In solchen Situationen war es so gut wie ausgeschlossen, dass jemand stehen blieb, um zuzuhören – dazu mussten viel mehr Menschen unterwegs sein oder bereits andere dastehen und zuhören. Der Erste zu sein, ist schwer. Welche Kraft es war, die die Menschen daran hindert, wusste ich nicht; vielleicht Angst, Respekt oder Scheu – jedoch sollte ich bald feststellen, dass es solche Berührungsängste in anderen Kulturen nicht gab.
Erst beim sechsten Lied bekam ich fünfzig Cent. Damit war ich erlöst. Denn prinzipiell gab ich nie einen Platz auf, ohne die erste Spende erhalten zu haben – auch wenn es manchmal sehr lange dauern konnte. Also nahm ich die fünfzig Cent plus Ködereuro aus meinem Hut und packte meine Sachen. So schlecht wie heute war es nur selten gewesen. Fünfzig Cent in einer knappen halben Stunde! Lust zum Weiterspielen hatte ich trotzdem noch, ich musste nur einen besseren Platz finden …
Hundert Meter weiter fand ich ihn. Auf den ersten Blick sah er gar nicht so viel besser aus, aber schon nach dem ersten Stück – Mrs. Robinson , von Simon & Garfunkel – war klar, dass ich die richtige Wahl getroffen hatte. Drei Leute waren stehengeblieben, ich bekam sogar Applaus. Und es ging weiter bergauf. Nach und nach kamen die Inhaber der Geschäfte auf die Straße und hörten zu, dreimal bekam ich sogar einen Fünf-Euro-Schein. Ich spielte, bis ich mit meinem Repertoire wieder von vorne beginnen musste. Eine freundliche Dame brachte mir etwas zum Trinken, und als meine Stimme nach zwei Stunden allmählich am Ende war, wurde ich von ein paar älteren Männern auf ein Glas Ouzo eingeladen.
Schon wurde ich ausgefragt. Warum ich das hier mache und wo ich sonst noch überallhin reisen wolle. Sie meinten, es sei schön, dass hier auf Kos auch um diese Jahreszeit einmal etwas los sei – normalerweise seien die Wintermonate todlangweilig. Als ich ihnen jedoch erzählte, dass ich morgen in die Türkei weiterreisen wollte, zeigten sie sich wenig erfreut.
»Warum ausgerechnet in die Türkei?«, fragten sie mich in ihrem gebrochenen Englisch.
»Ich will nach Israel. Da muss ich wohl durch die Türkei … «
Besorgte Mienen.
»Ist das denn so schlimm?«, wollte ich wissen.
»Ja«, sagte einer. »Die Türken sind schlechte Menschen.«
»Nein«, widersprach ein anderer. »Sie sind keine schlechten Menschen, aber unfreundlich und ungehobelt.«
»Und außerdem kann es gefährlich werden für einen Alleinreisenden wie dich«, fiel der Dritte ein. Er neigte sich nach vorne. Ernst sah er mir in die Augen und sagte mit gedämpfter Stimme: »Sie klauen dort wie die Raben.«
Dass sie übertrieben, lag auf der Hand. Doch wie sehr, konnte ich schlecht einschätzen.
»Gibt’s denn wenigstens Landesteile, wo es etwas sicherer ist zum Reisen?«
»Keine Ahnung«, sagte der Erste, »ich glaube, es ist überall ziemlich ähnlich. Du müsstest es doch eigentlich wissen«, meinte er zu dem Dritten. »Du warst doch schon mal dort, oder nicht?«
»Nein«, antwortete er kopfschüttelnd. »Aber mein Bruder, und was der erzählte, reicht.«
»Ihr seid noch nie in der Türkei gewesen? Das ist doch nur eine halbe Stunde von hier.«
»Und wenn’s nur eine Minute wär!«
»Woher wisst ihr dann so genau, wie es dort ist?«
»Ich weiß nicht, wie es dort ist«, sagte der Zweite von ihnen. »Aber ich weiß, was ich höre. Und das ist immer das Gleiche und nie etwas Gutes.«
Nach dem dritten Glas Ouzo verabschiedete ich mich von den Männern und machte mich auf den Weg zu meiner Unterkunft.
Allen Erzählungen zum Trotz befand ich mich am nächsten Morgen auf dem Schiff in die Türkei.
Das Schiff war kaum besser als eine Nussschale. Die fünfzehn anderen Passagiere saßen in der vollbesetzten Kajüte vor ihren Kotztüten. Die See war rau. Der Wind peitschte die Wellen meterhoch und warf das Boot von einer Seite zur anderen. Ich verbrachte die meiste Zeit draußen an Deck; das bedeutete zwar, dass ich nass wurde, was ich dem Geruch drinnen allerdings immer noch vorzog.
Im Hafen machte ich das erste Mal von meinem Reisepass Gebrauch. Der Beamte hinter dem Schalter stellte mir ein paar Fragen, ohne sich übermäßig für meine Antworten zu interessieren, stempelte meinen Pass und klärte mich auf, dass ich ab heute drei Monate Aufenthaltserlaubnis in der Türkei hätte.
Bodrum war bekannt für seine wunderschöne Lage am Meer und ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen, doch durch den grauen Schleier, der heute über dem Meer, den angrenzenden Klippen und der Stadt lag, war von alledem nicht viel zu sehen.
Die Busbahnhöfe in der Türkei wurden zumeist von Dutzenden Busunternehmen angefahren, deren kleine Büros sich in den umliegenden Häuserzeilen befanden. Als ich mich dem Busbahnhof näherte, stürmte eine Schar Türken auf mich zu.
»Wo wollen Sie hin? Wo wollen Sie hin?«, riefen sie in ziemlich schlechtem Englisch durcheinander.
Ich war überfordert. War das noch Gastfreundschaft oder schon Aufdringlichkeit?
»Das weiß ich noch gar nicht, ich … « Noch bevor ich ausreden konnte, zog mich schon einer von ihnen am Ärmel hinter sich her. Während ich mich noch fragte, ob man sich hier nur um Touristen oder auch um Einheimische so intensiv bemüht, stand ich schon vor dem Schalter eines Reisebüros und suchte auf einer Türkeikarte an der Wand nach einer geeigneten Route.
»Dort will ich hin!«, sagte ich und deutete mit dem Finger auf den Grenzübergang zwischen der Türkei und Syrien.
»Das ist weit«, antwortete der Mann hinter dem Schalter. »Sie müssen erst nach Konya – das sind etwa elf Stunden Fahrzeit – und dann umsteigen in einen Bus nach Antakya. Noch mal knappe zehn Stunden.«
Nach kurzem Smalltalk nannte er mir den Gesamtpreis von 62 Neue Türkische Lire.
In Euro umgerechnet entsprach der Preis etwa 33 Euro; davon achtzehn für die Fahrt nach Konya, weitere fünfzehn bis nach Antakya. Von dort aus sei es nur noch eine Busstunde bis zur syrischen Grenze. Ich hatte noch kein Geld gewechselt, doch er nahm auch Euro und gab mir das Wechselgeld in Lira zurück.
Abfahrtszeit: früher Abend. Bis dahin wollte ich Proviant einkaufen und mir die Gegend ansehen. Als ich aber mit einer Handvoll Karotten, zwei Äpfeln und einem Fladenbrot vom Markt kam, schlug das leichte Nieseln plötzlich in einen gewaltigen Platzregen um. So schnell es ging, eilte ich zurück zum Busunternehmen. Dort begrüßte mich der Chef lächelnd mit einem »Willkommen in der Türkei!« und reichte mir ein Handtuch. Weil es pausenlos weiterregnete, verbrachte ich den restlichen Nachmittag hier. Ein älteres Ehepaar und eine Frau mittleren Alters warteten ebenfalls auf ihren Bus. So gut es ging, kamen wir ins Gespräch und die Frau, die etwas Englisch sprach, versuchte, mir ein paar türkische Wörter beizubringen.
Das wichtigste Wort für einen Straßenmusiker? »Danke«. Normalerweise eher kurz und einfach. Wie »Merci«, »Gracie« oder »Thank you«. Im Griechischen wunderte ich mich noch über das relativ schwierige »Efcharistó«. Doch das türkische »Teşekkür ederim« wurde das wohl schwierigste »Danke« meiner Reise.
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