Ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Glücklicherweise fand ich irgendwie zu dem Busbahnhof zurück, an welchem ich heute Morgen gestartet war. In einer Art Kantine, in der düstere Gestalten herumlungerten, verbrachte ich die Nacht. Einer von ihnen bot an, mir kostenlos ein syrisches Visum zu besorgen. Er müsse sich nur eine halbe Stunde lang meinen Reisepass ausleihen. Ich lehnte ab.
Ich schlief nur kurz und sehr schlecht, hatte am Morgen aber einen neuen Plan gefasst: Ich wollte ein weiteres Mal zur syrischen Grenze, in der Hoffnung, diesmal mit dem richtigen Polizeichef reden zu können, und zudem würde ich die 150 Euro offenlegen. Falls sie wirklich Bestechung verlangten, überlegte ich, könne ich mir die Höhe immer noch überlegen – gewaltsam abnehmen würden sie mir das Geld wohl kaum. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass die Einreisebestimmungen in dieser Region stark von der Willkür der Beamten abhängen, was es auszutesten galt.
Fairerweise hatte mir das Busunternehmen, welchem gestern die Ausreise an der türkischen Grenze verweigert worden war, auf meine Anfrage hin kostenlos ein zweites Ticket für die Fahrt nach Damaskus ausgestellt. Bald befand ich mich also wieder an der syrischen Grenze. Und diesmal ging mein Plan auf.
Ich musste beim richtigen Polizeichef vorsprechen, gab zu, knappe 185 Euro bei mir zu haben, und bekam ein Visum, ganz ohne Gitarre spielen zu müssen. Bestechung wurde nicht verlangt, nur die übliche Gebühr von dreißig Euro. Einziger Haken: Die Formalitäten dauerten beinahe 24 Stunden. Ich übernachtete in der Schalterhalle, wobei ich Bekanntschaft mit Monika aus Schweden machte. Sie wartete ebenfalls auf ihr Visum. Die erste Reisende, die ich traf, welche ähnlich wie ich unterwegs war. Einen Monat lang hatte sie in der Türkei verbracht, nun wollte sie die arabische Welt erkunden. Ich bewunderte ihren Mut, und wir holten das Beste aus der langen Wartezeit heraus.
Am nächsten Morgen war wieder der stellvertretende Polizeichef zugange. Ich bekam einen gehörigen Schrecken, als er mich von weitem erblickte, und zog meine Mütze tief ins Gesicht. Erst als ich wenig später meinen Reisepass mit allen erforderlichen Stempeln und Unterschriften in der Hand hielt, atmete ich auf.
Monika musste noch länger auf ihr Visum warten. Ich hingegen hatte das Glück, bei dem mir mittlerweile allzu gut bekannten Busunternehmen endgültig mein Ticket für die Fahrt in die syrische Hauptstadt einzulösen. Wir tauschten unsere E-Mail-Adressen und wünschten uns viel Glück.
Dann stieg ich ein.
Im Bus nahm ich neben Adman Platz. Er hatte früher in Bagdad als Rechtsanwalt gearbeitet und berichtete, wie er mit seiner Familie aus dem Irak geflüchtet war. Er erzählte mir viel über Syrien. Das Land bestehe weitestgehend aus Wüste und Steppe. Die einzigen fruchtbaren Gebiete seien an den Ufern des Euphrats, der sich quer durchs Land zog, im Westen entlang des Küstenstreifens und an den Gebirgsketten zur Grenze des Libanon zu finden.
Nach vier Stunden Fahrt machten wir an einer Raststätte halt. Von einem Syrer wurde ich zu einer Süßspeise eingeladen. Eine weiße Teigwurst mit Pistazienfüllung und wässriger Zuckersauce. Süßer als süß.
Dann bekam ich meine ersten Arabischstunden. Nicht dass ich unbedingt gewollt hätte, schließlich hatte ich ja nicht vor, länger in Syrien zu bleiben. Aber meine Lehrer wollten es so. Und davon hatte ich in dem Bus immerhin ein gutes halbes Dutzend.
Ich lernte die Zahlen von Eins bis Zehn sowie die grundlegenden Grußformeln, wurde mit den wichtigsten Verhaltensregeln vertraut gemacht und erfuhr, dass man nach dem Essen »al-hamdulillah« sagt, so viel wie »Dank sei Gott«.
Nachdem wir die letzten Kilometer durch gebirgiges Gebiet gefahren waren, lag vor uns Damaskus. Unzählige Gebetstürme ragten aus dem Häusermeer und blitzten in der gelben Abendsonne.
Noch bevor wir die Vororte erreicht hatten, wurde ich gebeten, ein Lied zu spielen. Obwohl die Voraussetzungen zum Gitarrespielen wegen des Motorenlärms und des Hin-und-her-geschaukels auf den abenteuerlichen syrischen Straßen alles andere als optimal waren, lauschten sie alle aufmerksam. Sie wussten bereits von meiner Straßenmusikantentätigkeit, weshalb ein Passagier meine Mütze vom Kopf nahm und tat, als sammle er Geld. Aus Spaß, dachte ich erst. Doch die anderen ließen sich nicht lange lumpen, und bald flogen nach ein paar Münzen auch die ersten Scheine.
Nach einer Runde durch den Bus kam meine Mütze wieder voll zu mir zurück. Nach dem Schlusston stand ich auf, verbeugte mich und sagte dreimal laut »schukran« in alle Richtungen.
Beim Ausstieg am zentralen Busbahnhof bekam ich eine syrische Tausend-Pfund-Note geschenkt. Ich kannte die Währung und ihre Kaufkraft noch kaum und wusste nicht, dass die umgerechnet vierzehn Euro etwa drei bis vier Tageslöhnen eines durchschnittlichen syrischen Arbeiters entsprachen. Der junge Mann drückte mir den zusammengefalteten Schein in die Hand, nickte kurz, drehte sich um und war weg. Einfach so.
Was war hier los? Und weshalb war mir so etwas nie in Deutschland, Österreich oder Italien passiert? Dort, wo die Menschen doch eigentlich viel mehr zu geben hatten?
Je ärmer das Land, desto großzügiger die Menschen … diesen Spruch hatte ich schon ein paarmal gehört. Doch dass er sich so schnell und in diesem Ausmaß bewahrheiten würde, hatte ich nicht erwartet. War das ethisch vertretbar? Dass ich als reicher Deutscher Geld von diesen Menschen annahm? Klar, im Moment war ich arm, oder besser: Ich lebte arm. Denn von arm sein konnte keine Rede sein. Nicht mit deutscher Staatsbürgerschaft und der damit verbundenen sozialen Mindestabsicherung, nicht im Vergleich zu den hiesigen Verhältnissen und nicht vor dem Hintergrund, dass ich mir im Laufe der letzten Jahre doch den ein oder anderen Euro hatte zur Seite legen können – nicht zuletzt durch den Verkauf meines Ladens. Ich spielte arm.
Im Moment jedoch fühlte ich mich alles andere als arm. Die atemberaubende Gastfreundschaft der Menschen hier ließ das nicht zu. Der Gast war König. Und was hätte ich tun sollen? Es machte die Menschen offenbar glücklich, mir zu helfen. Sich mit mir zu unterhalten, mir ihr Land zu erklären, ein Teil meiner Reise zu werden – das erfüllte sie mit Stolz.
Adman bezahlte mir ein Taxi, welches mich in ein Stadtviertel bringen sollte, in dem es günstige Unterkünfte gab. Er betonte mehrfach, ich solle dem Taxifahrer kein Geld geben, sollte er welches verlangen. Er hätte schon alles bezahlt. Wir verabschiedeten uns, dann saß ich das erste Mal meiner Reise in einem Taxi.
Admans Bedenken erwiesen sich als berechtigt. Der Taxifahrer versuchte tatsächlich, mir am Ende der Fahrt Geld abzuknöpfen. Obwohl ich darauf gefasst war und genau wusste, dass ihm nichts zustand, fiel es mir nicht ganz leicht, seine Versuche abblitzen zu lassen. Zwar wusste ich bereits, was »nein« auf Arabisch heißt, doch wie man davon in solchen Momenten Gebrauch davon machte, musste ich noch etwas üben. Eines stellte sich jedoch schnell heraus: Wer nicht »nein« sagen kann in Syrien, kommt nicht weit.
Ich konnte heute keinesfalls im Freien schlafen. Es herrschte viel zu viel Betrieb, und die schmutzigen Straßen sahen in der Dunkelheit nicht besonders einladend aus. Es stank nach Abgasen. Ich fragte in drei verschiedenen Herbergen nach dem günstigsten Schlafplatz. Ausgerechnet in einem Hotel wurde mir das billigste Angebot gemacht. Bis auf die Toilette und die Gemeinschaftsdusche auf dem Gang war sogar alles halbwegs sauber. Und in Anbetracht der Tatsache, dass die Übernachtung nur etwas über zwei Euro kostete, konnte ich mich auch nicht drüber beklagen, dass ich das kleine Zimmer mit drei anderen Männern teilen musste.
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