Große Kunst kann dieselbe Wirkung haben. Ein Lied, ein Gedicht, ein Gemälde oder eine poetische Sprache erlauben deinem Herzen, zu vernehmen, was deine Ohren nicht hören können, und deiner Seele, zu erblicken, wofür deine Augen blind sind. Das Paradox der Sprache liegt darin, dass sie uns beschränkt, aber gleichzeitig auch befreien kann. Die Aufgabe des Künstlers ist es also, eine Sprache zu verwenden, die das konventionelle Bewusstsein durchdringt und die üblichen Ausdrucksformen überwindet, so-dass du den Telefonanruf Gottes beantworten kannst. Das Licht der Morgendämmerung enthüllt sich und weckt dich aus dem Schlaf der Illusion.
Ein Bodhisattva ist eine Art von Buddha, der seine Erleuchtung und seine »Buddhaschaft« bewusst verschiebt und in den Zyklus des Lebens zurückkehrt, um andere bei ihrem Erwachen zu helfen. Der Teil deiner selbst, der den Ruf zum Erwachen erhört, und der bereit ist, andere zu erwecken und das Licht mit ihnen zu teilen, das ist der Bodhisattwa in dir. Sein Modus Operandi ist Mitgefühl und er kann in unzählig vielen Formen auftauchen. Er erscheint als Träumer, als Geliebter, als Künstler, als Heiler, Mutter, Arbeiter oder auch als Gärtner. Eines der bekanntesten Beispiele ist das des mythischen Bodhisattvas Avalokiteśvara, dessen Namen im Sanskrit so viel wie »Herr, der nach unten schaut« bedeutet.
Ein bestimmtes Thema kommt häufig in verschiedenen Kulturen und Schriften vor, unabhängig von Religion und Rasse. Es ist der Gedanke, dass Menschsein bedeutet, die Verantwortung für die Fortdauer des Lebens zu tragen. Beginnt nicht jeder Tag im Leben mit dem Erwachen? Wer oder was ist es in dir, der dich erweckt? Vielleicht ist es gerade jener »Herr, der nach unten schaut«, der tief in deiner Seele wohnt, an einem Ort, der jenseits deines gegenwärtigen Lebens liegt. Dort gibt es einen Brunnen des Wissens, der gleichzeitig innerhalb und außerhalb deiner selbst ist. Du bist in diesem Brunnen und er ist in dir. Dieser Brunnen ist der »Herr« und du bist dieser Brunnen. Er ist das Auge, das immer geöffnet ist, selbst wenn es geschlossen ist. Er ist der Atem, den du jetzt atmest, der dich in die Welt gebracht hat, und der auch dann fortdauert, nachdem du gegangen bist und aufgehört hast, ihn zu tragen. Er ist das Licht, das dir zuwinkt aus einer unauslöschlichen Quelle des Lebens jenseits deiner selbst. Deus factus sum – Ich bin zu Gott geworden. Du bist es.
Die Kosmologie ist die Erforschung und das Studium der natürlichen Ordnung des Universums oder des Multiversums, wobei die Theorie des Urknalls eine zentrale Rolle spielt. Schon Pythagoras verwendete das Wort »Kosmos« in Bezug auf das physikalisch beobachtbare Universum. Der Naturforscher Alexander von Humboldt publizierte ein Werk mit dem gleichen Titel, dessen Untertitel lautet: »Entwurf einer physischen Weltbeschreibung.« Schließlich benutzte auch der amerikanische Philosoph Ken Wilber in seinem Magnus Opus Eros, Kosmos, Logos (ebenso wie in dem kürzeren, leichter zugänglichen Eine kurze Geschichte des Kosmos) den Begriff »Kosmos«, der auch im englischen Original mit »K« geschrieben wird, und er bezieht sich dabei auf die gesamte Evolution allen Seins, einschließlich der Materie, des Lebendigen und des Geistigen. Wilber bezieht also die Evolution des Bewusstseins in seine Beschreibung des Kosmos mit hinein, im Gegensatz zu der Beschränkung auf die Materie in einem Buch wie Eine kurze Geschichte der Zeit des Physikers Stephen Hawking.
Wichtig ist hier folgender Gedanke: Jenseits des physischen Kosmos, der ohnehin schon spektakulär ist, gibt es eine prachtvolle, wunderbare Realität, aus der die physische Materie hervorspringt. Bewusst an dieser Realität teilhaben bedeutet, den Reichtum der physikalischen Wirklichkeit zu vermehren. Es gibt Geist und es gibt Gehirne, genauso wie es den Traum gibt und einzelne Träume. Aufzuwachen heißt nicht, dass etwas von dem Traum hinweggenommen oder dass der Traum reduziert wird. Aufzuwachen heißt, dass das Schauspiel des Lebens illuminiert wird und immer weitere Schichten des kosmischen Kontextes sichtbar werden.
Eines Nachmittags – ich war gerade kurz vorher nach Kalifornien gezogen – ging ich in einen Laden in South Central Los Angeles, um ein Getränk zu kaufen. Ich unterhielt mich mit dem Kassierer, der halb blind war. Da klingelte die Ladenglocke und ein Bekannter des Kassierers kam herein. »Was gibt’s Neues, was ist los«, begrüßte er diesen. Darauf der Kassierer: »Genau, das ist die Frage! Was ist los? Was ist wirklich los? Das möchte ich auch wissen.«
Und das ist in der Tat die Frage: »Was ist eigentlich wirklich los? Woher kommt die Wärme, die das Feuer wärmt, das es ihm seinerseits erlaubt, das Zimmer zu heizen? Wer oder was ist das »es« in »es regnet«? Beobachte einen Schwarm Vögel oder Fische. Erlebe, wie sich die Herzschläge von Mutter und Kind synchronisieren. Dann wirst du vom Spirit, vom Geist berührt, von dem ewigen Du, von der Einheit, die ist und die immer war. Der Geschmack und die Konsistenz des Samadhi – der tiefsten Versenkung jenseits allen Denkens – ist um dich herum. Es ist der Geschmack einer unendlich reichen Leere, der Geschmack eines gewaltigen Nichts, in dem alle Möglichkeiten unvermeidlich sind.
Luft schmeckt nach Wasser, Wasser schmeckt nach Milch und Milch schmeckt nach Honig. So wie in dem Laden in Los Angeles gibt es auch in dir einen Blinden und einen Freund. Manchmal muss der Freund den Blinden aufsuchen und ihn darum bitten, ihm zu helfen, die Welt anders zu sehen. Die Antwort auf das Rätsel liegt im Prozess des Erwachens selbst. Du brauchst es nicht auf einem Berggipfel im Himalaja zu suchen oder darauf zu warten, dass ein Guru es dir zuflüstert. Nein, du findest es im Laden an der Ecke, 24 Stunden am Tag geöffnet. Der Schlüssel ist immer schon in deiner Tasche.
Der Traum
Eine schöne Seite der Nichtdualität ist die Wiedergeburt der Dualität, die Freude des Auf-die-Welt-Kommens. Was in einem nicht linearen Traumzustand oder im Zustand meditativer Versunkenheit geschieht, kann wunderbar unbeschreiblich sein. Das Göttliche ist ohnehin nicht in Worten ausdrückbar. Aber auch das Greifbare, das Erfahren und Erleben bringen Wachstum, Schmerzen und viel Schönheit.
Du kennst diesen Moment, wenn du im völligen Wachzustand auf den Mond schaust, der die unsichtbare Sonne hell reflektiert, und du den Mann siehst und dann den Hasen, wenn dann urplötzlich diese Ahnung aus deinem Inneren aufsteigt und du das Selbst siehst, das ewige Selbst, das jenseits deiner selbst ist und alles Selbst durchdringt.
Die Wahrnehmung der Zeit ist ein Produkt der Evolution, ein im Entstehen begriffener, funktionaler Aspekt der linearen Organisationsweise des menschlichen Geistes. Ihr Zweck ist es, das Überleben in dieser relativen Welt zu ermöglichen. Das Sterben ist also nicht so tragisch, wie nicht wiedergeboren zu werden. Und da bin ich, da bist du – da ist die glorreiche Wiedergeburt von allem, genau dort im Licht des Mondes, der Tod und die Wiedergeburt, von Augenblick zu Augenblick. Es ist so, als folge man einem Stern, dessen Funktion es ist, dich gerade so weit in die Irre zu führen, dass du wiedergefunden werden kannst. Das genau ist der Telefonanruf Gottes.
Was die menschliche Kognitionsfähigkeit angeht, so ist die Ironie ja die Tatsache, dass der Verstand beständig versucht, etwas zu »fassen«, und zu be-«greifen«, was außerhalb seiner Reichweite liegt. Der Verstand ist eine außerordentliche Maschine, machtvoll, aber gleichzeitig beschränkt. Der Verstand ist allenfalls in der Lage, eine Straßenkarte zu erstellen, auf der die Pforten in eine andere Welt markiert sind. Jenseits dieser Pforten gibt es keine Straßen mehr, nur noch unbefahrenes Gelände. Erfahre die Gesamtheit der Existenz, indem du sie mit dir selbst füllst. Und da du selbst ein Teil dieser Existenz bist, füllt sie gleichzeitig auch dich. Alles ein und dasselbe.
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