Am nächsten Morgen herrschte in den Straßen ein buntes Treiben. An jeder Ecke Straßenstände, Schuhputzer, Zigaretten- und Teeverkäufer. Anfangs hatte ich noch Hoffnung, die Altstadt auf eigene Faust erkunden zu können, doch ich musste bald einsehen, dass ich wohl nie wieder zu meinem Hotel zurückfinden würde, wenn ich in dem unübersichtlichen Straßengewirr einmal die Orientierung verloren hätte. Deshalb war der Tipp eines Gemüsehändlers, bei der nahe gelegenen Touristeninformation eine Karte zu besorgen, Gold wert. Diese gab es sogar kostenlos, und ich ließ mir dort als Erstes den Standort des Hotels eintragen.
Dass trotzdem noch viel schiefgehen konnte, lag einerseits daran, dass ich die große Hauptstraße meiden und mir einen Weg durch die viel schöneren kleinen Gassen suchen wollte; andererseits an der islamischen Gastfreundschaft. Erst fünf Stunden später, nach zwei Einladungen zum Tee, etlichen Arabischnachhilfestunden, zwei Telefonnummern und einer E-Mail-Adresse, stand ich endlich vor dem großen Westtor der alten Stadt. Mit dem Tor beginnt der berühmte »Suq Al-Hamidiya«, ein einzigartiger Markt, der sich mit seinen zwei Hauptarmen durch das alte Damaskus zieht. Den Geschichtsbüchern zufolge ist Damaskus die älteste durchgehend besiedelte Stadt der Welt. Als ich die ersten Schritte durch die uralten Gassen machte, befand ich mich inmitten eines Marktes, wie er auch vor 500 Jahren ausgesehen haben könnte. An Gewürzstände und Teeläden reihten sich Tuch- und Stoffhändler, in der einen Ecke gab es Vasen, Tongefäße und handgewebte Gebetsteppiche, in einer anderen Olivenölseifen aus Aleppo.
Wie mir bereits in der Türkei aufgefallen war, waren solche Märkte, genau wie die Städte, in unterschiedliche Branchen unterteilt. So traf man zum Beispiel nur selten auf ein einzelnes Fahrradgeschäft, meist befanden sich dann in derselben Straße noch weitere Fahrradläden. Jedes Viertel hatte sein Spezialgebiet. Es gab Handwerker- und Friseurs-, Automechaniker- und Metzgerviertel.
In Damaskus hatte das für mich zur Folge, dass ich teilweise stundenlang unterwegs war, um etwas Bestimmtes zu suchen. Ich kam gerade aus der Gold- und Silberschmuckgasse, als ich vor mir die riesige Umayyaden-Moschee erblickte, benannt nach der gleichnamigen Kalifendynastie in der Zeit von 660 bis 750 nach Christus.
Unsicher, ob der Zutritt auch Nichtmuslimen erlaubt sei, drehte ich erst einmal eine Runde um die Moschee – angesichts ihrer Größe und den überfüllten Gassen ringsherum ein zeitaufwendiges Unterfangen. An den zahllosen aufdringlichen Andenkenhändlern konnte ich fleißig »nein« sagen üben, bis mich einer ansprach, der etwas anderes wollte als mein Geld. Nicht einmal ein Viertel meiner Moscheeumrundung hatte ich geschafft.
»Hallo, mein Freund, was trägst du in deiner Tasche?«, fragte er mich in fließendem Englisch.
»Meine Gitarre. Wieso?«
»Hättest du nicht Lust, mir ein Lied vorzuspielen?«
Natürlich hatte ich Lust.
»Welche Musikrichtung hätten Sie denn gern?«, fragte ich, während ich den Gitarrensack aufschnürte.
»Kannst du was von Eric Clapton?«
Perfekt, dachte ich, da hatte ich ein paar auf Lager. Für Wonderful tonight war es noch zu früh, und für Tears in heaven war es hier zu laut, also spielte ich Before you accuse me .
Der Händler hieß Tony, und er selbst und sein Musikgeschmack waren so außergewöhnlich wie sein Name für diese Gegend.
Sein Geschäft lag direkt neben der hohen Mauer der Umayyaden-Moschee, weshalb die Akustik sehr gut war. Am Ende des Stückes standen noch drei andere Zuhörer vor mir, sie schienen ebenfalls zum Laden zu gehören. »Noch eins!«, riefen sie und klatschten.
»Seid ihr euch sicher?«, fragte ich.
»Na klar! Komm schon!«
Ich spielte The Joker von der Steve Miller Band, das hatte ich erst seit kurzem im Repertoire und musste es noch etwas üben.
Es gefiel ihnen offensichtlich gut, bis mir plötzlich einer von ihnen mitten im Lied bedeutete aufzuhören. Ich wusste nicht wieso und spielte weiter, erst als alle drei energisch abwinkten und nach oben deuteten, gab ich nach und setzte ab.
Ich blickte in den Himmel, um irgendetwas zu erkennen.
»Das Stundengebet!«
Jetzt hörte ich es auch.
»Es dauert nur ein paar Minuten, dann kannst du weiterspielen.«
Von allen Minaretten der Stadt ertönten die Gebetsrufe. Nicht unverstärkt wie in früheren Zeiten, sondern über Lautsprecher, die an den Türmen angebracht waren; aber immerhin – es war noch live, denn von jeder Moschee klang es ein wenig anders.
»Möchtest du ein Glas Tee?«, fragte mich einer von ihnen, anstatt sich auf den Boden zu werfen und zu Allah zu beten.
Sie brachten einen kleinen Hocker.
Wie die übrigen Läden ringsherum verkauften auch sie Wasserpfeifen, Schalen, Tücher und sonstige Reiseandenken. Tony stellte mir alle vor: seinen Neffen Mike, der hin und wieder im Laden arbeitet; sowie Wasim und Bassam, die beide an der Universität von Damaskus Betriebswirtschaft studierten. Sie setzten sich zu mir in den Schatten der Moschee auf den Straßenabsatz.
»Ich kann auch auf dem Boden sitzen«, sagte ich und wollte meinen Sitz für jemand anderen frei machen.
»Nein, nein, nein!«, meinte Bassam und drückte mich zurück auf den Hocker. »Du bist der Gast.«
Tee wurde eingeschenkt, Mike bereitete eine Wasserpfeife mit Erdbeertabak.
Die Gebetsrufe waren inzwischen verstummt. Drei Stunden lang saßen wir so da, tranken Tee und rauchten. Wasim war sehr darauf bedacht, mir die arabischen Verhaltensregeln beizubringen. Er meinte, dass es einem wohl keiner übelnehme, wenn man als Ausländer mal das ein oder andere verkehrt mache, aber man müsse ja nicht gleich in alle Fettnäpfchen treten. Es ging schon damit los, dass ich den Wasserpfeifenschlauch falsch hielt. Beim Weiterreichen des Schlauches sollte man darauf achten, nie mit dem Mundstück auf jemanden zu zeigen, er muss immer zu einem selbst schauen, alles andere wird als ungehobelt empfunden. Beim Entgegennehmen des Pfeifenschlauches ist es elegant, davor die Finger des Gebenden kurz abzutippen, und zwar mit der rechten Hand.
Mir war schon etwas schwindlig vom Erdbeertabak.
»Raucht ihr eigentlich oft Wasserpfeife?«, fragte ich.
»Tarek schon«, antwortete Wasim und grinste. Auch Mike musste lachen.
»Das stimmt doch gar nicht«, verteidigte sich Tarek. »Mike raucht mindestens genauso viel.« Er saugte beleidigt am Pfeifenschlauch. »Und wenn schon, mir schmeckt’s eben.«
Eine weiße Erdbeerwolke zog an mir vorbei.
»Aber es gibt Leute, die rauchen das Fünffache von Tarek«, sagte Wasim und deutete mit dem Kopf auf das Café nebenan. Davor rauchten an kleinen runden Tischen einige alte Männer, die wirklich so aussahen, als ob sie schon Ewigkeiten dort sitzen würden. Jeder von ihnen hatte eine eigene Wasserpfeife. Von Zeit zu Zeit kam eine Bedienung mit heißen Kohlen und schürte die Köpfe der Pfeifen neu an, damit sie gut brannten.
»Ich vermute, er da raucht am allermeisten«, sagte ich und deutete auf einen uralten Araber mit wettergegerbtem Gesicht. Schon seit Minuten saß er regungslos da, das Mundstück wie im Mundwinkel angewachsen.
Wasim drückte meinen Arm sachte hinunter.
»Noch eine Regel, Max. Nie mit dem Finger auf jemanden zeigen.«
Es gab wirklich noch viel zu lernen.
Seit Athen hatte ich nicht mehr so viele Touristen auf einem Haufen gesehen. Doch im Vergleich zu Griechenland waren hier mehr Abenteurer und Rucksacktouristen unterwegs.
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