Ich war mir damals intuitiv darüber im Klaren, dass wir uneingeschränkt risikobereite Wesen sind, die diese Welt als Spielwiese ihrer persönlichen Entdeckungsreise nutzen können. Und ich hatte keine Lust, meinen Schatz erklären zu müssen. Für mich war er mehr als real und nur das zählte. Interessanterweise bekam ich nach dieser ersten Erfahrung ganz automatisch ein anderes Verhältnis zur Realität.
In meiner Schule gab es einen größeren Jungen, der es ganz besonders auf mich abgesehen hatte. Ich wusste, er lauert mir auf. Ich wusste, wenn ich ihm über den Weg laufe, beziehe ich Prügel. Das geschah alle zwei Wochen einmal. Aber nach dem ersten Ausritt auf meinem Rauchkringel hatte diese lähmende Angst ihre Wirkung verloren.
Obwohl der Junge zum Ringen ging und unglaublich stark war, ging ich bei unserer nächsten Begegnung auf ihn zu. Ich wusste, mir wird nichts passieren, was ich nicht schon erfahren (oder erflogen) hatte. Ich besaß damals ein Fahrrad mit Rennlenker und Tacho. Mein ganzer Stolz. Ich wusste, dass dieser Teufel meinen Tacho unbedingt haben wollte. Er hatte immer irgendetwas von mir bekommen, es geklaut oder mir abgenommen. Ich ging also auf ihn zu und sagte: »Na, wie geht’s? Willste meinen Tacho haben? Nimm ihn dir! Abschrauben musste ihn aber selber! Na, los! Mach! Ich muss gleich zum Judo.« Zum da maligen Zeitpunkt ging ich allerdings noch nicht zum Judo. Ich weiß nicht, was da in mich gefahren war. Ich hatte mir diese Offensive keineswegs vorgenommen.
Normalerweise hätte ich auf dem Absatz kehrt gemacht und wäre geflüchtet. Oder ich wäre wie ferngesteuert auf ihn zugegangen und hätte stumm meine Prügel abgeholt. Aber diesmal ging ich selbstbewusst auf ihn zu. Ich sah mir sogar dabei über die Schulter und fand mich ziemlich cool. Genau in dem Moment befand ich mich wieder im Treppenhaus meiner Puppenstube. Ich flog mit ausgebreiteten Armen das Treppenhaus hinunter und freute mich auf den dumpfen Aufprall. Dabei musterte ich meinen Peiniger mit verachtendem Todesmut. Kurz bevor ich zwischen Fahrrädern und Kinderwagen aufschlug, hörte ich den Jungen sagen: »Okay, verpiss dich. Aber beim nächsten Mal biste dran.« Ich habe ihn nie wieder gesehen.
Aber der Traum blieb. Noch Jahre nach dem ersten Ritt auf dem Rauchkringel hatte ich nachts diverse luzide Träume, die mich durch das Treppenhaus katapultierten. In diesen Träumen wurde ich mir jeweils kurz vor dem Absprung ins Treppenhaus bewusst, dass ich träumte. Ich konnte ab da den Flug durch das Treppenhaus beliebig verlängern und entwickelte wahre Kunstflüge. Während ich Loopings und Rollen flog oder nur sanft dahinglitt, entwickelte sich das Bewusstsein endlosen Potenzials und grenzenloser Freiheit und Glücks. Diese emotionale (selbstgesteuerte) Erfahrung war so stark, dass ich sie, wann immer ich wollte, im Tagesgeschehen aktivieren konnte.
Komischerweise träumte ich meinen »Flug durchs Treppenhaus« immer genau dann, wenn ich am nächsten Tag in der Schule eine Klassenarbeit schreiben musste. Die Angst, die ich normalerweise vor solchen Tests hatte, blieb nach einem luziden Treppenhausflug jedoch aus und ich konnte mich auf die Arbeit konzentrieren. Das Ergebnis fiel dann oft um ein bis zwei Noten besser aus. Obwohl ich ein stinkfauler Schüler war.
Die Fähigkeit, außerkörperlich zu reisen und sich dessen dabei bewusst zu werden sowie sie in einen luziden Traum zu integrieren, verlor sich im Laufe der Jahre. Niemand sprach zu jener Zeit offen über derlei »Abnormitäten«.
Ich habe diese Fähigkeiten später in verschiedensten Intuitions– und Mentalseminaren wieder wachrufen müssen.
Entscheidend ist dabei aber nicht, etwas »verloren« zu haben, sondern sich bewusst zu machen, dass alle diese Fähigkeiten wieder erlernbar sind.
Die bewusste Wahrnehmung unserer Träume ist ein uraltes menschliches Potenzial, das es uns ermöglicht, ungeahnte Fähigkeiten direkt ins Tagesgeschehen zu integrieren.
Der Traum – Schatzkammer unseres Unbewussten
Wir alle träumen. Jede Nacht, ausnahmslos. Auch wenn wir uns nicht immer unserer Träume erinnern können. Träume stellen sich hauptsächlich während der sogenannten REM-Schlafphasen ein. Sie nehmen gegen Morgen hin, wenn der Körper sich während der Nacht erholt hat, zu. Deshalb erinnern wir uns am besten an die Träume, die wir kurz vor dem Aufwachen haben. Träume sind unsere Schatzkammern des Unbewussten. Wir sind in der Lage, in unseren Träumen zu lernen, Traumata aufzuarbeiten, Erfahrungen zu machen, uns in Zeit und Raum zu bewegen, mit Problemen fertig zu werden und zu gesunden. Der Traum ist ein Spiegel unseres wahren Selbst, der uns, beziehungsweise einen bestimmten Teilbereich von uns, reflektiert. Diesen meist unbewussten Teilbereich können wir dadurch erkennen und bewusst in unser Leben integrieren.
Im Traum kann sich unsere Ich-Identifikation mehrmals während eines einzigen Traumes auflösen. Wir können uns von außen wie von innen betrachten. Wir können gleichzeitig zu einem unserer Traum-Gegenüber werden und empfinden plötzlich wie er. Wenn wir es schaffen, uns das Geträumte zu merken und uns unserer Emotionen während des Traums bewusst zu werden, können wir viel über uns lernen. Wir können dadurch intuitiv Probleme lösen, schwierige Aufgaben spielerisch meistern und emphatisch verstehen lernen, was unser Gegenüber tatsächlich meint. Auch wenn dieses Gegenüber uns scheinbar verletzt. Es ist nichts als ein innerer Seelenspiegel, die jeweils unbewusste Seite unserer Vollkommenheit.
Im Traum begegnen uns »Feinde« und »Freunde«. Erstere lösen möglicherweise Albträume aus. Solange wir sie nicht »enträtseln«, kehren sie häufig wieder. Aber keine Angst. Sie sind Hilfen, die unendlich wertvoll sind.
Auch wenn das folgende Beispiel für den einen oder anderen ein wenig drastisch anmuten mag, so schildert es doch, wie intensiv unsere Träume versuchen, mit uns zu kommunizieren: Eine Teilnehmerin aus meinen Coachings klagte jahrelang über einen ständig wiederkehrenden Traum. Sie musste sich, während sie inmitten von Schaulustigen stand, immer wieder eine glitschige Masse aus Rachen und Mundraum entfernen. Das war ihr äußerst peinlich und sie schämte sich für das, was da in ihr war.
Im Coaching machte ich mit ihr eine innere Reise zur Bedeutung dieses Traums. Es ist sehr wichtig, selbstständig mental und emotional zu verstehen, was ein Traum sagen möchte. Es nutzt nichts, Handbücher über Traumsymbole zu wälzen, da jeder Mensch eine andere Beziehung zu einem jeweiligen Symbol hat. Für den einen ist zum Beispiel ein Hund ein Herzöffner, für den anderen eine Bestie.
Auf dieser inneren Reise entwickelte sich ihr Albtraum weiter. Es eröffneten sich ihr Räume bis hin zu ihrer Kindheit, in der sie sah, wie sie im Bett eines Familienangehörigen »Höhle« spielen musste. Dieser Familienangehörige machte dabei immer »tierische« Laute. Stück für Stück wurde meiner Klientin bewusst, welch sexuellen Übergriffen sie ausgesetzt war. Sie konnte ab diesem Zeitpunkt plötzlich viele Kindheitsbilder einordnen. Auch im Vorübergehen aufgeschnappte Sätze der Eltern bekamen plötzlich Sinn. Das Entscheidende dabei aber war, dass ihr das niemand von außen erklärt oder vorgeführt hatte. Sie kam von selbst darauf, indem sie ihren Traum, die Stimme ihres Unbewussten, nutzte, um der verdrängten Wahrheit auf den Grund zu kommen.
Da der Traum als solcher jahrelang Spiegelbild ihrer inneren Ahnung war, machte ihr die Entschlüsselung keine Angst. Im Gegenteil. Sie war erleichtert, endlich die Wahrheit erkannt zu haben. Als aus der Ahnung Gewissheit wurde, hatte der Traum seine Aufgabe verloren und kehrte nicht mehr wieder.
Indem wir im Coaching meditativ in den Albtraum einstiegen und darauffolgende Traumbilder im geschützten Rahmen entstehen lassen konnten, war meine Klientin offen für die neuen und wegweisenden Informationen.
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