Anthropozentrisch:den Menschen in den Mittelpunkt stellend
Automatismen:spontane Reaktionen oder Verhaltensweisen.
Behaviorismus:Theorie der Wissenschaft des menschlichen und tierischen Verhaltens. Das Gehirn wird dabei als „Black Box“ angesehen, deren innere Prozesse nicht von Interesse sind. Verhalten wird als Ergebnis von verstärkenden und abschwächenden Faktoren aufgefasst.
Deterministisch:ein Ansatz, der vorschlägt, dass jedes Verhalten durch Vorhergegangenes verursacht wird und somit vorhersehbar ist.
Dialogisch:sich auf den Dialog beziehend oder durch diesen gekennzeichnet sein.
Hierarchischer Fokus:Tendenz, sich auf die Rangordnung zu konzentrieren.
Hybridisierung:Erfahrungen mischen; eine Erfahrung teilen, inspiriert werden durch die Wahrnehmung und den Standpunkt eines anderen.
Kognition, kognitiv:Gesamtheit aller Prozesse, die mit dem Wahrnehmen und Erkennen zusammenhängen, kognitiv: das Wahrnehmen, Denken, Erkennen betreffend
Komplementarität:sich gegenseitig ergänzend
Limbisches System:besteht aus Gehirnstrukturen, die an Emotionen beteiligt sind. Zu diesen Strukturen gehören die Amygdala, der Hippocampus und der Thalamus.
Propriozeption:Sinnesinformationen, die zum eigenen Empfinden, zu Körperhaltung und Bewegung beitragen.
Reduktionistisch:die Praxis der Vereinfachung einer komplexen Idee, eines Problems und Bedingung.
Speziesismus/Antispeziesismus:Speziesismus beinhaltet die Zuordnung verschiedener Werte, Rechte oder besondere Rücksichtnahme sowie die moralische Diskriminierung von Lebewesen ausschließlich aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Vertreter des Antispeziesimus sprechen sich deshalb für eine Ausweitung der Ablehnung aller Diskriminierung aus und stellen den Speziesismus dem Sexismus und Rassismus gleich.
Soziokognitiv:Kognition ist Teil eines Individuums – eines Subjektes, das Informationen braucht, um seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Die Möglichkeit, Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und zu produzieren bedeutet, sich weiterzuentwickeln, Kongruenz mit sich selbst zu erreichen, Selbst-Erfahrung und Selbst-Bewusstsein zu erleben, und steht im Kontrast zur Reaktion einer neo-behavioristischen Maschine. Gefühle des Wohlergehens gehören nicht einem Gehirn oder einem physiologischen System, sondern einem Tier als Ganzem. Für soziale Tiere wie Pferde bedeutet dies, in einer gemeinsamen Kultur zu wachsen, in einer kontinuierlichen Evolution des gemeinsamen Lebens.
Trost:Versöhnendes Verhalten und Teil der Kategorie der Zugehörigkeits-Verhaltensweisen.
Dieses Buch ist kein Handbuch. Es gibt viele Handbücher über Pferde und darüber, wie sie eingesetzt und auf welche Art und Weise sie ausgebildet und konditioniert werden.
„Equus Lost?“ widmet sich Pferden als fühlenden und soziokognitiven Lebewesen, ihrer Wahrnehmungswelt, ihrem Wissenserwerb, ihrem Verständnis für die Umwelt und ihren sozialen Fähigkeiten untereinander und gegenüber dem Menschen. Dieser Blickwinkel ist notwendig, da das Verhalten von Pferden bisher nach konventionellen Denkschemata hauptsächlich im Kontext von Behaviorismus und klassischer Ethologie (der wissenschaftlichen und objektiven Untersuchung des Verhaltens von Tieren) erklärt wurde. Diese Interpretationen haben die Art und Weise geprägt, wie wir Pferde betrachten und wie wir ihr Verhalten erklären, sowohl im Zusammenleben als auch in ihrer Beziehung zu Menschen.
Im täglichen Leben verursachen viele Dinge – fälschlicherweise als selbstverständlich angesehen – all die Missverständnisse, denen Pferde täglich mit Menschen auf der ganzen Welt begegnen und umgekehrt.
Die Art und Weise, wie Pferde im sozialen Kontext leben, wie sie daraus lernen und wie sie Informationen aus ihrer Umgebung und ihren Interaktionen sammeln, wird häufig immer noch als unwichtig bewertet, was zu einem Mangel an angemessenem Verständnis für ihr Wohlbefinden führt. Wir müssen von einem kognitiven Standpunkt aus ein besseres Verständnis für die Pferde entwickeln, um Wissen und Erkenntnisse zu bieten, die ihr Wohlbefinden verbessern und mehr Transparenz in der Beziehung zwischen Pferd und Mensch ermöglichen. Dieses Buch ermutigt dich dazu, viele Überzeugungen, die von Generation zu Generation in der Pferdekultur weitergegeben wurden, über Bord zu werfen, weil gerade diese Überzeugungen unsere Wahrnehmung trotz bester Absichten einschränken. Es lädt dich ein, Dinge von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten und so das individuelle und soziale Verhalten von Pferden, ihre emotionalen Bedürfnisse, ihre sozialen Kontakte untereinander und ihre soziale Beziehung zum Menschen, anders einordnen zu können.
Eine solch neue Wahrnehmung ermöglicht es dir, deinen Horizont zu erweitern und ein Bewusstsein zu entwickeln, das zeigt, dass du lernen kannst, dir der Welt der Pferde und deren Dialog, mit allem, was sie umgibt, bewusst zu werden. Dieser Lernprozess, Dinge anders zu betrachten, ermöglicht die Entwicklung eines neuen Verständnisses. Noch wichtiger ist, dass darüber das Bewusstsein für die kognitiven Fähigkeiten des Pferdes in dein tägliches Leben einfließt, dein Wunsch, mehr darüber zu erfahren, gefördert wird und du dich auch mit philosophischen Fragen auseinandersetzen wirst.
Modell des soziokognitiven Lernens (SCL-Modell)
Anthropozentrischer Ansatz
Die Beziehungen zwischen Tieren und jene zwischen Tieren und Menschen werden oft durch anthropozentrische Projektionen und Interpretationen erklärt.
„Equus Lost?“ entführt dich in eine Dimension, in der Beziehungen frei von Spannungen sind – es geht weder um Führung noch um Dominanz oder andere Kontrollhypothesen. Es handelt sich um eine Dimension, die auf dem Wissen des sozial ausgeglichenen Geistes des kognitiven Pferdes basiert, das neugierig und angetrieben von seiner eigenen inneren Motivation ist, die Welt zu erforschen und zu verstehen, einschließlich seiner Beziehung zum Menschen. Dieses Buch zu lesen bedeutet, sich auf eine Reise zu begeben, um sich des tierlichen Verstandes sowie dessen Emotionen und Absichten bewusst zu werden. Vorgestellt werden das Konzept und die Prinzipien des soziokognitiven Modells, das die Elemente und Grundlagen der Entwicklung einer wechselseitigen Beziehung zwischen Pferd und Mensch sowie die Erkennung und Berücksichtigung der soziokognitiven Fähigkeiten des Pferdes erklärt.
Es ist keine leichte Reise, weil auf ihr viele der universellen Überzeugungen, von denen wir in unseren Beziehungen zu Pferden und anderen Tieren ausgehen, widerlegt werden. Sie wird uns dazu bringen, nicht nur uns selbst, unsere Automatismen und unser Routineverhalten im Umgang mit Pferden zu hinterfragen, sondern auch unsere Beziehungen im Allgemeinen.
Gleichzeitig schafft sie Raum für mehr Ausdruck, Inspiration und neue Einblicke. Tatsächlich kann diese Reise von großem Nutzen sein, insbesondere für Studenten, die etwas über Kognition, Emotionen und soziale Lernaspekte erfahren möchten, Lehrer, die ihren Schülern eine neue Sichtweise anbieten möchten, Pferdeliebhaber, die gerne mehr über interspeziesistische Beziehungen lernen möchten, Pferdebesitzer, die die soziokognitiven Herdendynamik verstehen möchten, Menschen, die an einer anderen Message interessiert sind, für Fachleute, die neugierig sind, welche Bedeutung kognitive Fähigkeiten und affiliatives Verhalten haben, für Pferdewissenschaftler, die einen Schritt weitergehen möchten im Hinblick auf Studien zur Lebensqualität von Pferden und Menschen, und für Menschen, die sich für die Entwicklungen des menschlichen Zusammenlebens mit anderen Tieren interessieren.
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