1 ...7 8 9 11 12 13 ...21 Auf dem Weg zu seinem Haus präsentierte Sinan ein weiteres Kunststück. Bei einem Salathändler fragte er nach einem einzelnen Blatt, welches er auf die Größe eines halben Fünfzig-Cent-Stückes zurechtbiss. Dann klemmte er sich das Blatt zwischen Zunge und Gaumen und fing an, Tiergeräusche nachzuahmen. Er brachte das Blättchen so zum Schwingen, dass er die unglaublichsten Geräusche imitieren konnte. Erneut drehten sich alle Leute um, um zu sehen, wo all die seltsamen Laute herkamen. Sinan verzog keine Miene. Er spielte den Ahnungslosen und begann, ebenfalls nach den seltsamen Lauten Ausschau zu halten. Eine Gruppe von Kindern lief neugierig hinter uns her. Sinan schaute suchend in Abwasserkanäle und in Dachrinnen, und ich könnte wetten, dass einige Passanten tatsächlich glaubten, dort sei ein seltsames Tier verunglückt.
Sinans Haus befand sich außerhalb der Stadt in einem Neubaugebiet. Die Straßen waren unbefestigt, und die meisten Häuser halb fertig.
Es dämmerte bereits, als wir ankamen und er mich seiner Frau Fatima und seinen Söhnen Mohamed und Ahmed vorstellte. Mohamed war gerade siebzehn geworden, Ahmed war erst zehn und am Anfang wahnsinnig schüchtern. Fatima hatte ein freundliches, rundes Gesicht, trug Kopftuch und weite Kleider. Mit stummem Lächeln nickte sie mir zur Begrüßung zu.
Sinan führte mich in den Wohnraum, dem einzigen beheizten Zimmer im Haus. In der Mitte stand ein kleiner Ofen, drum herum eine kleine Couchgarnitur und einige Matten.
»Hier du schlafen … und Mohamed und Ahmed.«
Im Hintergrund lief der Fernseher.
»Aber jetzt Essen.« Schon wieder.
Sinan forderte mich auf, am Boden Platz zu nehmen. Mohamed und Ahmed setzten sich im Halbkreis zu uns. Da kam Fatima zur Tür herein, breitete ein riesiges Tuch in unserer Mitte aus und legte ein großes silbernes Tablett darauf. Dann brachte sie Tee, Wasser und viele verschiedene Schalen mit Oliven, Joghurt, Honig, Butter und Peperoni. Fladenbrot mit Schwarzkümmel wurde herumgereicht, jeder brach sich davon ab. Als Letztes servierte Fatima eine Pfanne mit Rührei, angebraten mit Zwiebeln und Tomaten. Dann setzte sie sich zu uns. Während ich noch auf eine Art Startzeichen wartete, fingen die anderen an zu essen. Außer den Teelöffeln und einem Buttermesser gab es kein Besteck. Ich beobachtete also erst mal. Wie vermutet, wurde ausschließlich mit der rechten Hand gegessen. In der Linken hielten sie ihr eigenes Brot. Davon brachen sie ein Stück ab und tunkten es in Joghurt oder Honig. Schwieriger wurde es bei den Oliven und Rühreiern; diese pickten sie geschickt mit einem länglichen Brotstreifen heraus und aßen sie mitsamt dem Brot. Mit dieser Technik berührte man die Speisen nie mit den Fingern, was das Besteck tatsächlich überflüssig machte.
Alle aßen außergewöhnlich schnell, Sinan am schnellsten. Ich hatte noch nicht einmal alles probiert, als er sich schon eine Zigarette anzündete. Wir blieben noch lange hocken und unterhielten uns. Ahmed schenkte Tee nach, und ich musste viel über mich, meine Familie, Deutschland und meine Reise erzählen. Sinan übersetzte.
Dann war es an der Zeit, schlafen zu gehen. Mohamed richtete meinen Schlafplatz und zeigte mir das Bad. Er empfahl mir, eine Dusche zu nehmen, da wegen der Solaranlage auf dem Dach das Wasser noch warm sei. Es gab keine Heizung, das Haus war außen noch nicht mal verputzt. Aber sie hatten eine Solaranlage. Nach dem Duschen legte ich mich schlafen, der Fernseher wurde ausgeschaltet, und Mohamed brachte mir noch bei, was »gute Nacht« auf Türkisch heißt.
Am nächsten Morgen bot mir Sinan an, etwas länger zu bleiben. Ich musste nicht lange überlegen. Ich hatte für kurze Zeit ein Zuhause gefunden. Es wurden am Ende zehn Tage.
Am dritten Tag wollte ich mich gern mit betätigen und fragte Fatima und Sinan, ob sie im Haus oder Garten Arbeit für mich hätten. In der Küche durfte ich nicht helfen. Die war allein Fatima vorbehalten. Doch hatte sie einen großen Garten, dort gab es allerhand zu tun: Der Boden musste gepflügt, alte verdorrte Pflanzenstöcke entfernt und Bäume und Sträucher geschnitten und zu Feuerholz verarbeitet werden.
Inzwischen war es März geworden. Der Frühling hatte Einzug gehalten, und obwohl Konya auf über tausend Höhenmetern lag, waren die Temperaturen hier optimal. Meine Jacken und langen Unterhosen verschwanden endgültig in den Tiefen meines Rucksacks. Trotz des warmen und trockenen Wetters – es regnete nur einmal in den zehn Tagen – konnte man die Sonne nie klar erkennen, sondern nur als hellen Fleck am milchig trüben Himmel erahnen. In der Luft hing immer ein süßlich-rauchiger Geruch. Viele Familien in der Gegend hielten Ziegen. Zum Melken, zum Essen und – zum Heizen. Nicht die Ziegen selbst, nur deren getrocknete Exkremente.
Einen Nachmittag verbrachte ich im Stadtzentrum, um zumindest einmal in der Türkei Straßenmusik gemacht zu haben. Sinan versuchte, mich davon abzuhalten.
»In Türkei Menschen nix geben Musik!« Aber ich bestand darauf.
Der Platz war alles andere als ideal. Aber egal, ich wollte ja nur mal sehen, wie die Leute reagierten. Zuschauer hatte ich jedoch schon zuhauf, bevor ich überhaupt anfing. Fast immer standen mehr als zehn Leute um mich, oft klatschten sie sogar im Rhythmus mit. Auffällig viele junge Menschen. Lag wohl daran, dass sich in Konya die größte Universität der Türkei befand.
Dann die ersten Spenden. Ein Zuhörer gab die großzügige Summe von zwanzig Lire, umgerechnet mehr als zehn Euro! Der eigentliche Kaufwert in der Türkei war jedoch um ein Vielfaches höher, der Durchschnittsverdienst in Deutschland betrug etwa das Zehnfache. Mit anderen Worten: Das war, als hätte mir jemand in Deutschland einen Hundert-Euro-Schein in den Hut gelegt!
Am letzten Abend war die Stimmung gedrückt. Sinan bot mir zwar mehrfach an wiederzukommen – am besten, sagte er, mit der ganzen Familie und für mindestens ein halbes Jahr –, aber es war doch allen klar, dass es, wenn nicht der allerletzte, dann zumindest der letzte Abend für sehr lange Zeit sein würde.
Sinan war mittlerweile mehr als ein Freund. Er war die Türkei für mich. Durch ihn und seine Familie hatte ich die Möglichkeit erhalten, das Land zu erleben. Zehn Tage versorgte er mich mit allem, was im Rahmen seiner Verhältnisse möglich war, ohne auch nur die geringste Gegenleistung zu erwarten.
Zum Abschied gab mir Fatima Proviant für die nächsten zwei Tage mit; ich notierte mir Sinans Adresse und hoffte, ihn und seine Familie eines Tages wiederzusehen.
Der Bus nach Antakya fuhr wieder über Nacht. Es war viel zu eng und unbequem, als dass ich viel hätte schlafen können. Aber ich hatte noch genügend Reserven und war deswegen bester Laune, als ich in Antakya drei Stunden auf meinen Anschlussbus zur syrischen Grenze wartete. So schwer mir der Abschied von Konya gefallen war und so schöne Stunden ich dort verbracht hatte, genauso sehr freute ich mich, wieder unterwegs zu neuen Abenteuern zu sein.
Zwei verschiedene Busse fuhren nach Syrien: einer nach Aleppo, einer nach Damaskus. Leider gab es keine Karte von Syrien, deshalb konnte ich nicht sehen, welche der beiden Routen schneller nach Israel führte. Ohne also zu wissen, wohin die Fahrt ging, entschied ich mich für Damaskus.
Neben dem Busfahrer gab es immer eine zweite Person, so eine Art Busführer. Seine Hauptaufgabe bestand darin, an den Busbahnhöfen der Städte und Ortschaften den Zielort des Busses zu brüllen. Von so einem Busführer wurde ich beim Einsteigen gefragt, ob ich schon ein Visum für Syrien hätte.
Natürlich hatte ich keines.
»Das bekomme ich an der Grenze«, erwiderte ich viel überzeugter, als ich war. Er blickte mich irritiert an.
»Visum – Grenze«, sagte ich noch mal langsam und deutlich. Damit schien er zufrieden zu sein und ließ mich einsteigen. Ich war beunruhigt. Bekam man als Deutscher wirklich sein Visum an der Grenze, so wie bei der Einreise in die Türkei? Ich hatte bislang tatsächlich wenig darüber nachgedacht.
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