Die Zuhörer waren begeistert. Alle klatschten mit. Er hatte tatsächlich eine wunderschöne Stimme, sehr kraftvoll und ausdrucksstark, zugleich konnte er noch gut mit ihr umgehen, er sang exakt und sauber. Obwohl ich den Text nicht kannte, markierte ich beim Refrain die zweite Stimme. Er blickte sich kurz zu mir um und nickte mir zu. Ich bekam eine Gänsehaut, als ich seiner Stimme in harmonischen Terzen folgte und versuchte, meinen Klang dem seinen anzupassen, damit sich unsere Stimmen besser mischten. Ein angenehmes Gefühl breitete sich in meiner Bauchgegend aus, und erst jetzt merkte ich, was mir in all den Wochen meiner Reise so sehr abgegangen war: der mehrstimmige Gesang.
Leider war das Stück viel zu schnell vorbei, was auch daran lag, dass ich die Bridge nicht spielen konnte. Der Superstar bedankte sich für die Musik und ging mit seinem Begleiter, der während des Liedes unbeteiligt daneben gestanden hatte, seines Weges.
Später holte Mike uns etwas zu essen, während mir Tarek und Wasim mehr über Saber Juari erzählten. Vor einem halben Jahr habe er bei der Fernsehsendung Arabien sucht den Superstar mitgemacht und den vierten Platz belegt. Er sei also nicht wirklich das, was man unter einem Superstar verstehe, trotzdem nannten ihn alle so, und in der arabischen Welt sei er – vor allem unter den Jüngeren – zumindest so etwas wie eine kleine Berühmtheit.
Da kam Mike mit dem Essen zurück. Wir setzten uns im Kreis auf den Boden, und Tarek reichte mir das Stück Brot, das mir zum Verhängnis wurde. Schon beim zweiten Bissen krachte es, und ich musste mir hier in Damaskus einen Zahnarzt suchen.
Am nächsten Morgen – es war der Tag, an dem ich mein Tagebuch verlieren sollte – erzählte mir Mike, dass am gestrigen Abend Saber Juari noch einmal im Laden vorbeigeschaut hätte. Er habe nach mir gefragt und seine Visitenkarte hinterlassen, ich solle mich umgehend bei ihm melden. Wasim zückte ohne Umschweife sein Handy, wählte die angegebene Nummer und berichtete mir nach dem Gespräch Folgendes: Ihm habe mein Singen und Gitarrespielen gut gefallen, und da er gerne mehr Musik mit mir machen würde, wolle er mich für heute Abend zum Essen einladen, um alles Weitere zu besprechen. Um fünf Uhr sollte ich zu Tonys Laden kommen, dort würde er mich abholen.
Die umliegenden Gassen und Märkte der Umayyaden-Moschee lagen wie ausgestorben vor uns, als Wasim und ich um halb sechs an Tonys Laden ankamen. In den sonst so überfüllten Straßen sah man an diesem Freitag nur ab und zu ein paar vereinzelte Passanten vorübereilen. Hinter den verschlossenen großen Toren der Läden ruhten die Geschäfte. Mit den riesigen alten Rollläden, die die Eingänge versperrten, sahen sie aus wie kleine Garagen.
Wir setzten uns auf den Straßenabsatz vor Tonys Laden und warteten. Das Stundengebet ertönte. Es dauerte heute länger als an den anderen Tagen. Weil absehbar war, dass ich länger in Damaskus bleiben würde, wurde mein Lerneifer für die arabische Sprache neu entfacht. Wasim erwies sich dabei als geduldiger Lehrer. Auch jetzt nutzten wir die Zeit, indem er mir geläufige Redewendungen und die Konjugation der wichtigsten Verben beibrachte. Inzwischen konnte ich die ersten Buchstaben entziffern, vom Schreiben war ich jedoch noch weit entfernt. Erschwerend kam hinzu, dass die Sprache, welche ich erlernen wollte, in dieser Form gar nicht existiert, denn es handelte sich um einen Dialekt, der, im Gegensatz zur arabischen Hochsprache, ausschließlich gesprochen und nicht geschrieben wird. Die ersten Tage hatte ich deswegen für jeden Begriff noch zwei Wörter gelernt, doch schon bald ließ ich die Hochsprache außen vor und beschränkte mich auf den Dialekt; denn ihn brauchte man, um sich mit den Menschen auf der Straße unterhalten zu können. Und nichts anderes wollte ich.
Wenn ich also etwas von meinen neu erworbenen Sprachkenntnissen aufzeichnen wollte, benutzte ich nur eine Lautschrift, die die Aussprache imitierte. Wie so oft verwendete ich dafür auch im Moment die hinteren Seiten meines Tagebuchs. Diesmal jedoch war es das Letzte, was ich hineinschrieb.
Dann kam der Superstar mit seiner um einen guten Kopf kleineren Begleitung. Es war inzwischen viertel nach sechs. Beide waren genau wie gestern schick gekleidet, lässig steckten ihre Sonnenbrillen in den gegelten Haaren.
Diesmal hatte ich mich schon etwas besser auf Französisch vorbereitet, zumindest konnte ich sie mit den üblichen Floskeln begrüßen und mich vorstellen. Ihn sollte ich einfach Saber nennen, sein Begleiter stellte sich als Asis vor. Er war zwar klein, aber sehr stämmig, und neben Saber sah er immer aus wie sein Bodyguard. Ich verabschiedete mich von Wasim, und Saber und Asis führten mich zur nächsten befahrenen Straße, um ein Taxi anzuhalten. Mein Tagebuch trug ich zusammen mit meiner Damaskuskarte und sonstigem Papierkram in einem weißen Stoffbeutel, den ich für gewöhnlich einfach oben an die Kraxe meines Rucksackes hing, um ihn stets griffbereit zu haben. Als das erste Taxi hielt und Saber mit dem Fahrer über den Preis diskutiert hatte, legte ich den Rucksack in den Kofferraum. Meine Gitarre nahm ich mit nach vorne.
Wir fuhren etwa zwanzig Minuten, bis wir da waren. Saber zahlte das Taxi, Asis trug den Rucksack für mich. Dann mussten wir viele Treppen steigen, die Wohnung befand sich im fünften Stock. Das Fehlen des weißen Stoffbeutels bemerkte ich nicht.
Das Treppenhaus war dunkel, eng und schmutzig. Das fünfte und letzte Stockwerk war offenbar erst später aufgebaut worden. Ab hier waren die Wände noch unverputzt, und als wir vor der Wohnungstür standen, konnte man über uns den Himmel sehen – das Dach war noch nicht ganz fertiggestellt.
Nicht dass ich enttäuscht gewesen wäre, aber unwillkürlich hatte ich mir wohl doch Vorstellungen von der Behausung eines Superstars gemacht. In meiner Fantasie wohnte er in einer luxuriösen Villa oder zumindest einem großen Anwesen, mit Swimmingpool in einem prächtigen Garten und Bediensteten, die uns bei der Ankunft die Tür öffnen. Stattdessen hatte Asis nun Schwierigkeiten mit dem Schlüssel; offenbar klemmte das Schloss. Die prunkvollen Bilder in meinem Kopf vom Leben eines Superstars verblassten. Doch ich erfuhr bald, dass Saber hier gar nicht wohnte, es handelte sich um Asis’ Wohnung.
Asis klopfte. Uns wurde geöffnet.
Nicht von einem Bediensteten, sondern von Mustafa, einem Freund, der uns bereits erwartete und bereits für uns kochte.
In einer Ecke lagen zwei Matten mit Kissen, auf denen Saber und ich Platz nahmen. Asis brachte sogleich eine Kanne Tee herbei.
An den kahlen Wänden hingen einsam zwei Poster. Das eine zeigte eine Landschaftsaufnahme, das andere sah aus wie ein Fanplakat aus einer Bravo -Zeitschrift. Das Gesicht darauf kam mir bekannt vor. Es war Saber.
»Ja, das ist er«, meinte Asis, der meinen Blick bemerkt hatte. Natürlich war er stolz auf seinen Freund.
Asis schenkte uns Tee ein. Er roch nach Pfefferminze. Selbstverständlich war ich überglücklich, wie sich die Dinge mit Saber entwickelt hatten und dass sich mir die Möglichkeit bot, mit einem Spitzenmusiker Musik machen zu können. Doch trotz allem stellte sich für mich die Frage, inwiefern sich eine musikalische Zusammenarbeit angesichts meines kurzen Aufenthalts lohnen würde.
»Dann erzähl doch mal, was du dir so vorgestellt hast.«
Saber erklärte mir, er sei momentan dabei, sich musikalisch neu zu orientieren. Er kenne einen sehr guten Gitarristen, mit dem er ein Programm erarbeiten wolle, allerdings sei dieser Gitarrenspieler hauptsächlich auf Solos spezialisiert, weshalb er noch eine zweite Begleitgitarre brauchen könne.
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