Als ich ihn nach der Stilrichtung fragte, sagte er, ihm schwebten in erster Linie französische Chansons vor, welche Stücke er aber im Detail einstudieren wolle, darauf habe er sich noch nicht festgelegt.
»Weißt du schon, ob die Lieder, die du planst, einstimmig sind, oder gibt es auch eine zweite oder dritte Stimme?«, fragte ich.
»Hm – also auf den Aufnahmen, die ich zu Hause habe«, antwortete Saber, »sind die meisten Lieder einstimmig. Doch wir können von mir aus gern ausprobieren, ob eine zweite Stimme dazu passt. Dreistimmig wird der Gesang aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht werden, denn so wie ich den anderen Gitarristen kenne, wäre er wenig begeistert, wenn er singen müsste.«
»Heißt das, die Gruppe besteht nur aus uns dreien?«
»Ja, vorerst schon.«
Da kam Mustafa aus der Küche und brachte Brot und einen großen, heißen Topf herein. Es gab Suppe.
Sie nannten die außergewöhnlich gut schmeckende Suppe »Schorba«. Wir aßen alle aus dem Topf. Mustafa verteilte an jeden Esslöffel, doch Saber und Asis tunkten einfach das Brot in die Suppe.
»Das einzige Problem, das ich noch sehe«, sagte ich zu Saber, »ist, dass ich früher oder später Syrien wieder verlassen werde. Mein Visum läuft in etwa drei Wochen aus, und ich bin nicht sicher, ob sich die ganze Sache für ein paar Wochen lohnt.«
»Daran hab ich auch schon gedacht«, erwiderte Saber. »Ich wusste ja bereits, dass du nicht ewig hierbleiben würdest. Aber für mich ist das kein Problem; solange du hier bist, können wir Musik machen und sehen, was dabei herauskommt, und wenn du weiterziehen möchtest, ziehst du weiter.«
Schön, dachte ich, dann steht uns ja nichts mehr im Weg.
»Und wann fangen wir an?«, fragte ich ihn voller Vorfreude.
»Ich werde mit unserem anderen Gitarristen sprechen und gebe dir dann Bescheid. Vielleicht klappt’s ja sogar schon morgen.«
Sowohl Saber als auch Asis meinten, es sei ihnen eine Ehre, wenn ich solange hier wohnen würde. Ich nahm ihr Angebot gerne an. Die Wohnung bestand aus fünf Räumen. Der größte und schönste war derjenige, in welchem wir gegessen hatten, gleich hinter dem Eingang. Eine Schiebetür führte zu einem winzigen Gang mit vier weiteren Türen. Hinter der ersten verbarg sich ein Raum, der fast so groß war wie der erste, sich aber in einem erbärmlichen Zustand befand. Die Luft roch modrig, die Wände und Decke waren von einem Schimmel befallen. Asis hatte die Wohnung spärlich möbliert, doch dieses Zimmer war einfach unschlagbar. Es befand sich nichts dort, kein Schrank, keine Kommode, absolut gar nichts. Das bedeutete jedoch nicht, dass der Raum leer war, denn auf der einen Seite türmten sich am Boden in hohen Bergen die privaten Habseligkeiten von Asis auf, hauptsächlich Wäsche. Die andere Seite durfte ich benutzen, schlafen sollte ich jedoch zusammen mit Asis im Wohnzimmer.
Dass sich die Wohnung in so einem provisorischen Zustand befand, hatte natürlich einen Grund: Genau wie Saber war auch Asis erst vor ein paar Monaten nach Syrien gezogen und wollte sich auf längere Sicht nach einer anderen Wohnung umsehen.
Nebenan befand sich auf allerhöchstens einem Quadratmeter die Toilette. Hinter der nächsten Tür gab es einen kleinen Waschraum, er war ebenfalls keine Augenweide: Die Wände schimmelten, der Putz bröckelte von der Decke. Dafür befand sich hier der ganze Stolz der Wohnung: ein großer verbeulter Warmwassertank.
Dann kam man in die Küche. Wie in den anderen Zimmern beschränkte sich die Einrichtung der Küche auf das Allernötigste. Es gab keinen fest eingebauten Herd, Asis besaß nur einen kleinen Gaskocher, der am Boden stand. An der Wand hing ein Geschirrregal, darunter die Spüle, an welcher zwei Wasserhähne angebracht waren: Aus dem einen kam Brauchwasser zum Abspülen oder Putzen, aus dem anderen Trinkwasser. Dieses System war seinen Ausführungen nach in Syrien weit verbreitet, weshalb er mich dringlich davor warnte, einfach so aus irgendeinem Wasserhahn zu trinken – davor solle ich mich stets vergewissern, ob es auch wirklich der richtige Hahn sei.
Von der Küche gelangte man auf die Dachterrasse. Sie war das Schönste der ganzen Wohnung. Asis hatte eine Wäscheleine gespannt, in den Ecken standen einige Töpfe mit anspruchslosen Pflanzen. Von hier aus hatte man eine herrliche Aussicht: die Berge im Hintergrund, die vielen Minarette … trotzdem war es kein Anblick, wie man ihn in einem Reiseprospekt finden würde – die Häuserblocks in Yarmuk waren nun mal nicht sonderlich hübsch. Vor einem spielte sich der Alltag der Menschen im Viertel ab.
An jenem ersten Abend mit Saber, Asis und Mustafa bemerkte ich erst kurz vor dem Schlafengehen, dass mein weißer Stoffbeutel fehlte. Meine Hoffnung ruhte noch auf Wasim, den ich sofort am nächsten Morgen kontaktierte, doch er versicherte mir, dass ich den Beutel nicht vor Tonys Laden liegen gelassen hätte, das wäre ihm bestimmt aufgefallen, sondern meinte, beobachtet zu haben, wie ich nach unserer Nachhilfestunde den Beutel samt Tagebuch an meinem Rucksack befestigt hätte.
Also musste es im Taxi passiert sein. Das war wohl der denkbar schlechteste Platz – Wasim schätzte die Anzahl der Taxis in Damaskus auf etwa 10 000 bis 20 000. Alle waren gelb. Da sich weder Saber noch Asis an irgendwelche Details erinnern konnten, sanken die Chancen, mein Tagebuch wiederzubekommen, gegen null. Trotzdem spielte ich vorübergehend mit dem Gedanken, mich auf die Straße zu stellen, jedes Taxi anzuhalten und nach einem weißen Stoffbeutel zu fragen. Doch selbst wenn ich zufällig das richtige Taxi erwischen sollte, meinte Asis, der Fahrer hätte den Beutel zu diesem Zeitpunkt garantiert schon weggeschmissen.
Das Beste wäre wohl gewesen, mich mit dem Verlust meines Tagebuchs abzufinden, doch so leicht wollte ich nicht aufgeben. Ich suchte das städtische Fundbüro auf, welches es tatsächlich gab, und hinterließ dort eine Beschreibung des Stoffbeutels und meine Personalien. Meine Adresse stand sogar am Inneneinband des Tagebuchs, allerdings nur auf Englisch und nicht auf Arabisch.
Mehr konnte ich nicht tun. Meine Aufzeichnungen konnte ich bis zu einem bestimmten Grad rekonstruieren, doch all die Adressen und Telefonnummern waren weg. Dabei hatte ich Sinan doch fest versprochen, dass wir uns irgendwann einmal wiedersehen. Wie sollte ich nun Kontakt mit ihm aufnehmen? Außer der Möglichkeit, ein weiteres Mal in die Türkei nach Konya zu fahren, um sein Haus aufzusuchen, fiel mir nichts ein …
Es waren mehr als zwanzig Adressen und E-Mail-Kontakte, die ich in meinem Tagebuch gesammelt hatte. Die Fotos meiner Familie. Der kleine Umschlag, den ich auf die letzte Seite geklebt hatte … ohne zu wissen, was sich dort versteckt hatte – so wünschte ich jetzt zumindest, dass ihn jemand finden und öffnen möge. Der Abschiedssegen der ersten Seite ging mir durch den Kopf.
» … Und uns allen ein fröhliches Wiedersehen bescheren.«
Das war die letzte Zeile gewesen. Ich seufzte. Wenn es doch nur ein fröhliches Wiedersehen mit meinem Tagebuch gäbe …
Zahnarztbesuche auf Syrisch
Ein Stechen im rechten Oberkiefer brachte mich auf andere Gedanken. Heute wollten Saber und Asis mit mir zum Zahnarzt gehen.
Die Praxis des ersten bestand nur aus zwei Räumen, dem Wartezimmer und dem Behandlungsraum. Im Wartezimmer blätterte die Farbe von der Decke, wie in der Wohnung von Asis wohl durch einen Pilz ausgelöst. Ein Deckenventilator, der wohl ursprünglich dafür gedacht war, die Mauern trocken zu halten, verteilte die kleinen Farb- und Schimmelpartikel gleichmäßig im gesamten Raum. Eine weiße, flockige Schicht bedeckte alle Oberflächen. Mit einem der ausgelegten Magazine befreiten wir drei der Stühle von ihrem weißen Belag und setzten uns.
Kurz darauf kam eine Zahnarzthelferin mit streng gebundenem Kopftuch und bat uns in den Behandlungsraum. Der Zahnarzt war ein junger Mann mit Dreitagebart. Ohne Umschweife deutete er mir an, auf dem Behandlungsstuhl Platz zu nehmen.
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