Entschlossene Arbeit macht hungrig. Dass dabei im Überschwang der Freude auch manches Maß verloren geht, sieht man an der üppigen Körperfigur des verheirateten Luthers. Ein verwandter Großneffe wird in den Analen als „Georg der Dicke“ beschrieben. Offenbar liegt auch etwas Maßloseses, Ungebremstes in den Genen der Familie, ein Hang zur Leibesfülle.
Der Bauer kennt das Ernteglück, aber er weiß auch um die andere Seite, den „Fluch“, der die Schöpfung durchzieht. Eine schöne und gleichzeitig schwere Welt, die dem Schöpfer wie ein tönernes Gefäß durch menschlichen Hochmut entglitten zu sein scheint. Das Wunder zeigt sich dem Landwirt nun in einer eigentümlichen Gebrochenheit: Ernte und Hunger, Sonne und Hagel, Kraut und Unkraut, Geburt und Tod. Er erlebt die Sünde nicht als harmlosen moralischen Defekt, sondern als wirkmächtige Tatsache, die der ganzen Schöpfung wie eine Klette „am Hals“ liegt. Ein substantieller, bäuerlicher Realismus, der Luther in seinem Reden und Denken prägt.
Luthers Sprache ist alles andere als „professoral“. Er schaut „dem Volk aufs Maul “. Er neigt zu emotionsgeladenen Formulierungen, zu drastischen Bildern aus dem ländlichen Umfeld. Sein Vokabular ist reich an beleidigenden Ausdrücken. Nichts für den Hörsaal. Die Hölle vergleicht er mit einer „Kloake“, dem Teufel will er nicht „einen Furz schenken “ und die Kardinäle sind für ihn schlichtweg „Scheißdreck “. Das ist nicht die feine englische Art, sondern ätzende Fäkalsprache aus der untersten Schublade. Steckt dahinter eine schlechte Kinderstube? Ist er eben doch „ein ungehobelter Bauer“? Nein, es ist gezielte Absicht. Seine anschauliche Sprache erreicht die Menschen über Milieugrenzen hinweg. Die leibhaften Formulierungen geben den Sprachlosen eine Stimme. Mit Analrhetorik macht er das Abgründige seine Gegner plastisch. Durch das Fassbare seiner Sprache macht er deutlich: Das Beschriebene ist ekelhafte Realität. Man spürt seine Schmerzen. Es ist Kampfvokabular gegen den Teufel und all diejenigen, die mit ihm im Bunde stehen. Sein theologisches Erkennen wird im Leiblichen festgemacht. Die australische Historikerin Lyndal Roper fasst es so zusammen: „Luther denkt durch seinen Körper hindurch.“
Und wenn Luther das christliche Ethos beschreibt, wenn er feststellt, dass ein Christ „niemandem untertan“ ist im Glauben, aber „allen untertan “ durch die Liebe, wenn er Freiheit und Verantwortung zu Zwillingsschwestern erklärt, sieht er da nicht seinen Großvater vor sich? Ein unabhängiger Bauer, der nur einem Herrn verpflichtet ist. Diese Beziehung zu dem einen Herrn macht ihn frei gegenüber den Ansprüchen der vielen kleinen „Herrlein“. Diese Beziehung verpflichtet ihn aber auch zur Schuldigkeit gegenüber jedermann, zum gerechten Umgang mit seinem Nächsten.
Der Weg nach Möhra ist der Weg zur Quelle. Ein Ort, an dem Unterirdisches ans Tageslicht kommt und Verborgenes offenbar wird. Wie groß ein Fluss auch werden mag, die Quelle lebt doch stets in ihm weiter.
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