht hatte, nahm Kiesha den Weg an; sie war bereit, Schamanin zu werden. Sie wurde durch die Zeremonie der Einweihung geführt, zu der Fasten, Gebete und bestimmte Rituale gehören. Sie lernte, zu beten und Heilungen und Zeremonien durchzuführen. Sie musste in sehr kurzer Zeit sehr viel lernen. In diesem ersten Jahr wurde ihr schmerzlich bewusst, wie wenig sie vorbereitet war. Warum sollte sie all dies tun, wo sie doch fern aller indianischen Traditionen aufgewachsen war, ohne eine andere Vorbildung als das, was sie direkt von Spirit gelernt hatte? Sie musste darauf vertrauen, dass es einen Grund dafür gab und dass Spirit und die Ahnen wussten, was sie taten. Sie betete darum, alles richtig zu machen und offen zu sein, damit Spirit ihr alles Notwendige mitteilen und ihr helfen konnte, wenn ihr Wissen nicht ausreichte.
In den folgenden Monaten erlebte sie eine Reihe synchronistischer Phänomene. Geschenke, Briefe und »Medizin« kamen per Post aus aller Welt von Menschen, die sie erkannt hatten, adressiert an ihren neuen Namen: Little Grandmother. Sie erhielt Postkarten, Medizinschilde und Zeremonialstäbe von Menschen aus den USA, aus Kanada, Australien, Afrika und Südamerika. Ein australisches Paar hatte von verschiedenen indigenen Stämmen gesagt bekommen, dass sie eine Medizin für die weiße Frau namens Little Grand-
mother anfertigen sollten. Mit größter Sorgfalt, vielen Gebeten und unter intensiver spiritueller Anleitung fertigten sie für sie verschiedene Schilde mit bestimmten Motiven und Schutzsymbolen an und bauten eine heilige Erdtrommel, die sie zum Gebet und für die Verbindung zu den Ahnen verwenden sollte.
Als Kind hatte Kiesha oft in der Wildnis Zuflucht gesucht und unter den Geschöpfen der Wildnis, den Bäumen und Pflanzen eine Familie gefunden. Sie erlebte direkt, was in der modernen Zivilisation nur wenigen vergönnt ist: dass Mutter Erde ein lebendiges Wesen ist und Spirit uns in der lebendigen Welt überall umgibt, wenn wir nur hinschauen und hinhören. Als Kind wurde sie von der »anderen Seite«, wie sie es nennt, durch Stimmen und Geistwesen unterwiesen. Sie lernte auch durch eine Art inneren Bildschirm, der ihr erschien und ihr Bilder von Personen, Orten, Ereignissen und Symbolen zeigte. Sie fühlte sich anders als die Menschen um sie herum und fragte sich oft, ob sie vielleicht ein bisschen verrückt sei. Ich glaube, viele von uns kennen dieses Gefühl der Entfremdung aufgrund unserer spirituellen Erfahrungen und Erkenntnisse, vor allem wenn sie nicht zu den religiösen Überzeugungen unserer Erziehung oder Kultur passen.
Was Kiesha Crowther auf ihrem Weg, Little Grandmother zu werden, durchleben musste, ist eine bewegende universelle Geschichte vom Glauben an und Vertrauen in die eigene Bestimmung. Sie erzählt von den Zweifeln, der Verwirrung und dem Schmerz, die mit unserer spirituellen Reifung einhergehen, um zu werden, wer wir wirklich sind. Sie zeigt, dass die Dinge, die uns widerfahren, in einem größeren Zusammenhang stehen, als wir uns vorstellen können – und dass unser Ringen und die Wunden, die wir erlitten haben, uns tiefer für spirituelle Führung und die Schönheit des Lebens öffnen können. Für mich ist das eine machtvolle Dimension ihrer Geschichte und ihrer Botschaften. Vielen von uns, die keine direkten Übertragungen von Spirit empfangen, kann dieser Aspekt ihrer Geschichte helfen, andere, eher esoterische Aspekte zu erden. Es hilft, sie aus dem Bereich des »Kann man glauben oder auch nicht« herauszuheben.
Während meiner Bekanntschaft mit Kiesha habe ich mit eigenen Augen Dinge gesehen, die ich sonst vielleicht bezweifelt hätte. Ich war anwesend, wenn Kiesha von Spirit Informationen erhielt, habe diese Botschaften sogar manchmal selbst niedergeschrieben, während sie durchkamen. Manche dieser Informationen waren unglaublich spezifisch, erwähnten Orte, von denen sie nie gehört hatte und die man auch kaum hätte erfinden können, wie zum Beispiel Pumapunku. Als sie esoterische Informationen über das Wesen und den Zweck dieses uralten Ortes empfing, der uns beiden völlig unbekannt war, bezweifelte ich, ob wir ihn auf irgendeiner Landkarte finden würden. Doch es ist ein Ort in Bolivien, und wir fanden Berichte über seine H-förmigen Bausteine, genau wie Kiesha sie auf ihren Notizblock gezeichnet hatte.
Manchmal hatte sie detaillierte Visionen eines Erdrutsches oder eines Erdbebens in einem anderen Land, und wenn wir am nächsten Tag die Nachrichten durchsahen, war tatsächlich genau dort eine Katastrophe passiert. Manchmal erschienen ihr mitten am Tag Geistwesen. Während einer Heilsitzung konnte es geschehen, dass ein verstorbener Verwandter der Person auftauchte und ihr ganz spezifische Informationen übermittelte. Sie konnte den oft tränenüberströmten Betroffenen die Verwandten genau beschreiben, was sie anhatten und was sie sagten. Ich hatte von solchen Dingen bis dahin nur gelesen oder im Fernsehen gehört. Kiesha kann diese Phänomene nicht willentlich steuern. Es scheint zu geschehen, wenn die Geisteswelt die Kommunikation für nötig erachtet. Ich bin zwar immer eine spirituell Suchende gewesen und habe lange meditiert, aber so etwas hatte ich noch nicht erlebt. Diese Ereignisse bewiesen mir unwiderlegbar die Existenz der geistigen Welt und Dimensionen der Wirklichkeit, die weit jenseits dessen liegen, was die meisten von uns in ihrem Alltag erleben.
Kiesha und ich lernten uns 2006 in einem Frauen-Retreat-Zentrum in Crestone in Colorado kennen. Wir erkannten einander sofort als Seelenfreundinnen, und ich habe seitdem die Ehre, eine unmittelbare Zeugin ihrer Reise zu sein. Im Rückblick war dieses Retreat der Start für Kieshas Weg, wirklich zu Little Grandmother zu werden. Es war das erste Mal, dass sie ihre dörfliche Herkunft hinter sich ließ und an einem alternativen, spirituellen Retreat teilnahm, und zwar unter Frauen. Es war eine große Offenbarung für sie. Zum ersten Mal stand sie öffentlich zu dem, was sie war, und fühlte sich sicher genug, um über einige ihrer Erfahrungen zu sprechen.
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