Darüber hinaus versuchte ich, jeden individuellen Patienten – und ich betone das Wort individuell – in ein Behandlungsschema zu pressen, anstatt wirklich zu verstehen, was ich bei meinen Tänzern und anderen Patienten vor mir sah (einen verlängerten M. psoas und verlängerte Hüftbeuger), um dies angemessen anzugehen.
Ich hatte also zugelassen, dass meine Ausbildung schwerer wog als meine Erfahrung. Hätte ich dieses Zitat gekannt – und vor allem seine Bedeutung wirklich verstanden – hätte ich bei den Tänzern und Patienten, die ich vor vielen Jahren behandelte, einen anderen Ansatz gewählt. Nichts kann die Bedeutung der klinischen oder praktischen Erfahrung wirklich ersetzen… außer vielleicht die Lektionen, die man aus diesen Erfahrungen lernen muss. Um ehrlich zu sein ist das Konzept einer stärkeren Kippung des Beckens nach vorne und einer Lumballordose als Ursache für Probleme im unteren Rücken und den Hüften sowie eine Fülle anderer Dysfunktionen heute noch ebenso vorherrschend in der Rehabilitation und dem Training wie vor vielen Jahren.
Seit diesen frühen Tagen, in denen ich selbstkritisch überlegte, ob ich jemals gut genug sein und genug wissen würde, um anderen tatsächlich helfen zu können, bin ich sehr viel aufgeschlossener und mit größerer Demut an meine Arbeit herangegangen. Jeder Einzelne, der sich vertrauensvoll von mir behandeln und betreuen lässt, wird von mir fortwährend neu eingeschätzt, behandelt und/oder trainiert. So glücklich ich auch bin, dass ich vielen helfen kann, ihre Gesundheits- und Fitnessziele zu erreichen, interessiere ich mich noch sehr viel mehr für diejenigen, denen ich nicht helfen kann – den Personen, deren Zustand sich eigentlich verbessern sollte und die alles Nötige für eine Besserung tun, aber dennoch weiterhin eine chronische Dysfunktion aufweisen, die sie daran hindert, ihre Gesundheits- und Fitnessziele zu erreichen.
Wir werden für unsere Erfolge anerkannt, aber wir lernen aus unseren Misserfolgen. Jeder einzelne Tag, an dem ich praktiziere, ist ein Tag des Lernens. Jeden Tag erfahre ich Anerkennung … und jeden Tag bieten sich mir Gelegenheiten, weiter zu lernen. Wenn es mir nicht gelingt, einem Patienten zu helfen, lasse ich mich auf einen neuen Weg der Entdeckung und des Lernens ein.
Dieses Buch ist tatsächlich eine »klinische Momentaufnahme« der Lektionen, die ich während der Jahre meiner Berufspraxis gelernt habe, in denen ich mit tausenden von Personen gearbeitet habe, die Dysfunktionen im unteren Rücken, im Becken und in den Hüften aufwiesen. Mangels eines besseren Begriffs ist dieses Buch auch ein Kompendium der Herangehensweisen, die wir in unserer Klinik üblicherweise bei einem Patienten mit Dysfunktionen des Rückens, des Beckens und der Hüften befolgen – nicht nur bei Athleten und Personen, die körperliche Höchstleistungen erbringen müssen.
Wie ist dieses Buch aufgebaut und wie kann es Ihnen helfen? Das Buch soll eine Geschichte über den Psoas-Muskel erzählen, dabei baut jedes Kapitel auf den Inhalten des vorherigen Kapitels auf. Dennoch enthält jedes Kapitel genügend praktische Informationen, sodass Sie sich über das jeweilige Thema informieren können, auch wenn Sie ein Kapitel überspringen wollen. Falls Sie ein Kapitel übersprungen haben und sich nun Fragen zu den Übungen ergeben, sollten Sie jedoch auf jeden Fall die vorherigen Kapitel lesen, insbesondere das Kapitel 1zur funktionellen Anatomie, um etwaige Lücken zu schließen, die in späteren Kapiteln möglicherweise auftauchen.
Wie erwähnt befasst sich Kapitel 1mit der funktionellen Anatomie, d.h. mit den Ansätzen des Psoas-Muskels an Knochen und Faszien und auf der Grundlage dieser Architektur mit der wahrscheinlichsten Funktion dieses Muskels bei Haltung und Bewegung. In diesem ersten Kapitel werden auch mehrere verbreitete Ansichten über den Psoas-Muskel angesprochen. Wenn beispielsweise der M. psoas ein reiner Hüftbeuger ist, warum setzt er dann an allen Wirbelkörpern von T11 bis L5 an und warum hat er Faszienverbindungen mit dem Zwerchfell, dem M. transversus abdominis und dem Beckenboden? Wenn der Psoas bei der Beckenbewegung eine Rolle spielt, welchen Hinweis geben dann die Ansätze des Muskels an der Vorderseite des Beckens auf seinen wirklichen Einfluss auf die Beckenbewegung? Auf der Grundlage seiner Anatomie und der heute vorliegenden klinischen Forschung werde ich erklären, dass die Funktion des M. psoas deutlich vielfältiger als bei einem reinen Hüftbeuger ist, und ich werde begründen, warum er nicht zur Kippung des Beckens nach vorne beiträgt. Zusätzlich werde ich kurz besprechen, wie die Funktion des M. psoas synergistisch mit mehreren Muskeln des Rumpfes, der Wirbelsäule, des Beckens und des Hüftkomplexes verbunden ist einschließlich der Mm. multifidi, des M. iliacus und des M. gluteus maximus.
Es gibt eine anhaltende Diskussion über den Begriff der Core-Stabilisierung und deren Beitrag sowohl zur Wirbelsäulenstabilisierung als auch zur Gesamtleistung. Diese Diskussion konzentriert sich weniger darauf, ob die Core-Stabilität wichtig ist oder nicht, sondern darauf, welche Muskeln für sie am wichtigsten sind und mit welcher Strategie die ideale Core-Stabilität am besten erreicht wird. Auch wenn dies bei den Diskussionen häufig unberücksichtigt bleibt, ist die dreidimensionale Atmung bei der Entwicklung und dem Erhalt einer optimalen Strategie zur Core-Stabilisierung eine wichtige Komponente. In Kapitel 2bespreche ich den Begriff der dreidimensionalen Atmung und die Rolle des Psoas bei der Stabilisierung des Rumpfes, der Wirbelsäule und des Beckens während der Atmung. Es gibt keine Forschungsarbeit, die sich mit der Rolle des Psoas in Bezug auf die Atmung befasst, aber in Anbetracht seiner Faszienverbindungen zum Zwerchfell und zum Beckenboden nehme ich mir die Freiheit zu behaupten, dass der Psoas bei der Atmung und der Core-Stabilität wahrscheinlich eine wichtige Rolle spielt. Kapitel 3gibt eine Einführung in die Entwicklung einer effizienten Strategie zur Core- und Hüft-Stabilisierung, basierend auf der neuesten Forschung zu diesem Thema und nennt Beispiele, wie wir diese Konzepte in die Übungsprogramme unserer Patienten einbinden können.
Letztlich liegt der Schlüssel zu einer erfolgreichen Verbesserung der Psoas-Funktion in der Fähigkeit, diesen Muskel in grundlegende Bewegungsmuster einzubinden. Grundlegende Bewegungsmuster sind solche, die für die meisten Aktivitäten des Lebens bedeutsam sind. Im Wesentlichen können die meisten Aktivitäten des Alltags, im Sport und im Beruf auf sieben Grundbewegungen zurückgeführt werden. In den Kapiteln 4–7stelle ich einige dieser grundlegenden Bewegungsmuster vor und bespreche, wie der M. psoas an ihnen beteiligt ist. Diese Liste von Bewegungsmustern ist nicht vollständig, aber ich bespreche die Beteiligung des Psoas an Mustern wie Kniebeuge (Squat), Ausfallschritt (Lunge), Rumpfbeuge und Hüftbeugung/Hüftstreckung. Auch hier gilt wieder: Wo es keine aktuellen Forschungsergebnisse zur Rolle des Psoas gibt, extrapoliere ich seine Funktion auf der Grundlage der vorherigen Besprechung der funktionellen Anatomie, sodass wir bei der Besprechung des Beitrags dieses Muskels zur jeweiligen Bewegung zumindest einen Ausgangspunkt haben.
In der Schlussbetrachtung nenne ich die aktuellen Grenzen unseres Wissens und wo zusätzliche Forschungsarbeiten zum M. psoas von Vorteil wären. Ich habe im Anhang am Ende des Buches auch mehrere zusätzliche Themen mit Bezug zum Psoas-Muskel aufgenommen, um weitere Themen aufzugreifen, die in den einzelnen Kapiteln nicht behandelt wurden. Der Anhang enthält Besprechungen zur Haltung, zur Untersuchung, zur Rolle korrektiver Übungen, zur Sitzposition, die eine optimale Funktion des Psoas gewährleistet, zum Verhältnis zwischen Beckenboden und Psoas und der Beteiligung des Psoas an häufigen Hüfterkrankungen wie Rissen im Labrum glenoidale und femoro- acetabuläres Impingement (FAI).
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