1 ...8 9 10 12 13 14 ...21 Nach einer Stunde erreichten wir die türkische Grenzkontrolle, alle stiegen aus, die Pässe wurden gestempelt. Dann sollte es eigentlich weitergehen. Alle saßen wieder auf ihren Plätzen, aber es rührte sich nichts. Wir warteten und warteten. Weder der Busfahrer noch der Busführer waren da. Erst nach knapp anderthalb Stunden kam einer von ihnen zurück, um uns mitzuteilen, dass der Bus aus rechtlichen Gründen nicht zur Ausreise zugelassen wurde. Zufällig kam nur fünf Minuten später ein zweiter, halb leerer Bus vorbei, der ebenfalls Richtung Damaskus unterwegs war. Dieser gehörte jedoch einem anderen Busunternehmen, was zu dem Zeitpunkt aber noch niemand wusste. Klar wurde das spätestens, als der Busführer begann, das Geld für die Fahrt zu kassieren. Da befanden wir uns bereits im Niemandsland zwischen dem türkischen und syrischen Grenzposten. Die meisten weigerten sich, ein zweites Mal für die Fahrt zu bezahlen. Bald entbrannten hitzige Wortgefechte zwischen dem Busführer und den einzelnen Fahrgästen. Der eine Teil war arabischer, der andere türkischer Abstammung, das konnte man deutlich an ihren Gesichtern und unterschiedlichen Kleidungsstilen erkennen. Der Busführer musste deshalb mal auf Arabisch, mal auf Türkisch um sein Geld kämpfen. Erst als er drohte, den Bus anzuhalten und zahlungsunwillige Passagiere aussteigen zu lassen, gaben die meisten nach. Bis zu mir kam er nicht mehr. Wir hatten den syrischen Grenzposten erreicht.
Alle stiegen aus und machten sich auf den Weg in die Schalterhalle des großen kastenförmigen Grenzgebäudes. Nur zwei der acht Schalter hatten geöffnet. Davor großes Gedränge. Während ich überlegte, an welchem ich mich anstellen sollte, kam der Busführer zu mir geeilt.
»Schnell, schnell! Bus fährt!«, rief er in gebrochenem Englisch. Natürlich hätte ich den Bus ohne mich fahren lassen können; aber ich hatte noch keine Ahnung vom Einreiseprcedere und hoffte, irgendwie über die Grenze zu kommen.
Zu meiner Verwunderung sah es anfangs gut aus. Etwa einen Kilometer nach der Grenze wurde der Bus jedoch von der Grenzpolizei kontrolliert. Schwer bewaffnet gingen die Polizisten durch die Reihen von Sitz zu Sitz. Bei mir angelangt, verglich einer mein Gesicht mit dem Passfoto. Dann blätterte er zu den Amtsvermerken.
»Wo ist Ihr Visum?«, fragte er. Es hörte sich nicht so an, als spräche er oft Englisch. Diesen Satz aber konnte er.
»Äh … ich weiß nicht, ist das nicht … « Er wartete nicht, bis ich ausgesprochen hatte, sondern rief etwas zu seinem Kollegen an der Tür.
»Aussteigen!«, befahl er. Meinen Reisepass behielt er.
Enttäuscht griff ich meine Sachen und stieg aus. Der Bus fuhr ohne mich weiter. Ich stand auf der staubigen Schotterstraße, während ein Polizist meine Personalien aufnahm.
Dann wurde ich wieder zurück zur Grenze gebracht. Sie übergaben mich dem Chef der Grenzpolizei, um für ein Visum vorzusprechen – zum Glück ohne weitere Konsequenzen. Nun musste ich allerdings zwei Stunden warten. Weil der Chef selbst nicht anwesend war, wurde ich in das Büro seines Stellvertreters gebracht, bekam ein Glas Tee angeboten und erfuhr, dass »danke« auf Arabisch »schukran« heißt.
Dann trat ein großgewachsener Mann ein und setzte sich hinter den Schreibtisch. Er hatte strenge, tiefliegende Augen und einen buschigen Schnauzer. Der junge Polizist nahm augenblicklich Haltung an, und auch ich hatte plötzlich das Gefühl, aufstehen zu müssen. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, deutete er mir mit einer Handbewegung an, wieder Platz zu nehmen, und vertiefte sich in einen Blätterstoß auf seinem Schreibtisch. Als er ihn durchgelesen und unterschrieben hatte, blickte er zu mir auf und winkte mich zu sich.
Er fing mit mir zu sprechen an, doch ich verstand nichts. Der junge Polizist unterbrach ihn, offensichtlich mit der Bemerkung, dass ich kein Arabisch verstehe, worauf sich der stellvertretende Polizeichef über den Schnurrbart strich, räusperte und nach einer kurzen Pause auf Englisch fragte: »Sprechen Sie Englisch?«
»Ja«, antwortete ich.
»Und Sie kommen aus Deutschland?«
»Richtig«
»Schön«. Er blätterte in meinem Reisepass.
»Was arbeiten Sie?«
»Also im Moment gar nichts, ich bin nur Tourist. Davor hatte ich allerdings mal ein kleines Geschäft für Obst und Gemüse und so, aber die meiste Zeit verbrachte ich eigentlich … «
»Okay, okay, okay … genug. Wieso wollen Sie nach Syrien?«
Um nach Israel zu kommen, dachte ich.
»Um mir das Land anzusehen«, sagte ich. So viel hatte ich bereits gelernt: in arabischen Ländern nichts von Israelplänen erzählen.
»Für wie lange?«
»Hm – vielleicht so ein bis zwei Wochen. Macht das denn irgendwelche Unterschiede?«
»Wie viel Geld haben Sie dabei?«
Wie viel Geld ich dabei habe? Was geht ihn das denn bitte an, fragte ich mich, und befürchtete, Bestechung zahlen zu müssen, um an ein Visum zu kommen.
»Nicht sehr viel«, antwortete ich und hoffte, er sei damit zufrieden. Stattdessen beugte er sich nach vorne über seinen Schreibtisch und sah mir eindringlich in die Augen.
»Wie viel?!«
Mir wurde mulmig. In meiner Hosentasche befanden sich in einer kleinen Plastiktüte umgerechnet knapp 35 Euro, vorwiegend in Türkischen Lire. Das meiste Geld jedoch, 150 Euro, hatte ich im Geheimfach meines Gürtels versteckt. Ich zog die Plastiktüte aus der Tasche und begann, das Geld zu zählen.
»Ich habe genau 64 Lire und 95 Kurus, sowie acht Euro und fünf Cent«, antwortete ich.
»Ist das alles?«, wollte er wissen.
»Ja«, sagte ich und versuchte, so ruhig wie möglich zu bleiben. »Das ist alles.«
Soll er mir mein Geld eben abnehmen! Die 150 Euro finden sie niemals, und das reicht locker bis nach Israel.
»Kreditkarte oder Ähnliches?«
»Nein.«
»Nein?! Travellerschecks oder sonstige Möglichkeiten, an Geld zu kommen?«
»Nein«, antwortete ich. »Gar nichts.«
Damit lehnte er sich wieder zurück in seinen Sessel. Er atmete tief durch.
»Was ist das?«, fragte er und deutete auf den Gitarrenhals, der aus dem Rucksack ragte.
»Eine Gitarre«, sagte ich.
»Können Sie spielen?«
»Geht so.«
»Spielen Sie etwas!«
»Wie – hier … und jetzt?!«
»Na klar!« Er lehnte sich zurück und verschränkte seine Hände hinter dem Kopf.
Mir blieb nichts anderes übrig. Blackbird , Paul McCartney – damit kann man nichts falsch machen, dachte ich. Fühlte sich ziemlich beschissen an, auf Befehl Musik zu machen. Noch während ich die ersten Töne zupfte, fing der stellvertretende Polizeichef an, mit seinem Untergebenen zu reden. Erste Strophe, ich begann zu singen, was sie offensichtlich herzlich wenig interessierte. Die beiden ließen sich in ihrem Gespräch nicht im Geringsten stören.
»Genug jetzt! Packen Sie Ihre Gitarre wieder ein.«
Ich packte sie ein und bekam meinen Reisepass zurück.
»Wir können leider nichts für Sie tun«, sagte er. »Sie müssen nach Ankara zur syrischen Botschaft und dort ein Visum beantragen.«
»Aber – das ist doch viel zu weit weg!«, platzte es aus mir heraus. Eigentlich war klar, dass ich damit nichts mehr erreichen konnte. Er ging gar nicht auf meine Bemerkung ein.
»Haben Sie noch weitere Fragen?«
Oh ja, die hatte ich! Warum ich zum Beispiel stundenlang warten musste, nur um zu erfahren, dass er nichts für mich tun könne? Oder wie viel Geld man dabeihaben müsse, um ein Visum zu bekommen? Oder ob er mehr auf Stones als auf Beatles stehe? Irgendwie musste ich eine andere Lösung finden, um den weiten Weg nach Ankara zu vermeiden.
Ich verließ die Grenze und fuhr zurück nach Antakya. Eine Gruppe türkischer und syrischer Kleinkrimineller nahm mich in ihrem Bus kostenlos mit. Sie schmuggelten hochprozentigen Alkohol und Zigaretten von Syrien über die Grenze, doch wurde mir das erst bei der Ankunft in einem düsteren, abgelegenen Viertel Antakyas klar. Mittlerweile war es dunkel geworden. Wir warteten. Keiner stieg aus. Zwei Wagen fuhren vor, um die Ware entgegenzunehmen. Als Streit in der Schmugglerbande entbrannte, stieg ich unauffällig aus und suchte das Weite.
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