1 ...6 7 8 10 11 12 ...21 Die Zeit verging mit den dreien wie im Flug. Am Ende schaffte ich es, das »Teşekkür ederim« ein paarmal fehlerfrei hinzubekommen. Trotzdem – der alte Ehemann konnte sich bei meiner Aussprache nach wie vor kaum halten vor Lachen.
Dann kam der Bus. Die Fahrt dauerte die ganze Nacht. Dann acht Stunden Wartezeit auf meinen Anschlussbus nach Antakya. Was tun so lang? Wahrscheinlich hätte ich die Zeit auf dem riesigen Busbahnhof abgesessen, wenn mir nicht ein Türke, mit dem ich im Bus ins Gespräch gekommen war, riet, ein bisschen Sightseeing in Konya zu machen. Ganz oben auf der Liste: das Mevlana-Museum. Celaleddin Rumi, von seinen Anhängern »Mevlana« (zu Deutsch »unser Herr/Meister«) genannt, hatte dort seine Grabstätte.
Wenig später saß ich in einem kleinen Sammeltaxi, welches mich ins Stadtzentrum brachte. Das »Taksi«, ein umgebauter alter VW-Bus, füllte sich nach und nach, bis alle Plätze belegt waren. Das hielt den Fahrer nicht davon ab, noch weitere Fahrgäste aufzusammeln, der Wagen platzte bald aus allen Nähten.
Drinnen: alle Augenpaare auf mich gerichtet. Ein beklemmendes Gefühl. Immer wenn ich die Blicke erwiderte, sahen sie schnell weg. Bis auf eine Ausnahme. Ein Herr, um die fünfzig, saß mir schräg gegenüber, und als sich unsere Blicke trafen, zwinkerte er mir durch seine Nickelbrille freundlich zu.
»Wo willst du hin?«, fragte er mich auf Englisch mit einer rauen, tiefen Stimme.
»Ins Zentrum, zum Mevlana-Museum.«
Ich hatte natürlich keine Ahnung, wann ich aussteigen musste.
»Ist es noch weit?«, wollte ich wissen.
»Nein. Die nächste Haltestelle musst du raus. Und von dort aus sind es nur zwei Minuten bis zum Museum.«
Er sagte etwas zu seiner Sitznachbarin, die ihm daraufhin den Weg zum Ausgang frei machte. Mit einer Kopfbewegung deutete er an auszusteigen.
»Wenn du willst, kann ich dich hinbringen. Aber im Moment hat es noch geschlossen. Es öffnet erst in zwei Stunden – bis dahin wäre es mir jedoch eine Ehre, dich zum Essen einladen zu dürfen.«
Was für ein Angebot! Ich überlegte noch kurz, ob ich irgendwelche Bedenken haben müsse, doch seine freundliche, sympathische Art überzeugte mich. Hunger hatte ich allemal.
Er führte mich zu einem winzigen Lokal, in dem nur drei kleine Tische standen, und erzählte von den türkischen Essgewohnheiten. Am Morgen esse man zum Beispiel Suppe, erklärte er mir und bestellte uns zwei Teller davon. Dazu tranken wir etliche Gläser sehr starken Schwarztees. Nach dem dritten Teller Suppe tranken wir Tee, rauchten und tauschten uns über die unterschiedlichen Bräuche und Gewohnheiten unserer Länder aus.
Ich erzählte ihm von den Meinungen, die ich in Kos gehört hatte. Es überraschte ihn keineswegs.
»Es ist die traurige Wahrheit«, meinte er, »dass viele Griechen und Türken immer noch nicht gut aufeinander zu sprechen sind. Du wirst auch hier nur selten ein gutes Wort über die Griechen hören. Der Zypernkonflikt trägt die Hauptschuld daran. Es wurden damals viele Fehler gemacht, sowohl auf griechischer als auch türkischer Seite, was bis auf den heutigen Tag nicht ganz ausgestanden ist.«
Wir unterhielten uns, bis wir das Museum erreicht und uns verabschiedet hatten. Erst da fiel mir ein, dass ich ihn nicht einmal nach seinem Namen gefragt hatte. Ich bereute es schnell. Er war ein außergewöhnlicher Mensch gewesen, das hatte ich von Anfang an gespürt. Das freundliche Gesicht mit der scharfen, markanten Nase und tiefgründigen, dunklen Augen. Mir blieb nichts anderes übrig, als die Erinnerung dankbar ins Herz zu schließen.
Das Museumstor öffnete sich, die Schlange setzte sich in Bewegung. Das Herzstück des Mevlana-Museums bildete eine kleine, wunderschön gebaute Moschee, in der der Leichnam Rumis in einem prunkvollen, über und über mit Gold verzierten Sarg lag. Rumi hatte im 13. Jahrhundert gelebt und war nicht nur einer der bedeutendsten persischsprachigen Dichter seiner Zeit, sondern auch Gründer des Derwischordens in Konya, spiritueller Führer und wohl populärster Vertreter des intellektuellen Sufismus.
Wie alle Besucher musste auch ich meine Schuhe ausziehen, um die Moschee betreten zu dürfen. Eine Handvoll türkischer Besucher wusch sich die Füße an einem Brunnen vor der Moschee. Im Vorraum waren etliche antike, kunstvoll handgeschriebene Korane in arabischer Schrift ausgestellt. Es herrschte eine andächtige Ruhe in den heiligen Räumen, allerdings nur so lange, bis eine zwanzigköpfige japanische Reisegruppe eintrat. Sehr zu ihrem Leidwesen durften sie allerdings ausgerechnet Rumis Sarg nicht fotografieren.
Nach einer guten Stunde hatte ich alles gesehen. Doch noch immer waren es über fünf Stunden bis zur Abfahrt meines Busses. Ausreichend Zeit, die Stadt zu erkunden.
Noch vier weitere Male wurde ich von wildfremden Menschen zum Tee eingeladen, zweimal sogar mit komplettem Frühstück (beim dritten Mal konnte ich einfach nicht mehr). Diesmal versäumten wir nicht, Namen und Adressen auszutauschen. Einer bot mir sogar an, einige Tage hier in Konya zu verbringen und bei ihm zu Hause zu wohnen, doch mit dem Hinweis auf mein bereits bezahltes Busticket lehnte ich seine Einladung ab. Unter all den Bekanntschaften befand sich keine einzige weibliche Person.
Aufgeputscht vom vielen Schwarztee sowie der überwältigenden Gastfreundschaft wollte ich mich endgültig auf den Weg zum Busbahnhof machen. Doch da lernte ich Sinan kennen. Eigentlich hatte ich keine Zeit mehr, geschweige denn Kapazitäten, noch mehr Tee in mich hineinzuschütten. Zudem hatte ich das erste Mal auf meiner Reise gerade nicht das Bedürfnis, mich irgendjemandem mitzuteilen.
Irgendwie überredete er mich dennoch. Tee Nummer 21. Und noch einen Döner Kebab. Sinan bestellte fröhlich, allen meinen Versuchen, ihn davon abzuhalten, zum Trotz. Er war etwa vierzig, reichte mir nur bis zu den Schultern, dafür hatte er einen dicken, kugeligen Bauch. Er sprach einige Wörter Deutsch, da er zwei Jahre lang in Deutschland gearbeitet hatte.
Sein Beruf: Bäcker. Seine Berufung: Komiker. Von der Bedienung ließ er sich eine große, leere Teekanne bringen und fing an, virtuos darauf zu trommeln. Dazu imitierte er mit seiner Stimme eine Saz, also eine türkische Gitarre, und improvisierte Rhythmen und Melodien, gespickt mit Trillern und Vierteltönen. Die Gespräche an den anderen Tischen verstummten: volle Aufmerksamkeit für Sinan und seine Einlage. Dann begann er ein Lied zu singen. Ich hätte es zu gern verstanden! Die Zuhörer ringsum kringelten sich vor Lachen. Immer wieder fiel dabei mein Name. Bald klatschten alle im Takt mit, bis von ihm selbst nicht mehr viel zu hören war.
Dann spielte er den Beleidigten, weil ich seinen Döner nicht ganz aufessen konnte, und machte sich darüber lustig, dass ich ihn mir zum Mitnehmen einpacken ließ.
Wieder auf der Straße, versuchte ich Sinan klarzumachen, dass wir uns verabschieden müssten. Es tat mir leid, ich hatte ihn in der kurzen Zeit recht liebgewonnen. Doch mein Bus fuhr in einer Stunde, und ich wurde langsam unruhig.
»Du nix fahren«, sagte er, »du mit in Haus von Sinan kommen – essen, trinken, schlafen … «
Ich schüttelte den Kopf.
»Mein Bus fährt gleich«, erklärte ich. »Ich hab mein Ticket doch schon.«
Sinan ließ nicht locker.
»Du morgen fahren, Sinan für dich Ticket kaufen.« Da war es hin, mein letztes Argument. Konnte ich das Angebot wirklich annehmen? Sinan wartete eine Antwort gar nicht erst ab. Er meinte, wir müssten noch unbedingt bei ein paar Freunden vorbeischauen, bevor wir zu ihm nach Hause gingen.
Erst Günür in seinem Geschäft für Haushaltswaren, dann Latifs Gemüsestand und danach die Schreinerei von Ahmed. Er stellte mich allen vor und hielt mit jedem ein kleines Pläuschchen, wobei er mich so gut es ging mit einbezog. Ganz zum Schluss schauten wir noch bei der Imbissbude von Hussein vorbei. Bei jedem von ihnen gab es … Tee!
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